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Bewegte Jahre in bewegten Bilder – Die Filmpiraten haben Geburtstag

Zehn Jahre Demonstrationen, Hausbesetzungen, Gerichtsprozesse. Zehn Jahre zwischen Nazis, Polizei und Antifa. Zehn Jahre Protest, Aufstand und Rebellion. Zehn bewegte Jahre in bewegten Bildern. Die Filmpiraten feiern heute ihren zehnten Geburtstag. Local Times Erfurt gratuliert allen Videoaktivisten und Videoaktivistinnen recht herzlich und sprach mit Fipi, dem dienstältesten Piraten, über Vergangenes und Zukünftiges.  

LTE: Fipi, herzlichen Glückwunsch dir und allen anderen Filmpiraten!
 
Fipi: Danke, danke!
 
Zehn Jahre haben die Filmpiraten jetzt auf dem Buckel und das als ehrenamtliches Filmprojekt. Wie hält man so lange durch?
 
Das frage ich mich auch… leicht ist das zumindest nicht (lacht). Auf der anderen Seite ist das auch ein bisschen bitter. Also dass man sich zehn Jahre engagiert und tut und macht und das Geld trotzdem ziemlich knapp ist.
 
Klingt nach einem etwas enttäuschten Fazit nach so vielen Jahren?
 
Na so ist es auch nicht. Ich denke schon, dass viele unserer Videos Prozesse angestoßen haben. Letztes Jahr zum Beispiel: unsere Berichterstattung zu Greiz und diesem Bürgermob, der da gegen das Asylbewerberheim demonstriert hat. Ich glaube ohne uns, wäre das gar nicht so in die Öffentlichkeit gelangt und hätte auch nicht so starke Reaktionen hervorgerufen. Das ist zumindest mein Eindruck, auch wenn sich das so natürlich nicht beweisen lässt. Insofern waren die zehn Jahre natürlich nicht umsonst (lacht).
 
Eure Filme zeigen Protestbewegungen und porträtieren zugleich eine Gesellschaft, gegen die es sich zu protestieren lohnt. Seid ihr selbst Teil des Protestes oder sind eure Filme bloße Dokumentation?
 
Wir verstehen uns bis heute als Videoaktivisten. Das heißt, dass wir schon Teil der Bewegung sind. Wir wollen jedoch keine dumpfen Propagandavideos machen und versuchen immer Distanz zu wahren. Das hat ja schließlich auch etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun.
 
Dabei fällt auf, dass ihr euch in den Filmen nie durch eine Stimme aus dem Off zu Wort meldet, es also nie eine kommentierte Dokumentation ist. 
 
Na das hat in erster Linie mit der Kritik zu tun, die wir selber am Fernsehen üben. Es ist ganz oft so, dass Redakteure ihre Off-Redebeiträge schreiben und dann die Bilder der Berichterstattung anpassen. Es gibt da also eine Bild-Ton-Schere, wie man das so schön sagt. Und unsere Idee ist es, die Bilder möglichst unverfälscht zu lassen. In der Realität ist das natürlich schwierig, denn jeder einzelne Schnitt und Bildausschnitt verändert den Inhalt. Das ist eine der größten Erkenntnisse, der letzten zehn Jahre für mich. Videos haben eine unheimlich hohe Manipulationskraft.
 
Hat sich in den vergangenen Jahren eure Art Filme zu machen geändert?
 
Ja, aber vor allem in Sachen Qualität. Wenn ich mir heute alte Filme anschaue, die ich geschnitten habe, denke ich manchmal „man, man, man, was für ein Mist“. Heute sind die Sachen qualitativ hochwertiger produziert. Aber was sich eigentlich geändert hat, ist die Perspektive auf das Projekt.
 
Auf die Filmpiraten selbst meinst du?
 
Ja. Man stellt sich die Frage, wo es eigentlich hingehen soll? Die Idee für die Zukunft ist es, die Leute sehr viel stärker in die Projekte einzubeziehen. Also nicht einfach: wir machen und wir bestimmen, was wir machen. Sondern wir wollen den ganzen Prozess demokratisieren. Das heißt, dass die Leute mitbestimmen können. Damit einher geht natürlich, dass wir verstärkt auf Mitarbeit von außen setzen wollen. Ich meine, ich bin jetzt seit 10 Jahren mit dabei und bin auch die kontinuierliche Person bei den Filmpiraten, aber ich will das eigentlich gar nicht sein. Ich will, dass auch Andere daran teilhaben können.
 
Wünscht ihr euch das also auch zum Geburtstag, ein paar Leute die helfen? Zum Beispiel bei der Renovierung des neuen Filmpiratenbüros in der Saline 34?
 
