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Coconutvanillasugar Von der Magersucht in die Sportabhängigkeit

Mit über 50.000 Followern ist sie eine der erfolgreichsten Instagramerinnen in Erfurt. Sie postet Bilder ihres Essens oder Fotos ihres Trainings im Fitnessstudio. Sie verkörpert damit den modernen Healthy-Lifestyle, den manch einer als Gesundheitswahnsinn abtun würde. Doch die Geschichte von Coconutvanillasugar geht weit über den allgegenwärtigen Fitnesskult hinaus: Von der Magersucht geriet sie in die Sportabhängigkeit und wurde ein Instagramsternchen, nur um festzustellen, dass sie etwas völlig anderes glücklich macht.

Anja ist 25, gebürtige Erfurterin, arbeitet als Bankangestellte, hat einen Hund und einen Freund. So weit, so gewöhnlich. Was man ihr aber nicht ansieht: Anja ist eine der erfolgreichsten Erfurter Instagramerinnen. Über 50.000 Menschen folgen ihrem Account Coconutvanillasugar, mit dem sie sogar erfolgreicher ist als Clueso. Dabei fotografiert sie ziemlich alltägliche Dinge: Sie postet Bilder ihres Essens oder sich selbst im Fitnesscenter, denn Anja ist Sportlerin und Ernährungsexpertin aus Leiden-schaft.

Der Weg in die Magersucht

Tatsächlich sind Sport und Ernährung zwei zentrale Themen in Anjas Biografie. In ihrer Jugend trainierte sie Karate im Leistungssportbereich, bis sie als Teenagerin die Lust daran verlor. Ohne richtig abzutrainieren, nahm sie zu und wurde darüber unglücklich. Eine Diät sollte es richten und schon bald stellten sich Erfolge ein. Anja nahm ab und ab und ab und ab… Sie hatte ihre Ernährung nicht nur um-, sondern beinah ganz eingestellt. Die damals 18-Jährige hatte eine Magersucht entwickelt, die sie nicht mehr in den Griff bekam.

„Ich konnte einfach nicht mehr aufhören abzunehmen. Es war nicht mal dieses ‚Du bist zu dick‘, wenn ich vor dem Spiegel stand. Ich dachte einfach, der Bauch könnte noch ein bisschen flacher, die Beine noch ein bisschen straffer sein.“

Ein trockenes Brötchen und einen Apfel am Tag – was darüber hinaus ging, wanderte ins Klo: „Ich musste mir nicht mal mehr den Finger in den Hals stecken“, erzählt Anja, „ich beugte mich nur nach vorne und konnte erbrechen. Das ging ganz automatisch.“ Dabei hatte Anja immer gern gegessen. Sie hatte nie ein Problem mit Pizza, Schokolade und anderen Leckereien, es schmeckte ja. Mit der Magersucht schlich sich aber die Angst in ihren Kopf, unkontrolliert zuzunehmen.

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Ein Vorher-Nachher-Bild von Anja bei Instagram.

Kopfkriege

Heute geht sie mit dem Thema offen um und versucht anderen Frauen zu helfen, ihre Magersucht in den Griff zu bekommen. Im Netz erzählt und dokumentiert sie ihren persönlichen Weg aus der Essstörung. Die Fotos ihrer Mahlzeiten auf Instagram sind daher also auch kein food porn im klassischen Sinne, sie sind Teil ihrer Selbsttherapie. Auch deshalb hat sie so viele Follower, denn Anja ist authentisch und weiß wovon sie spricht. In ihrem Blog setzt sie sich mit dem Thema Anorexie noch intensiver auseinander. Besonders bemerkenswert ist der Eintrag Kopfkriege, indem sie beschreibt, dass es selbst heute noch schwierig für sie ist, normal zu essen.

Ärzte und Psychologen sind sich darüber einig, dass das Eingeständnis nicht nur der erste, sondern auch der schwerste Schritt aus der Sucht ist. Anja kam diese Einsicht nach einem prägenden Erlebnis mit ihrem Freund. Eines Tages, als sie ihm gerade zeigen wollte, wo sie noch ein bisschen abnehmen könnte, brach er vor ihr in Tränen aus und flehte sie regelrecht an, endlich damit aufzuhören. Damals wog Anja nur noch 38 Kilo auf 1,63 Meter und bewegte sich schon nah an der Grenze zur Lebensgefahr. Schließlich half ihr eine Ernährungsberaterin, die ihr anhand einer Körperwertanalyse aufzeigte, wie schlecht es um ihre Gesundheit stand. Mit ihr zusammen erarbeitete Anja einen Ernährungsplan, mit dem sie in kleinen 200g/Woche-Schritten zunahm. Ein Anfang war gemacht.

Ersatzdroge Sport

Ein großer Irrglaube ist, dass Magersucht einzig und allein auf Schönheitsidealen beruht, die sich auf den Laufstegen und Plakatwänden dieser Welt wiederfinden. Die wenigsten Frauen wollen dürr wie ein Model sein. Viele verzichten, wie Anja, auf Essen, weil sie Angst haben zuzunehmen und die Kontrolle zu verlieren. Die Wissenschaft geht davon aus, dass 10 bis 40 Prozent aller Anorexie-Patienten sogenannte komorbide Zwänge entwickeln.

