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Der Menschenwürde-Extremist – Ein Portrait von Rüdiger Bender

Stadtratssitzung. Erfurter Politiker schwärmen durch den Saal im Rathaus. Die Abgeordneten schütteln Hände, halten Small Talk und nehmen ihre Plätze ein. Eine langwierige Versammlung mit Diskussionen und Abstimmungen steht bevor. Der Oberbürgermeister wird nach einigen Stunden geschafft in seinem thronartigen Stuhl fläzen. Einer der nicht zu der Sorte Politiker gehört, die ihre Zeit im Stadtrat einfach nur absitzen, ist Rüdiger Bender. Durch einen glücklichen Zufall sitzt ausgerechnet er auf dem Stuhl, vor dem einzigen NPD-Abgeordneten im Saal. Glücklich deswegen, weil auf Benders Desktop unübersehbar für seinen Hintermann die Nummer von EXIT prangt, einem Ausstiegsprogramm für Rechtsextreme. Eine Aktion, typisch für Rüdiger Bender.

Wir treffen uns auf dem Petersberg, um über die Stadt zu Sprechen, die so wunderschön vor uns liegt. Beim ersten Kaffee in der Glashütte, kommen wir schnell auf aktuelle Debatten in Erfurt zusprechen. Hinter uns steht die graue und heruntergekommene Defensionskaserne. Das Konzept „Kulturquartier Petersberg“ wollte die Kreativwirtschaft in das Stadtzentrum holen. Der Stadtrat erreichte keine Mehrheit für diese Idee. Auch Rüdiger Bender gehörte zu den Unterstützern des Konzeptes und bedauert die Ablehnung. „Das Kulturquartier hätte seine Wirkung als Magnet für junge Leute und Kreative garantiert entfaltet. Verwaltungsorte haben wir eigentlich genug und da hätte sich etwas weniger Spektakuläres gefunden, als die Defensionkaserne.“ Doch Kultur scheitert für ihn persönlich nicht an geeigneten Orten. Er ist sowohl Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Erfurt (Studium Fundamentale) als auch an der TU Ilmenau (Studium Generale) und ist bei der Willy-Brandt-School of Public Policy tätig. Er ist Vorsitzender des Förderkreises Erinnerungsort Topf & Söhne und ist im Namen der Martin-Niemöller-Stiftung oft mit seinem mobilen Verstärker wortgewandt gegen Rechtsextremismus und alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Erfurt und Thüringen unterwegs. Schon manch eine NPD-Kundgebung scheiterte mit ihren braunen Parolen gegen seine unaufhörliche und lautstarke Argumentation.

Rüdiger Bender ist Mitglied der Grünen. Im Februar 2012 kam er für die Abgeordnete Katrin Hoyer in das Erfurter Stadtparlament. „Jetzt vorm Wahlkampf geht viel nach Fraktionen, sonst aber erlebe ich den Stadtrat als einen sehr schönen Ort, in dem es auch möglich ist Mehrheiten außerhalb der Parteigrenzen zu bekommen“ Seine politischen Überzeugungen gründen sich weniger auf die klassisch-grüne Ökologie, sondern auf Bürgerrechte, Menschenrechte und die Verteidigung einer freien Gesellschaft. Bis 1993 war er Mitglied der SPD und trat damals als Protest gegen den Asylkompromiss aus. Die SPD sorgte mit ihren Stimmen für eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit im Bundestag. Diese Änderung schränkte das bis dahin geltende Grundrecht auf Asyl deutlich ein. Sein Vorbild in der grünen Bundestagsfraktion ist Hans-Christian Ströbele. Dieser konnte seine politischen Vorstellungen zur Bundestagswahl 2002 gegen die Außenpolitik Joschka Fischers verteidigen, in dem Ströbele das erste Direktmandat in der Geschichte der Grünen erreichte. Bender unterstreicht die Gewissensfreiheit eines Abgeordneten und fühlt sich wohl in seiner grünen Fraktion. Es wird argumentativ um gemeinsame Positionen gerungen und es gibt keinen Fraktionszwang, gegen den er sein Gewissen verteidigen müsste.

