Praesentation

Das Kulturquartier nimmt Konturen an Altes Schauspielhaus

Am Mittwoch lud der KulturQuartier Erfurt e.V. zum Pressegespräch ein und präsentierte den ersten von drei Hauptmietern: Radio F.R.E.I. Das Freie Radio Erfurt International, das im vergangenen Jahr sein 25-Jähriges Jubiläum feierte, wird dem alten Schauspielhaus nicht nur Medienkompetenz verleihen, es bringt auch ein großes soziokulturelles Netzwerk mit, dass von etwa 160 ehrenamtlichen Sendungsmachern getragen wird.

Allmählich wird es konkret. Nach der Niederlage im Stadtrat 2014 hatten viele die Idee des Kulturquartiers schon abgeschrieben. Damals hatte sich der Stadtrat für das Konzept des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ausgesprochen und der Umgestaltung der Defensionskaserne in ein Kulturquartier eine Absage erteilt. Für den Verein um seine Vorsitzende Tely Büchner eine herbe Enttäuschung, aus der sich jedoch längst eine „Jetzt erst recht!“-Mentalität entwickelt hat:

Nachdem der Stadtrat sich damals gegen uns entschieden hatte, haben wir unheimlich viele Nachrichten und Briefe erhalten, in denen uns Bürger Mut zusprachen. ‚Macht unbedingt weiter, wir brauchen ein Kulturquartier‘ stand darin und wir haben weiter gemacht.

Der Entscheidung zum Trotz, stellte der KulturQuartier Erfurt e.V. kurz entschlossen drei Bauschilder mit der Aufschrift Hier entsteht ein Kulturquartier in der Stadt auf: eins vor dem Parkhaus Löbertor, eins vor dem alten Heizkraftwerk und natürlich eins vor dem alten Schauspielhaus. Mit der Aktion machte der Verein erneut auf sich aufmerksam und setzte die kurzzeitig erlahmte Debatte um ein Kultrurquartier als Zentrum der Kreativwirtschaft wieder in Gang.

Wir müssen über Wahnsinn reden“

Inzwischen hat der Stadtrat seine Bereitschaft signalisiert, das Kulturquartier im alten Schauspielhaus einziehen zu lassen, sobald ein schlüssiges und finanziell tragfähiges Konzept vorliegt. An diesem Konzept arbeitet der Verein seither mit Hochdruck und möchte dafür bis Ende Februar alle drei Hauptmieter vorgestellt haben. Sie legen den Grundstein für weitere Planungen. Der Anfang wurde gestern gemacht: Als ersten Hauptmieter präsentierte Tely Büchner Radio F.R.E.I.. Der freie Radio-Sender, der seit 1990 die Erfurter Medienlandschaft prägt, wurde von Geschäftsführer Carsten Rose vertreten, der sichtlich glücklich erklärte:

„Wir müssen über Wahnsinn reden, denn ein Radio-Umzug ist ein absoluter Wahnsinn. Der Aufwand ist gigantisch und normalerweise eine Horrorvorstellung. Der Reiz muss also schon ziemlich groß sein, dass man überhaupt den Gedanken spinnt, dass man aus diesem schönen Gebäude, in dem 15 Jahre Geschichte stecken, ausziehen könnte. Aber der Funke ist übergesprungen und ich möchte mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn da dieses fantastische Kulturquartier aufmacht und wir nicht Teil davon wären.“

Seit 15 Jahren hat Radio F.R.E.I. seinen Sitz in der Gotthardtstraße 21, unweit der Krämerbrücke. Eigentlich ein idealer Standpunkt, für den Sender, der sich als Anlaufpunkt von vielen kreativen, sozialen und auch zivilgesellschaftlichen Projekten versteht. Doch im Zuge der fortschreitenden Gentrifizierung, wurde das Umfeld zunehmend spießbürgerlicher. Der ehemalige Piratensender wurde den neuen Anwohnern zu laut, die bei Konzerten, die Polizei alarmierten und Ruhestörungen meldeten. Den Umzug ins alte Schauspielhaus möchte Carsten Rose aber keineswegs als Flucht verstanden wissen. Vielmehr biete das Kulturquartier dem Sender eine Weiterentwicklung an:

„Für uns war es eine einmalige Chance. Die Außenfläche des Hauses ist großartig und lässt viele kreativen Nutzungsmöglichkeiten zu. Überhaupt sind der gemeinsame Veranstaltungsraum und die Kooperationen im Quartier ein großes Plus. Und schließlich kann sich Radio F.R.E.I. voll und ganz mit dem Modell der genossenschaftlichen Selbstverwaltung identifizieren.“

Wer wird der dritte Hauptmieter?

Unter dem Slogan „1000×1000“ wirbt der KulturQuartier Erfurt e.V. seit längerem für ein bürgerliches Genossenschaftsmodell. Eintausend Bürger sollen jeweils eintausend Euro bereitstellen, um den Umbau des Schauspielhauses zu ermöglichen. Dafür erhalten sie Genossenschaftsanteile, mit denen sie Einfluss auf die weitere Entwicklung des Hauses nehmen können. Allerdings soll jeder Genossenschaftler, unabhängig von der Höhe des gespendeten Betrages, nur eine Stimme bekommen, sodass die Einflussnahme nicht vom Geldbeutel allein abhängt.

Noch herrscht Tristesse im alten Schauspielhaus, aber bald könnte von hier Radio F.R.E.I. senden. (Foto: Marcel Krummrich)
Noch herrscht Tristesse im alten Schauspielhaus, aber bald könnte von hier Radio F.R.E.I. senden. (Foto: Marcel Krummrich)

Demnächst wird der KulturQuartier Erfurt e.V. die beiden weiteren Hauptmieter vorstellen. Neben dem schon feststehendem Tanztheater Erfurt e.V., soll als drittes noch ein Kino gewonnen werden. Gut möglich, dass es sich dabei um den Kinoklub Hirschlachufer handelt, der das Kulturquartier schon seit geraumer Zeit unterstützt. Das Bewerbungsverfahren läuft hier jedoch noch.

Eine Woche der offenen Tür

Die Eröffnung des Kulturquartiers ist derzeit für 2018 vorgesehen. Zusammen mit allen weiteren Mietern erhofft sich Tely Büchner dann viele Synergieeffekte, die allen kulturellen Akteuren zugute kommen und das alte Schauspielhaus mit Leben füllen. Wie sich das Kulturquartier dann einmal anfühlen wird, sollen die Erfurter Bürger und Bürgerinnen schon bald erfahren können. Ende März/Anfang April plant der Kulturquartier Erfurt e.V. eine Woche der offenen Tür. Fünf Tage lang, soll das Kulturquartier probeweise bespielt werden. Ein genaues Datum und Programm steht jedoch noch nicht fest.

 

Text & Foto: Andreas Kehrer
28.01.2016

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