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Der lange Weg von Louise Louise genießt

Am 1. Juni eröffnet das Geschäft „Louise genießt – unverpackte Lebensart“ und damit Erfurts erster Laden für Lebensmittel ohne Verpackungen. Hinter der großartigen Idee verbirgt sich eine Frau, an die anfangs kaum jemand glaubte. Bis auf die Online-Community. Die Geschichte einer Gründerin, von der wir alle etwas lernen können.

Hinter den historischen Dächern der Paulstraße 25 ragen die Spitzen des Erfurter Doms. Seine Glocken beschallen mit schwerem Klang die Erfurter Altstadt. Claudia Schmeißer streckt ihren blonden Kopf aus der Tür und schaut in den Himmel. Wir befinden uns vor einem Laden, dessen Geschäftsidee viele Menschen begeistert. Die breiten Schaufenster sind noch mit Packpapier verhüllt, nur kleine Plakate verkünden die Botschaft: Hier entsteht Erfurts erster Laden für unverpackte Lebensmittel mit dem eindeutigen Namen „Louise genießt – Unverpackte Lebensart“. Hinter dem Vorhang werkelt Claudia mit Hammer und Schraubenzieher an Regalen und Abfüllanlagen. Und damit an ihrem persönlichen Traum, Lebensmittel ohne Verpackung und aus der Region anzubieten. Doch für die Erfüllung dieses Ziels ging sie durch eine harte Schule. „Frau, geschieden, über 40, zwei Kinder, kein Eigenkapital. Da geht bei der Bankfiliale nicht mal die automatische Schiebetür auf.“, sagt Claudia heute in ihrem eigenen Geschäft.

Am Anfang stand ein gemeinsames Essen mit Freunden und viel Enthusiasmus. Claudia und ihre Freunde Björn und Martina brachten alle etwas Leckeres zum gemeinsamen Frühstück mit. Nach dem schmackhaften Gelage stapelten sich die Verpackungen und damit der Müll. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass jede Brotscheibe einzeln eingehüllt war. Die Geschäftsidee drängte sich ihnen geradezu auf: Ein Laden, in denen umweltbewusste Kunden regionale und verpackungsfreie Lebensmittel einkaufen können. Die Idee war so einleuchtend, dass die Drei lieber gestern als heute los gelegt hätten. Facebook-Account eingerichtet, Crowdfunding-Kampagne aufgesetzt und schon ist der Traum zum Greifen nahe. Claudia, Björn und Martina warteten auf die Unterstützung der Online-Community. Mehrfach täglich schauten sie online auf ihre Startnext-Kampagne. Die Frist näherte sich ihrem Ende. Schlussendlich verpassten die Drei ihr selbstgestecktes Ziel. „Wir haben die Leute einfach überrannt mit unserer Idee“, sagt Claudia heute mit einem Lachen. „Damals konnte es mit dem Crowdfunding noch nicht funktionieren.“ Doch jeder Fehler birgt auch eine Erkenntnis. Das Geldsammeln im Internet brachte ihnen viel Aufmerksamkeit, davon benötigten sie mehr. Claudia verwandelte ihren Facebook-Account in ein öffentliches Geschäftstagebuch. Mit Offenheit und Ehrlichkeit schrieb sie ihren Followern über die Erfolge und Niederlagen der Gründung. Die Community dankte es ihr mit aufbauenden Kommentaren und Tipps.

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Das Crowdfunding ermöglichte verpackungsfreie Verkaufssysteme. (aus dem Dresdener Geschäft „Lose“)

Doch die gescheiterte Kampagne forderte auch seinen ersten Tribut. Wenn Freunde berufliche Partner werden, ist mit dem Ende der Geschäftsbeziehung auch die Freundschaft bedroht. In Gruppen von drei Personen gibt es schnelle Mehrheiten. „Björn und ich waren oft einer Meinung.“ Martina, die Dritte im Bunde verlor stets mit einer Zwei-Drittel Mehrheit. Sie stieg aus. Übrig blieben eine arbeitssuchende Büroangestellte und ein Koch. Claudia versuchte zu lernen. Die Arbeitsagentur schickte sie auf Weiterbildungen, die für ihr Ziel jedoch wenig hilfreich waren. „Dort wurden uns recht einfache Dinge beigebracht, die ich schon vor 30 Jahren in der Ausbildung gelernt hatte.“ Die anderen Kursteilnehmer beschwerten sie in der Pause über die vergeudete Zeit. Claudia saß auf ihrem Platz und googelte Lieferanten und sammelte potentielle Produkte für ihr Geschäft. Den Lehrern machte sie deutlich, dass sie sich selbständig machen wolle und diese ließen sie in Ruhe arbeiten. In der Weiterbildung lernte sie zwar nichts von dem Kurs, dafür viel über verpackungsfreie Lebensmittel und ihre eigenen Ziele.

