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Das Radio in der Sinnkrise? 30 Jahre Bürgermedien

Im April feiern die Bürgermedien der Bundesrepublik ihr 30-jähriges Jubiläum. Im Osten Deutschlands ist Radio F.R.E.I., welches 1990 in der Aufbruchstimmung der Wendezeit gegründet wurde, das älteste Bürgerradio seiner Art. Wir sprachen mit Carsten Rose, dem Geschäftsführer von Radio F.R.E.I., über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Bürgermedien und die Vertrauenskrise der deutschen Medienlandschaft. 

Herr Rose, 30 Jahre Bürgermedien sind eine lange Zeit. Wie sieht denn die Rolle der nichtkommerziellen Lokalradios (NKL) und der Offenen Kanäle (OK) in der modernen Medienlandschaft aus?

Ich habe ein Problem mit diesen beiden Begriffen. Nichtkommerzielles Lokalradio und Offener Kanal – beides klingt in meinen Ohren nach den 70er Jahren. Wir als Radio F.R.E.I. sehen uns vielmehr in der Tradition der Freien Radios in ganz Europa, was sozusagen die dritte Säule der Bürgermedien darstellt. Und anstatt über die Rollen der verschiedenen Rundfunkarten zu sprechen, sollten wir darüber reden, was überhaupt gerade mit dem Radio passiert.

Gut, dann dürfen wir an dieser Stelle die privaten und öffentlich-rechtlichen Radiostationen nicht außer Acht lassen, mit denen Sie sich ja in Konkurrenz befinden. Was passiert also gerade mit dem Radio?

Bisher waren die Bürgermedien eine schöne und sinnvolle Ergänzung zu den großen privaten und öffentlich-rechtlichen Kanälen. Inzwischen ist aber ein weiterer Kanal hinzugekommen: Das Internet. Hier kann jeder zum Medien- und Radiomacher werden. Dadurch hat sich die Konkurrenzsituation völlig verschoben…

Weil potentielle Radiohörer im Netz Musikstreaming- und Informationsangebote haben und der Rundfunk damit überflüssig geworden ist? 

Überflüssig würde ich nicht sagen, aber es hat viel verändert. Mit dem Internet geht übrigens auch die Frage einher, wie lange es das gute, alte Dampfradio überhaupt noch geben wird? Denn auch hier ist die Digitalisierung nicht mehr aufzuhalten und in einigen Jahren, voraussichtlich 2022, werden die herkömmlichen UKW-Frequenzen wohl allmählich eingestellt. Dann läuft alles übers Internet oder via Digital-Audio-Broadcast (DAB). Und dann kann man schon fragen: Braucht es uns dann überhaupt noch? Ist das herkömmliche Radio tot?

Was bedeutet das für Sender wie Radio F.R.E.I.?

Ich denke, dass wir uns unserer soziokulturellen Funktion bewusst werden müssen. Was ist denn die Besonderheit der Bürgermedien im Vergleich zu den privaten, öffentlich-rechtlichen und zu den online Radios? Für mich ist das der Begegnungsort. Der Raum, wo noch mehr als nur Radio stattfindet, wo sich Menschen treffen und miteinander ins Gespräch kommen. Das Programm ist da fast zweitrangig, wichtiger ist der Ort und gerade hier in Erfurt stellen wir fest, dass diese Funktion unseres Senders mit den Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. Für die Bürgermedien und für uns als freier Radiosender ist das, unsere einzige Überlebenschance.

Erleben wir also gerade die große Sinnkrise des Radios?

Eigentlich muss man das noch weiterspinnen. Wir haben eine Krise der klassischen Medien, die in erster Linie eine Vertrauenskrise ist. Bisher hatten die Medien den Alleinvertretungsanspruch für die Meinungsbildung, der sich durch das Internet aber zerschlagen hat. Früher galt: Was im Lexikon steht, das stimmt. Was in der Zeitung steht, das stimmt. Was der Lehrer sagt, das stimmt. Was der Arzt sagt, das stimmt. Heute sind die Menschen kritischer und misstrauischer geworden, sie hinterfragen die Meinungsmacher, was im Grunde genommen eine gute Sache ist. Trotzdem macht das etwas mit unserer Gesellschaft, denn inzwischen geht das Misstrauen so weit, dass Medien unter den Generalverdacht der Pinocchio- bzw. Lügenpresse gestellt werden. Die Frage ist also, wie und wo entstehen seriöse Informationen? Was wir festhalten können ist, dass der patriarchalische Weg, den die großen Medien lange Zeit gegangen sind, der den Menschen auf väterliche Weise erzählte, wie es um die Welt bestellt ist, nicht mehr funktioniert.

