screenshots

Anheizen, bis es brennt

„Auch wenn in Erfurt das erste Gutmenschenmädchen von Migranten vergewaltigt wurde…“ Unter einem Artikel der Thüringer Allgemeine tobte ein rassistischer Mob gegen Flüchtlinge. Und die Art der Berichterstattung trägt ihren Teil dazu bei.

In bestimmten Zeiten kommt es vor, dass man als User die Schlagzeile eines Online-Artikels liest und intuitiv spürt: Das geht nach hinten los. Die Schlagzeile „Land weist Erfurt über Nacht zehn Familien zu“ der Thüringer Allgemeine entstammte dieser Sorte von Berichterstattung.

Die Wortwahl des merkwürdigen Titels lösten reflexartig Gift und Galle gegen die in Erfurt untergekommenen Flüchtlinge aus. Die spätestens mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ laut gewordene neue Rechte, bestimmt zunehmend die Diskussion zum Thema Einwanderung. Große Zeitungen, wie die Thüringer Allgemeine, tragen in diesen Zeiten Verantwortung dafür, auf welche Art und Weise Meinungen gebildet werden.

Freundlich formuliert, in diesem Falle wurde die TA der Verantwortung nicht gerecht. Die Schlagzeile suggeriert auf den ersten Blick, dass Flüchtlinge heimlich und deshalb möglichst schnell nach Erfurt geschafft wurden. Worin diese „Nachtaktion“ bestand, wird im Artikel nicht behandelt. Was hängen bleibt ist, dass in dieser Nacht angeblich etwas hinter dem Rücken der Erfurter Bevölkerung geschehen sein soll. Und befeuert in den facebook-Kommentaren das vorhandene Potential von rassistischen Äußerungen.

Flüchtlinge werden nach einem Schlüsselprinzip auf Städte und Gemeinden aufgeteilt. Dies ist weder spektakulär, noch etwas Neues. Wenn im Titel des Artikels deutlich darauf hingewiesen wird, dass das „Land“ der Stadt Erfurt Flüchtlinge „zuweist“, wird in diesem Kontext etwas anderes vermittelt. Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Das Feindbild Rot-Rot-Grün wird schnell herauf beschworen. Die Regierung der vaterlandslosen Gesellen würde Thüringen an geldgierige Ausländer verkaufen.

Der Mob tobt sich aus

Das obrige Beitragsbild zeigt nur eine kleine Auswahl von Kommentaren, die viele Erfurter auf facebook von sich gegeben haben. Dabei wird vor den stumpfsinnigsten Argumenten nicht Halt gemacht. Obwohl im letzten Jahr in langen politischen Debatten eine Kita-Sanierung in Erfurt beschlossen wurde, behaupten viele aufgebrachte Personen, die Stadt würde den Flüchtlingen das Geld hinter herschmeißen, während die städtischen Kitas verfallen. Menschen, die sonst als „Asoziale“ beschimpft werden, mutieren in dieser Diskussion zu „deutschen Obdachlosen“, denen an erster Stelle geholfen werden sollte. Menschenwürde nur für Deutsche? Selbst die plumpe Behauptung, dass Ausländer krimineller seien, als die selbst ernannten Bio-Deutschen, ist unter den Kommentaren zu finden. Statistisch oft genug wiederlegt, fragt sich der unaufgeregte Verstand auch, warum Familien mit Kindern, die aus Krisenregionen entkommen sind, dem deutschen Michel nun die Gartzenzwerge aus dem Hinterhof klauen wollten.

Vergleicht man die Kommentaranzahl und Teilen-Zahl unter diesem Link auf facebook mit anderen Artikeln der Thüringer Allgemeine, kommt schnell der Verdacht auf, dass hier zu Lasten der Flüchtlinge Klickzahlen generiert werden sollten. Online-Beiträge, die sonst eher an Polizeimeldungen erinnern, weisen deutlich weniger Interaktionen auf, als dieser Artikel. Natürlich ist dies eine Vermutung. Dennoch bleibt festzuhalten, dass erfahrene Journalisten normalerweise wissen, wie sensibel bestimmte Themen sind. Daher bleiben nach der Wahl dieses Titels nur zwei mögliche Ursache übrig: Naivität oder Absicht.

Am Ende drehen sich die Beschimpfungen und Kommentare nicht um den eigentlichen Inhalt des TA-Artikels, denn dieser war nicht so schlecht, wie der deplatzierte Titel. Und die berechtigte Kritik am Tenor des TA-Artikels entschuldigt auch nicht die rassistischen und menschenverachtenden Kommentare der facebook-Nutzer. Für viele Internet-User ist Journalismus in politischen Zeiten nur ein Auslöser, um ihre spontanen und oft unreflektierten Gedanken in die digitale Öffentlichkeit zu schütten. Ein Dilemma für politisch schwankende Berichterstatter, wie die Thüringer Allgemeine. Ohne eigenen politischen Standpunkt kann man es niemandem Recht machen und bekommt Ohrfeigen von allen Seiten. Eine Lehre für die Zukunft?

screenshots
Auswahl der Kommentare – Anklicken zum Vergrößern

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*