Rund 300 Erfurter und Erfurterinnen nahmen an der Rollrunde 2016 teil.

Der rollende Flashmob Erfurter Rollrunde

Gestern Mittag rollten rund 300 Erfurter und Erfurterinnen durch die Innenstadt. Zum vierten Mal demonstrierte die Erfurter Rollrunde damit für mehr Toleranz gegenüber alternativen Fortbewegungsmittel im Straßenverkehr.

Rollschuhe, Inline Skates, Longboards, Skateboards, Einräder, Zweiräder, Dreiräder, Kickboards, und, und, und – am Samstag Mittag rollten rund 300 Erfurter und ErfurterInnen durch die Innenstadt. Die Demonstration der Erfurter Rollrunde legte, da wo sie aufkreuzte, kurzzeitig den Straßenverkehr lahm. Die meisten Autofahrer und Passanten nahmen es gelassen und ließen sich von der Guten Laune der Demonstrationsteilnehmer anstecken. Einige aber schimpften, hupten und versuchten sich vereinzelt mit ihren motorisierten Karren durch die Menge zu drängeln – ohne Erfolg. Im Pfeifkonzert der Rollrunde blieben sie stecken und wurden eine Ampelphase lang mit einer Rote-Ampel-Party festgesetzt, ehe sich der rollende Flashmob wieder in Bewegung setzte.

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„Meine Rollschuhe sind wichtiger als Deutschland“ – Roller Derby Erfurt

Eigentlich sollten alternative Fortbewegungsmittel in Erfurt – der Stadt, die sich von ihrer Begegnungszone eine autofreie Innenstadt erhofft und arge Probleme mit deren Umsetzung hat – eine willkommene Abwechslung sein. Doch weit gefehlt, wie Christopher Kutzner, Veranstalter der Erfurter Rollrunde und leidenschaftlicher Longboarder, erklärt:

In Erfurt lauern die Probleme der rollenden Bevölkerung an jeder Ecke: Kopfsteinplaster, gefährliche Schienen, keine ausgebauten Fahrradwege und vor allem intolerante Menschen, ob im Auto oder zu Fuß. Wenn man über den Anger fährt, trifft man hier vornehmlich alte Leute, die dir absichtlich in die Quere laufen, nur um dich anzumeckern: ‚Junge steig von dem Ding ab!’“

Für viele Menschen gehören Skater auf den Sportplatz, aber nicht in die Fußgängerzone und schon gar in den Straßenverkehr. Dass beispielsweise ein Longboard genauso ein umweltfreundliches und praktisches Verkehrsmittel sein kann wie ein Fahrrad, kommt ihnen nicht in den Sinn. Gegen diese Engstirnigkeit demonstrierte die Erfurter Rollrunde gestern bereits zum vierten Mal. Allerdings finden die Roll-Enthusiasten mit ihrer Forderung nach mehr Toleranz für unmotorisierte Fortbewegungsmittel selten Gehör. Diskutiert die Erfurter Stadtpolitik über Mobilität, so werden die Bedürfnisse von Auto- und Straßenbahnfahrern berücksichtigt, die der Radfahrer zumindest zur Kenntnis genommen und alternative Fortbewegungsmethoden werden beflissentlich ignoriert.

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Christopher Kutzner – Rollrunde Erfurt e.V.

Ein Umstand, der mit der Rechtslage von Skatern im Straßenverkehr einhergeht. Der Straßenverkehrsordnung zufolge sind sie wie Fußgänger zu behandeln und denen geht es in Erfurt doch gut. Dass sich Skater, die nur unwesentlich langsamer unterwegs sind als Radfahrer, auf den oft holprigen Fußwegen jedoch keineswegs gut aufgehoben fühlen, spielt in der StVO keine Rolle. Weicht ein Skater auf den Radweg oder gar auf die Straße aus, drohen Bußgelder. Um auf diese Ungerechtigkeiten und die Bedürfnisse der rollenden Bevölkerung aufmerksam zu machen, gründete Christopher zusammen mit ein paar Freunden 2014 den Verein Rollrunde Erfurt e.V.:

Bei uns geht es darum auch mal Umzudenken und zu überlegen, wie kannst du dich im urbanen Raum bewegen? Musst du immer das Auto oder die Tram nehmen? Nein musst du nicht, du kannst dich aufs Rad schwingen, schnall‘ dir Inline Skates an oder oder oder. Die Möglichkeiten sind da. Du willst einkaufen? Dann schnapp‘ dir dein Rollbrett und mach dich auf den Weg.“

In den vergangenen Jahren hat sich die Rollrunde mit dieser Idee bei immer mehr Erfurtern einen Namen gemacht. Die Demonstration, die 2013 erstmals von rund hundert Teilnehmern besucht wurde, hat inzwischen die dreifache Größe und auch die anschließende Sportveranstaltung am Lauentor mauserte sich seither zu einem richtigen Happening.

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So tummelten sich auch gestern wieder viele hunderte Besucher in der extra dafür abgesperrten Straße am Petersberg, die eine große Spielfläche für verschiedenste Skate-Dissziplinen bot. Darüber hinaus gab es Essensstände, Livekonzerte, Workshops und diverse Spiele. Unterstützt wurde die Rollrunde dabei von einer Reihe weiterer Vereine, die ihren Sport präsentierten. Der Thüringer Speed Skating Club (TSSC) lockte mit einem kleinen Pacour für Inline Skates, der Einradclub Erfurt vermittelte den Besuchern ein völlig neues Fahrgefühl und die Rollderby-Mädels zeigten, wie es bei ihren rasantem Rollschuhsport zur Sache geht. Außerdem hatte Viva con Aqua einen Stand aufgebaut und das Lastenrad von Ella drehte seine Runden. Für Christopher Kutzner ein rundum gelungener Tag:

Ich bin mega-glücklich, dass wir wieder so ein tolles Event hinbekommen haben und kann mich nur bei allen bedanken, die daran mitgeholfen haben. Ich denke auch, dass wir heute wieder ein tolles Zeichen gesetzt haben. Wir sind zwar nur eine Randgruppe im Straßenverkehr, aber eine die seit Jahren wächst und heute haben wir wieder auf uns aufmerksam gemacht.“

Text und Fotos: Andreas Kehrer
12.06.2016

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