An manchen Punkten fragt man sich, ob der Durchbruch kommt, bevor man selber bricht. Im Herbst letzten Jahres stockte die Gründung noch immer. Die Idee existierte jetzt bereits ein dreiviertel Jahr und konkrete Formen waren nicht abzusehen. Es stand keine Finanzierung und eine Ladenfläche hatte das Duo Claudia und Björn auch noch nicht gefunden.  Der zweite Geschäftspartner stieg aus und Claudia war allein mit ihrer Idee. Die Bank lehnte einen Kreditantrag ab, in den sie viel Hoffnung gesetzt hatte. „In solchen Momenten denkt man nur: Scheiße! Was soll das alles? Rede ich mir hier etwas schön?“ Selbst enge Freunde wurden skeptisch. Sie igelte sich für zwei Wochen ein und schottete sich ab. Genug.

Im Rückblick sind es diese Momente am Boden, die die Spreu vom Weizen trennt. Claudia hätte hinschmeißen können. Kein Kampf mehr, kein Anpreisen, Überzeugen und Geld sammeln. Sie hätte sich wieder einen verlockend sicheren Bürojob gesucht und das Leben wäre dahin geplätschert. Doch sie schrieb ein weiteres Facebook-Update, vermutlich ihr offenstes Statement bisher. „Die Existenzgründung ist schwer“ stand am Anfang des Textes. „Doch so schwer…“ Wieder informierte sie ihre Follower mit ihrer direkten Ehrlichkeit. Diese motivierten und ermunterten sie, es mit einer weiteren Crowdfunding-Kampagne zu versuchen. Claudia war skeptisch, doch ließ sich von ihren Fans überzeugen. Im gleichen Zeitraum lernte sie den Unternehmensberater Attila Flöricke auf einer Existenzgründer-Veranstaltung kennen, der von ihr und ihrer Idee begeistert war. Seine Frau und er kamen zur richtigen Zeit. Er versprach, Rechnungen erst zu schicken, wenn das Geschäft laufen würde. „Louise unverpackt“ war wieder auf Kurs. Dank ihrer Erfahrung mit der ersten Kampagne war das zweite Crowdfunding ein voller Erfolg. Mit Hilfe ihres Beraters erkämpfte sie sich auch den lange ersehnten Kredit. „Mach den Sekt auf!“ hieß es im Januar 2016.

Manche sagen Schicksal dazu, andere Karma. Wie man es auch nennt, Claudia bekam nach den schweren Zeiten etwas zurück. Selbst die Suche nach einem Laden in der Erfurter Altstadt, der für Laufkundschaft gut zu erreichen ist, lief plötzlich problemlos. Heute, wenige Wochen vor ihrer Eröffnung, steht sie in ihren Räumen in der Paulstraße und schaut sich um. Zweifel, verlorene Freunde, Niederlagen und Finanzierungssorgen liegen hinter ihr. Was sie aus diesen Zeiten gelernt hat? „Früher hielt ich solche Sprüche für Phrasen, aber es stimmt. Wenn du wirklich etwas willst, bekommst du es auch.“

19.05.2016, Text und Fotos: Armin Kung.

2 Kommentare zu “Der lange Weg von Louise Louise genießt

  1. Schöner Artikel, der bestimmt so einigen Macherinnen viel Kraft gibt. Folgt noch einen 2. Teil, wo wir erfahren, was die Louise ab dem 01. Juni alles in die mitgebrachten Gläser und Tüten kippen wird?

  2. „Wenn Freunde berufliche Partner werden, ist mit dem Ende der Geschäftsbeziehung auch die Freundschaft bedroht. In Gruppen von drei Personen gibt es schnelle Mehrheiten. „Björn und ich waren oft einer Meinung.“ Martina, die Dritte im Bunde verlor stets mit einer Zwei-Drittel Mehrheit.“ – Aha. Soso, will ich also zu Dritt gründen, so sind also meine Freundschaften bedroht. Ich weigere mich das zu glauben. Toleranz und das Akzeptieren anderer Meinungen ist wichtig. Selektive Wahrnehmung kann sich ein Gründer trotz 2/3 Mehrheit nicht leisten! Eine wahre Freundschaft, darf an einer Gründung, trotz unterschiedlicher Ansichten nicht verloren gehen. Eigentlich schade. Mindert für mich persönlich die eigentlich gute Idee und die Sympathie bzgl. Gründerin.

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