Wie kann die deutsche Medienlandschaft das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen?

Ich habe da noch keine Lösung und keinen Königsweg gefunden. Wir befinden uns jedenfalls in einer großen, aufregenden Umbruchsituation, die die Chance bietet, dass wir uns von diesem alten, herrschaftlichen Mediensystem verabschieden. Daraus kann eine Form der Beteiligung entstehen, die etwas ur-demokratisches hat, gleichzeitig bieten sich aber auch Möglichkeiten für demokratiefeindliche Strömungen. Wie das ausgeht und wohin unsere Medienlandschaft driftet, das vermag ich nicht zu sagen. Ich glaube, dass wir wachsam sein sollten und uns öffnen müssen, für den Prozess, der da gerade abläuft.

Eine Umbruchsituation stellte auch das neue Thüringer Landesmediengesetz dar, dass dazu führte, das der Offene Kanal „Funkwerk“ aufgelöst wurde. Seit Juni 2015 haben Radio F.R.E.I. in Erfurt und Radio Lotte in Weimar damit eine Vollfrequenz. Wie gut hat die Umstellung funktioniert und war sie Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Der Gesetzgeber hat sich mit der Novellierung des Landesmediengesetzes dazu entschieden, nicht länger zwei Modelle – also OK und NKL nebeneinander – in Thüringen zu haben. Stattdessen wurde eine Weiterentwicklung angestrebt, die auf drei Säulen fußt: offener Zugang, publizistische Ergänzung und Medienbildung. Das Bürgerradio soll also für alle Bürger und Bürgerinnen offen sein, gleichzeitig ein journalistisch anspruchsvolles Programm senden und darüber hinaus Medienkompetenzen vermitteln. Da Radio F.R.E.I. diese Punkte schon im Vorfeld zur Gesetzesänderung immer beherzigt hat, war das für uns keine große Umstellung. Die Vollfrequenz ist hingegen schon eine Herausforderung. Wir sind sehr glücklich damit und bisher klappt das auch ganz gut.

Offener Zugang“ und „journalistisch anspruchsvolles Programm“ bedingen sich ja nicht gerade gegenseitig. Trotzdem ist es Radio F.R.E.I. gelungen, sich einen Ruf zu erarbeiten, mit dem das Radio auf Landesebene journalistisch ernst genommen wird. Wie haben Sie das geschafft?

Das ist tatsächlich das Paradox in unserem Radio, den Anspruch hoch zu halten, ohne damit die Zugangsbarrieren unüberwindlich zu machen. Der einzige Weg beides unter einen Hut zu bekommen, ist die Medienbildung. Mit Kursen und Seminaren versuchen wir das Know-How zu vermitteln, ohne dabei allzu schulmeisterlich aufzutreten. Man darf den Leuten ja nicht die Lust nehmen sich auszuprobieren und sich einzubringen. Bei uns lernt man praxisnah. Außerdem pflegen wir eine Feedback-Kultur, die dazu beiträgt, dass Radioneulinge auf Sendung gehen können und sich dabei stetig verbessern.

Radio F.R.E.I. ist mit seiner 25-jährigen Geschichte das älteste Bürgerradio in den neuen Bundesländern. Was hat sich hier in Erfurt seit der Wende getan?

Ich bin glücklich, was sich hier entwickelt hat. Die Idee, die zur friedlichen Revolution hier in den Köpfen einiger Spinner und Enthusiasten entstanden ist, nämlich mit einem Radiosender die Dinge selbst mitzugestalten und etwas verändern zu wollen, hat sich bis heute gehalten. Selbst die jungen, wilden Radiomacher identifizieren sich mit den Grundgedanken von Radio F.R.E.I. und das ist eine tolle Sache. Darüber hinaus haben wir uns in 25 Jahren eine gesellschaftliche Akzeptanz für diese Form des Radios erkämpft, die der Gesetzgeber mit dem neuen Landesmediengesetz auch honoriert hat. Dadurch ist Stabilität für die Bürgermedien in Thüringen entstanden. Und eine letzte Sache, die auf keinen Fall selbstverständlich ist: Wir haben es über 25 Jahre hinweg geschafft, uns den Spaß am Radio machen zu erhalten.

Vielen Dank für das Interview!

 

Interview: Andreas Kehrer, Foto: Boris Hajdukovic
05.04.2016

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