Bekennender Menschenwürde-Extremist

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Der Kandidat der Grünen zur Kommunalwahl ist ein aktiver Streiter für Demokratie und Menschenrechte. Insbesondere die Menschenwürde und ihre Unantastbarkeit ist ihm wichtig. Die Menschenwürde sei selbst ein Menschenrecht, die zugleich Quelle der klassischen Menschenrechte ist, aber sich auch aus der „Entdeckung“ bisher übersehener Grundrechte speist. Im Falle konfligierender Grundrechte muss der Menschenwürdebezug, für den bekennenden „Menschenwürde-Extremisten“, das entscheidende Wort als Kriterium haben. Rüdiger Bender ist studierter Philosoph und weiß wovon er spricht, wenn er seine Vorstellung erläutert. Als Christ sieht er die Würde des Menschen bereits im Konzept der Gott-Ebenbildlichkeit in der Hebräischen Bibel angelegt.

Auseinandersetzungen scheut der 53-Jährige nicht, im Gegenteil, sein gesellschaftspolitisches Engagement hat viele Formen. Als Vorsitzender des Förderkreises Erinnerungsort Topf & Söhne unterstützt er den Gedenkort am ehemaligen Firmensitz der „Ofenbauer von Auschwitz“ mit Herzblut und vielen Veranstaltungsideen. „Als wir uns am Anfang dafür engagiert haben, hätte ich selbst gar nicht für möglich gehalten, dass wir es hinkriegen.“ Auch beim Thema Topf & Söhne spiele Menschenwürde eine zentrale Rolle, während die anderen Menschenrechte nur den Lebenden zukommen, endet die Unantastbarkeit der Menschenwürde nicht einmal mit dem Tod. Angesichts der anonymen und keine Aschetrennung zulassenden Verbrennung von Ermordeten in den Leichenverbrennungsöfen der Erfurter Firma, könne auch den Menschen, die durch die religiösen und philosophischen Begründungen nicht erreicht werden, aus dem Faktum radikaler Verletzung der Menschenwürde, deren Unantastbarkeit nahe gebracht werden. Die Öfen in den KZ‘s Ausschwitz und Buchenwald erinnern daran, dass technische Berufe wie Anlagemechaniker oder Ingenieur eine ethische und politische Komponente besitzen. Daher trifft er sich auch mit Ingenieuren und Facharbeitern – aber auch mit Polizisten und Juristen, Unternehmern und Gewerkschaftern – zu Führungen am Erinnerungsort Topf & Söhne, um die Bedeutung von Fragen ethischer Verantwortung in diesen Berufe zu reflektieren.

„Stadt und Universität müssen stärker zusammen rücken“

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Unterwegs mit dem Rednerpult

Mindestens einmal im Jahr holt Rüdiger Bender den Campus in das Zentrum der Stadt. Der „Campus Anger“ ist ein interaktive Veranstaltung, die Studenten und Erfurter Bürger näher zusammen bringen und dabei für eine Politik der Menschenwürde sensibilisieren soll. Dozenten und Studenten bringen sich mit Redebeiträgen ein, um „mittels historischer Bildung Menschenrechtsbildung zu leisten“ und dafür aktuelle Inhalte der Universität und Debatten in der Stadt bekannt zu machen. Vernunft soll als öffentlich und die Öffentlichkeit als möglicher Ort der „Vernunfteinübung“ erfahrbar werden. Am Anfang reichte für Benders Idee ein hölzernes Rednerpult. Mittlerweile steht eine kleine Bühne auf dem Platz vorm Hugendubel und nicht mehr nur Universitätsangehörige wollen ihren Beitrag leisten. Auch Politiker, Kirchenvertreter und engagierte Bürger tun ihre Meinung kund. Vorträge, Podiumsdiskussionen, Szenische Lesungen, Rede und Gegenrede … ein buntes Programm. Schon manch ein Student, der neugierig am Rand der Veranstaltung folgte, sah sich einige Minuten später hinter dem Mikrofon. Statt sich über die „Piefigkeit“ von Erfurt zu beklagen und dem Kulturquartier hinterher zu trauern, engagiert sich der selbsterklärte Menschwürde-Extremist direkt in der Zivilgesellschaft. Wieder eine Aktion, typisch für den Stadtratskandidaten Rüdiger Bender.

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