Ja auf jeden Fall wünschen wir uns Unterstützung, aber nicht nur hier bei der Renovierung. Wir wünschen uns viel mehr aktive Beteiligung von interessierten Leuten. Wir sind ja auch seit anderthalb Jahren ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, da fällt allerhand an. Auch Organisatorisches. Also wenn sich jemand hier einbringen möchte, Filmarbeiten, Öffentlichkeitsarbeit etc. dann immer gern!

Ihr habt im Juni 2013 ein Fahndungsvideo gedreht, in dem nach dem Polizisten gesucht wird, der eure Kamera mutwillig beschädigt hat. Ist der Täter schon gefasst?
 
(lacht) Das Verfahren läuft tatsächlich noch. Unsere Anwältin streitet sich da mit dem hessischen Innenministerium. Ein Schelm der Böses dabei denkt, aber es dauert alles und es hat den Anschein, als würden die Behören das alles auf die lange Bank schieben. Dabei sind die Bilder eigentlich ziemlich eindeutig und die Polizeieinheit deutlich gekennzeichnet. Aber es ist in Deutschland eben unheimlich schwer einen Polizisten für seine Taten zu belangen.
 
Ihr habt mit eurer Arbeit jetzt zehn Jahre lang auch der deutschen Polizei auf die Finger geschaut, wie ist euer Verhältnis zu den Gesetzeshütern?
 
Also es vergeht kaum eine Demonstration, wo wir als Kameraleute nicht nach dem Presseausweis gefragt werden. Polizisten sehen sich häufig als Opfer einer Medienkampagne. Die gehen grundsätzlich davon aus, dass Journalisten ihre Arbeit ins falsche Licht rücken, um damit Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach dem Motto: Es wird nur gezeigt, wie Polizisten den Demonstranten prügeln, aber dass der vorher Steine wirft, zeigt keiner.
 
Nochmal das Stichwort: manipulatives Bild.
 
Ja genau. Es gibt viele die Sagen: Bilder sprechen für sich. Aber das ist ein ganz großer Trugschluss. Zumal auch jeder Betrachter in einem Bild etwas anderes sieht. Das merke ich auch immer an den Youtube-Kommentaren unter unseren Filmen. Zum Beispiel das Wismar-Video. Wenn die Rechten das sehen, denken die „Boah sind wir krass gewesen“ und sind da noch stolz drauf. Ein Linker fühlt sich hingegen in seiner Sicht der Dinge bestärkt und ein normaler Betrachter kriegt vermutlich einfach nur Angst.
 
Wie war das damals für dich als Kameramann?
 
Also Wismar war schon eine ziemlich krasse Erfahrung. Als die Nazis plötzlich mit Baseballschläger aus dem Haus kommen und die Polizisten ihre Pistolen ziehen. In dem Moment habe ich, glaube ich, gar nichts gedacht. Das ging alles so rasend schnell und ich hatte auch Glück. Der eine hat ja dann noch versucht mir die Kamera aus der Hand zu treten und hat seine Bierflasche nach mir geworfen. Knappe Sache!
 
Ihr renoviert in der Saline 34 gerade euer neues Büro, was ist denn geplant, wenn ihr damit fertig seid?
Na es gibt allerhand Ideen. Bundeswehr wäre grade so ein Thema, aber ich denke auch darüber nach, ein Making of der Filmpiraten zu machen und den Leuten mal einen Blick hinter die Kamera zu ermöglichen. Es gibt so viele unerzählte Geschichten, so viele ungezeigte Bilder, die man anlässlich des Zehnjährigen ja mal verarbeiten könnte.
 
Und wo stehen die Filmpiraten in zehn Jahren?
 
Mein Wunsch wäre es, dass wir uns dann soweit professionalisiert haben, dass wir kontinuierlich über progressive Inhalte berichten können. Und ich möchte das ganze Projekt auf wirtschaftlich solide Beine gestellt haben.
 
Und wenn dann die Rufe laut werden, dass sich die Filmpiraten verkaufen?
Sich Verkaufen, was heißt, das schon? Unsere Videobeiträge sind immer unter einer Creative-Commons-Lizenz erschienen und werden das auch in zehn Jahren noch. Wenn ich da andere linke Medienprojekte sehe – wie Taz oder Jungleworld – die kosten jetzt alle Geld! Also bis wir uns verkaufen, ist es noch ein weiter Weg und den sind viele schon erheblich weiter gegangen, als wir es je werden.
 
Vielen Dank für das Interview!
 

AK

Weiterführende Links: 

Mehr Infos zu den Filmpiraten unter http://www.filmpiraten.org/

Video: Ein Rundgang über das Topf und Söhne Gelände

Video: Die Räumung des besetzten Hauses – Erfurt

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