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Der Buddha aus Thüringen Wer war Meister Eckhart?

Christliche Mystik und Buddhismus. So unterschiedlich beide Religionen auch sind, in der Person des berühmten Erfurters Meister Eckhart kamen sie sich so nahe, wie an keiner anderen Stelle der deutschen Geschichte. Was hat es damit auf sich?

Irgendwann im 13. Jahrhundert stand der Ritter von Hochheim mit seinem Sohn Eckhart auf dem höchsten Turm seiner Burg. Mit stolz geschwellter Brust deutete er auf die bewaldeten Hügel seines Herrschaftsgebietes bei Gotha. Doch dem jungen Eckhart huschte nur ein versteinertes Lächeln über das Gesicht. Als erster Nachkomme der Familie Hochheim standen ihm alle Privilegien und Pflichten eines Adeligen zu. Aber Hochheim Junior blickte von der Burg nicht auf sein zukünftiges Reich hinab. Heimlich schielte er in die Ferne über den Horizont. In Erfurt, wo sich vor wenigen Jahren ein christlicher Bettelorden niedergelassen hatte, erkannte Eckhart seine Zukunft. Weit entfernt von militärischer Macht und adligem Wohlstand zog es den jungen Mann in die ärmlichen Gemäuer des Erfurter Dominikanerordens. So oder so ähnlich begann Eckharts Weg nach Erfurt.

In der mittelalterlichen Handelsstadt entwickelte sich „Eckhart von Hochheim“ zu „Meister Eckhart“. Er traf in Erfurt auf eine wohlhabende und an Bildung interessierte Bürgerschaft. Eckhart schloss seine langjährigen Studien in Erfurt und Paris mit der Priesterweihe ab. Den auffälligen Titel Meister erhielt der Mönch nicht, weil er neben seinen Studien in den staubigen Werkstätten der Erfurter Zünfte arbeitete. Meister ist die eingedeutschte Form des akademischen Magister-Titels, den er nach seiner Promotion in Paris erhielt. Seine Studien waren das Fundament für ein Werk, das später einmal in die Nähe zum Buddhismus gerückt werden sollte.

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Wie aus Buddhas Mund

Was haben Buddha und ein christlicher Mönch aus Erfurt gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig. Würden sich Gautama und Eckhart allerdings unter dem schattigen Blattwerk einer Pappelfeige niederlassen, führten sie vermutlich eine interessante Unterhaltung. Der erste abendländische Philosoph, der den Vergleich wagte, war Arthur Schopenhauer. In seinem Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ behauptete er, dass beide zu den gleichen Schlussfolgerungen gekommen waren. Nur Eckhart war im christlichen Mittelalter gezwungen, seine Mystik in katholische Sprache zu hüllen. Buddha dagegen konnte seine Gedanken frei aussprechen. Ein anderer Autor ging noch weiter. Der Sozialpsychologe Erich Fromm erkannte in Eckharts Predigten eine Form der gottlosen, am praktischen Leben orientierten Religion. Zwar benutzte Eckhart Wörter wie Gott oder göttlich, doch auffällig ist, dass sich sein Werk fast ausschließlich um das Innere des Menschen drehte. Ein paar hundert Jahre später, hätte sich Eckhart vermutlich für Psychologie interessiert.

Auch unrühmliche Gestalten der Geschichte bedienten sich des Erfurter Mystikers. Führende Nazis, wie Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg besaßen einen Faible für Okkultismus. Rosenberg, der Chefideologe des Dritten Reichs, versuchte Eckhart in die nationalsozialistische Weltanschauung hineinzuzwängen.  Für den Nazi-Esoteriker war der Mönch eine Schlüsselfigur seines rassisch-germanischen Geschichtsbildes. Die Wahl fiel wohl nicht zufällig. Eckhart war einer der wenigen mittelalterlichen Gelehrten, der auch auf Mittelhochdeutsch schrieb und nicht ausschließlich auf Latein.

Gelâzenheit

Das neudeutsche Wort „Gelassenheit“ verdanken wir Erfurts berühmten Sohn. Doch als Eckhart bei kargem Kerzenlicht an seinen Predigten arbeitete, dachte er nicht über Entspannungstechniken nach. Seine Gelâzenheit bezog sich auf das innere Abstand-nehmen zur Welt. Wie Buddha, sah er in unkontrollierten Bedürfnissen die entscheidende Blockade für den menschlichen Geist. Freiheit entstehe durch seelische „Abgeschiedenheit“. Der Buddhismus nennt das Ende dieses Weges „Erleuchtung“. Eckhart nannte es die „Gottgeburt in der Seele“. Was man in Asien als geistige „Leerheit“ bezeichnete, kam in Erfurt als negative Theologie daher:

Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts.

Der Religionsphilosoph Bernhard Welte meinte, dass sich Christentum und Buddhismus in Eckhart und Buddha gegenseitig „zuwinken“.

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Unter dem Hammer der Inquisition

So außergewöhnlich seine Gedanken für das Mittelalter waren, so sehr brachten sie einige Glaubensbrüder gegen den Mönch auf. 1325 zerrte ihn der Erzbischof Heinrich II. vor das Gericht der Inquisition. Eckhart wusste, dass am Ende die Todesstrafe stehen konnte. Doch die Anklage gegen einen der angesehensten Denker seiner Zeit war auch damals hoch umstritten. Noch nie hatte man einen so hohen Geistlichen vor Gericht gebracht. Eckharts Stellung und seine enorme Rechtskenntnis machten es den Inquisitoren schwer, ihre Vorwürfe zu beweisen. In Erfurt setzte er ein Schriftstück auf, das so stichhaltig darlegte, warum seine Glaubensvorstellungen legitim waren, dass die Inquisition ihm nichts entgegenzusetzen konnte. Trotzdem endete das Verfahren tödlich für ihn. In Avignon, dem damaligen Sitz des Papstes, erlag der 70 jährige Eckhart vermutlich den Beschwerlichkeiten der vielen Reisen.

Gleichwohl ob sie vom Rand des Himalaya-Gebirges oder aus dem Erfurter Becken stammen, die Lehren der beide Denker zeigen große Übereinstimmungen bei der Frage nach der geistigen Freiheit der Menschen. Ihre Bedeutung hob man sowohl in den Klöstern Indiens, als auch bei den Mönchen Thüringens hoch. Ob der Vergleich zwischen Thüringer Mystik und der fernöstlichen Lebensphilosophie passt, ist schlussendlich eine Frage des Glaubens. Für Buddhismus-Interessierte kann ein Blick in Eckharts „Deutsche Predigten“ dennoch spannend sein.

Text: Armin Kung.
Titelbild: Ddalbiez / CC BY-SA 3.0, Rotatebot / CC BY-SA 3.0

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