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AfD-Gegenproteste: Unterwegs mit den Zahlenmeistern

Der Erfurter Dom ist dunkel und auch die Teilnehmerzahlen der AfD-Demonstration stehen im Schatten ihrer Vorläufer. Ungefähr 4000 Menschen mobilisierte die Thüringer Alternative für Deutschland an diesem Mittwoch. Der Gegendemonstration dagegen folgten dreimal mehr Personen, als noch vor zwei Wochen. Während der Demonstrationszug vom Bahnhof über den Anger auf 2000 bis 2500 geschätzt wurde, stießen am Domplatz weitere Gruppen dazu, um sich Björn Höcke und seinen Anhängern entgegenzustellen.

Zahlen bedeuten Macht. Spätestens im letzten Winter begannen die großen Zahlenschlachten der jüngsten Vergangenheit. Pegida und Legida stiegen durch ihre Teilnahmermengen zu einem politischen Faktor auf. Auch in letzter Zeit kam es in Erfurt zu kontroversen um die Zahlen. Während die Polizei bei der 2. AfD-Demo von 5000 Teilnehmern sprach, meldete crowdcounting.de nur 2000 bis maximal 2500 Personen für den 23. September. Um Licht ins Dunkel der statistischen Verwirrungen zu bringen, haben wir uns mit Stephan Poppe getroffen. Er ist Statistikdozent in Leipzig und ist einer der Zahlenmeister von crowdcounting.de. Im lnterview verriet er die Methoden und Kniffe des Schätzens.

Was sind deine ersten Schätzungen heute?
Was denkt ihr?

Mehr als 2000 auf jeden Fall.
Nicht schlecht. Ich habe 2140 gezählt.

Wie bist du so schnell auf die Zahl gekommen?
Ich habe es geklickert. Mit viel Erfahrung bekommt man damit sehr genaue Zahlen. Leute, die noch nicht viel Übung im Schätzen haben, laufen von hinten nach vorne durch eine Menge und klicken jede Person.

Ihr zählt jeden Einzeln?
Ja, ich weiß, dass klingt erstmal umständlich. Aber es geht eigentlich ziemlich schnell und ist auch für Unerfahrene eine sehr genaue Methode.

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Stephan Poppe mit Klicker in Aktion.

Wie lange arbeitet ihr schon als crowdcounting.de?
Seit ungefähr neun Monaten. So richtig los ging es mit der Legida in Leipzig im Januar. Damals sprach man von 5000 Teilnehmern, dies erschien uns überhaupt nicht plausibel. Deswegen fingen wir an, unsere eigenen Daten im Feld zu sammeln. Die Polizei schätzte damals sogar 15 000 Menschen, wir kamen selbst bei optimistischer Auswertung nur auf 5000. Allerdings hatten wir zu diesem Zeitpunkt kaum Praxiserfahrung, tendenziell waren es wahrscheinlich weniger. Die Polizei verzählte sich um den Faktor Drei. Das war einfach zu heftig.

Wie ging es dann weiter?
Als nächsten Schritt begannen wir die Gegendemonstranten zu zählen. Allerdings ist dies viel schwieriger. In der Regel stehen diese dezentraler und sind beweglicher. Dazu brauche ich immer mehrere Leute.

Wie viele Personen zählen für euch?
Wir sind zwei Hauptorganisatoren und haben ein Team von zehn bis fünfzehn Leuten, die uns unterstützen.

Wie schätzt du die Teilnehmerzahlen generell ein, die kursieren?
Allgemein gilt, man sollte nicht viel auf die Zahlen der Veranstalter geben. Nicht nur die „Gidas“ liegen meist falsch, auch auf Gewerkschaftsdemos wird sich schon mal um den Faktor Drei verzählt.

Wie sieht es bei der Polizei aus?
Das ist sehr unterschiedlich. Zum Beispiel zu Pegidas Anfangszeit, haben sie  die Demonstration unterschätzt.

Welche Techniken nutzt ihr zum Zählen? Durchklicken hast du bereits erwähnt.
Wir machen unmittelbare Schätzungen, wie jetzt gerade mit den Klickern. Flächenschätzung, wie gleich auf dem Domplatz. Dort stecken wir mit digitalen Geoinformationen die Fläche ab und schätzen dann die Personendichte pro Quadratmeter. Für die Personendichte braucht man allerdings viel Erfahrung.

Woran macht ihr die Dichte fest?
Wenn du locker durch die Menschenmenge durchlaufen kannst, ohne dass du in deinem Weg behindert wirst, dann hat meine eine Dichte von 1.3 bis 1,5 Personen pro Quadratmeter. Hier in der Marktstraße, zwischen Fischmarkt und Domplatz, haben wir aktuell eine Dichte von Zwei. Man muss sich etwas Bemühen, um durchzukommen. Die extremste Dichte findet man in der Kategorie Konzert. Schulter an Schulter, dort können es mehr als Drei werden.

Wozu braucht ihr noch die Videoaufnahmen, wenn ihr vor Ort schätzt?
Wir überprüfen unsere unmittelbaren Schätzungen. Mithilfe von Videos und Fotos sichern wir uns noch einmal ab. Wir wollen einfach auch wissen, wie genau wir vor Ort sind und daher zählen wir die Menge ein zweites Mal am Bildschirm. Natürlich ist die direkte Zählung von Personen vor Ort geistig anspruchsvoll, dennoch viel genauer als Reihenzählungen oder Flächenschätzungen. Demonstrationen in Reihen einzuteilen ist eine gängige Methode, ergibt allerdings Fehlerquoten von bis zu 30 Prozent. Aber auch mit dem Klicker sichern wir uns durch mindestens zwei Messungen ab.

Was sind die größten Fehlerquellen?
Man kann sauviel falschmachen. Wenn man müde ist, sind die Zahlen eher kleiner. Nach mehreren Kaffees drückt man gerne mal zu viel. Wir brauchen immer einen methodischen Plan, den wir nur mit lokalen Helfern umsetzen können. Hier auf der Brücke ist es optimal. Der Demonstrationszug verengt sich und die Leute sind leicht zu erfassen.

Menschen mit Kameras geltes spätestens seit den „Lügenpresse“-Parolen als gefährdet. Gab es schon Probleme?
Mit der Kamera bekommen wir Ärger von allen Seiten, egal welche politische Ausrichtung. Leute mögen es nicht gefilmt zu werden. Wir machen dabei immer klar, dass wer sich im öffentlichen Raum bewegt und  für etwas Politisches einsteht, sollte zu seinem Gesicht stehen. Das ist ja der Zweck einer Demonstration. Allerdings wird in unseren Aufnahmen niemand prominent hervorgehoben. Wir legen sogar Mosaikfilter drüber, um Gesichter unkenntlich zu machen. Außerdem positionieren wir die Videokamera immer mit der Laufrichtung, sodass keine Gesichter zu sehen sind. Grundsätzlich suchen wir die Nähe zur Polizei. Diese Gegendemo ist allerdings sehr friedlich, es gibt wenige radikale Leute. Aber nach unserer Erfahrungen nehmen sich Linke und Rechte in Sachen Pressefeindlichkeit nicht viel.

Danke für das Gespräch.

Auf crowdcounting.de findet ihr alle Demonstrationszahlen.

 

Text & Foto: Armin Kung.

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