„Ich fand nie diese richtig dünnen Frauen schön, sondern immer diese durchtrainierten, bei denen man ein bisschen die Baumuskeln gesehen hat. Aber dieses Ideal hätte ich, so runtergehungert wie ich war, nie erreicht.“

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Auch Anja leidet unter Kontrollzwängen. Als sie wieder angefangen hatte zu essen und durch den Plan der Ernährungsberaterin kontrolliert zunahm, entsann sie sich ihres eigentlichen Schönheitsideals. Sie wollte kein abgemagerter Hungerhaken mehr sein, sondern durchtrainiert, gesund und stark. Sie beschloss wieder mit dem Sport anzufangen, machte erst zuhause ein paar Übungen, ging dann ins Fitnesscenter und trainierte bald sieben Mal die Woche. Durch den Sport konnte sie ihre Figur unter Kontrolle bringen, aber geheilt war sie noch lange nicht:

„Es ging von der Magersucht in die Sportsucht. Ich habe mich nicht getraut irgendwas zu essen, wenn ich nicht vorher genügend Sport gemacht hatte.“

Bald bestimmte der Fitnesssport nicht nur Anjas Speiseplan, sondern auch ihren Alltag. Zwar nahm sie einige Kilo zu, aber um den perfekt definierten Körper zu haben, galt es auch die Ernährung auf den Sport abzustimmen: Kohlenhydrate vor dem Training und danach Eiweiße zum Muskelaufbau, Makros planen, Kalorien zählen, Ernährungsplan schreiben, Portionen vorkochen und eintuppern, und, und, und. Wieder lief es aus dem Ruder, aber dieses Mal war es weniger offensichtlich. Denn die Resonanz war eine andere: Jeder Like, jeder Kommentar, jeder Follower auf Anjas Instagram-Account, den sie 2012 begann, pushte und motivierte weiterzumachen.

Die Fitnessindustrie

Und je mehr Aufmerksamkeit Anja generierte, desto attraktiver wurde sie für die Hersteller von Fitnessprodukten und Sponsoren. Immer mehr Firmen schrieben sie an und wollten, dass Anja ihre Produkte testete. In Spitzenzeiten kamen täglich 5 oder 6 Pakete: von Sportklamotten, über Eiweißpräparate und Müsliriegel, bis hin zu Zahnweißperlen. Für Anja waren das willkommene Beigaben, die sie unter ihren Followern verlosen konnte. Bald kamen die ersten Anfragen, ob Anja nicht auch Trainings- und Ernährungspläne machen würde und eine Zeit lang arbeitete sie als freiberufliche Trainerin. Sie ging in ihrer Rolle als Vorbild, Inspiration und Fitnessexpertin auf.

„Mit Fitness lässt sich wahnsinnig viel Geld verdienen. Da ist eine ganz große Industrie dahinter, die uns suggeriert, du musst so und so aussehen, um schön zu sein. Sie sagen uns auch das Sport wichtig ist, um gesund zu bleiben. Und schließlich auch die Ernährungsschiene: Wer fit sein will, muss sich so und so ernähren.“

Erst der Tod ihres ersten Hundes ließ Anja innehalten. Sie fing an die Dinge zu hinterfragen. War es das alles wert? Wollte sie wirklich nur noch für den Sport leben und als Trainerin anderen Menschen Trainingspläne erstellen, für die die meisten ohnehin nicht die Disziplin hatten, sie durchzuhalten? Und was bedeutete diese ganze Aufmerksamkeit, die dermaßen auf Oberflächlichkeit beruhte, dass sie mit einem Bild ihres Hinterns im Bikini 3000 neue Follower bekam? Ist es nicht schöner einfach mal mit der Familie essen zu gehen und sich etwas aus der Speisekarte zu bestellen, so wie das normale Menschen tun?

Dem Bauchgefühl vertrauen

Inzwischen hat Anja viele Dinge in ihrem Leben verändert. Sie hat einen neuen Job und einen geregelten Berufsalltag, sie versucht normal zu essen und sich mehr Zeit für ihre Liebsten zu nehmen. Sie tut jetzt das, was ihr viele Jahre lang undenkbar erschien: Sie vertraut ihrem Bauchgefühl. Der vielleicht bemerkenswerteste Post auf Anjas Blog ist auf den 21. Oktober diesen Jahres datiert und heißt Ich ess dann mal normal. Es ist ihr bislang letzter Eintrag:

„Ich habe meine Waage, meine Jeans in Größe XXS/00S und die meisten Eiweißpulver entsorgt. Ich bin ganz vielen Insta-Accounts entfolgt, die diesen „healthy“ Lifestyle propagieren, ich trainiere so wie es mir Spaß macht, wie ich es für richtig halte, ich versuche auf meinen Bauch zu hören und das zu essen wonach mir wirklich der Sinn steht…   Ich genieße bewusster und nehme viele Dinge wahr, die in meinem Ernährungs -und Sportwahn völlig an mir vorbei gegangen sind, weil ich immer viel zu beschäftigt mit Dingen war, von denen ich glaubte, dass sie mich in der Zukunft glücklicher und zufriedener machen könnten.“

 

Text: Andreas Kehrer, Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Coconutvanillasugar

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