Islam

Die andere Seite des Islams – eine Ausstellung

Die Islamophobie gehört mit Sicherheit zu den häufigsten, rassistischen Reflexen, die wir dieser Tage beobachten können. Die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ ist Produkt der jahrelangen chaotischen Berichterstattung über Terroranschläge und des gefährlichen Halbwissen in der westlichen Welt über die Inhalte des Korans. Im Atrium der Erfurter Stadtwerke wird kommende Woche die Ausstellung „Eine Reise durch die islamische Zeit“ zu sehen sein, die mit vielen Vorurteilen aufräumen möchte. Local Times sprach mit Suleman Malik, Mitglied der Erfurter Ahmaddiyya-Gemeinde und Initiator der Ausstellung, über den Islam und Muslime in der Thüringer Landeshauptstadt.

Herr Malik, immer wieder begegnen Sie Menschen, die dem Islam ablehnend gegenüberstehen. Was ist der Islam eigentlich?

Der Islam ist eine Lehre, keine Ideologie. Das verwechseln viele Menschen und nehmen ihn als Bedrohung wahr. Aber der Grundsatz der islamischen Lehre ist, dass es keinen Zwang im Glauben gibt. Jeder darf glauben, was er will und darum arbeiten wir mit allen Religionsgemeinschaften zusammen und heißen sie willkommen! Dass der Islam gewaltbereit ist und andere Religionen ausgrenzt, ist ein weit verbreitetes, aber falsches Bild. Keine Religion ruft von sich aus zur Gewalt auf. Natürlich gibt es immer wieder Muslime, die sich falsch verhalten und sogar töten. Aber dafür kann man keine Religion verantwortlich machen! Der Islam ist Frieden! Muslime sind ein Teil Deutschlands und der Islam gehört zu Deutschland. Man kann nicht sagen, dass die Muslime willkommen sind, aber der Islam nicht zu Deutschland gehört. Mit solchen Aussagen werden Ungewissheit und Ängste verbreitet.

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Suleman Malik am Infostand seiner Gemeinde.

Worin unterscheidet sich Ihre Glaubensgemeinde von anderen muslimischen Gemeinschaften?

Die Ahmadiyyah Muslim Jamaat ist eine reformierte Gemeinschaft innerhalb des Islams. Im Gegensatz zu anderen Muslimen glauben wir, dass Jesus nicht auferstanden ist und dass ein neuer Prophet kommen wird, der der muslimischen Gemeinde angehört und die Religion wiederbelebt. Und wir glauben, dass dieser Prophet in der Verkörperung von Mirza Ghulam Ahmad, dem Gründer unserer Gemeinschaft, gekommen ist. Die anderen Muslime warten noch auf den Messias. Aufgrund dieses Glaubens werden wir von anderen Muslimen ausgegrenzt und dürfen unsere Religion nicht offen ausleben. Meine Familie ist deswegen nach der deutschen Wiedervereinigung aus Pakistan nach Deutschland geflohen. In Erfurt hat unsere Gemeinde derzeit 20 Mitglieder. Unsere Gebetshäuser sind Zeichen des Friedens und unsere Türen stehen für alle offen. Es ist wichtig, dass man offen miteinander umgeht und Dialoge führt, um die Vorurteile und Ängste der Menschen zu überwinden. Deswegen stehen wir jeden Samstag mit einem Informationsstand auf dem Anger und deswegen machen wir diese Ausstellung.

Worum wird es in der Ausstellung gehen?

Zunächst werden die Grundlagen des Islams erklärt. Es gibt Texte über Gott und das Leben des Propheten Mohammad. Es wird um islamische Geschichte, die wissenschaftliche Rolle des Islams in der Welt und aktuelle Themen gehen. Ein wichtiger Punkt ist die Rolle der Frauen im Islam. Das wird ja immer wieder scharf verurteilt. Zusätzlich wird es Podiumsdiskussionen und Vorträge geben. Alle Besucher sind eingeladen, Fragen zu stellen und an den Diskussionen teilzunehmen. Wir möchten so viele Menschen wie möglich erreichen. Ich habe über ein Jahr daran gearbeitet, diese Ausstellung umsetzen zu können. Es war schwer, einen passenden Ort zu finden, der offen zugänglich ist. Aber die Stadt Erfurt hat uns sehr unterstützt, besonders die Erfurt Tourismus & Marketing GmbH. Es waren dann schließlich die Erfurter Stadtwerke, die uns zugesagt und das Atrium zur Verfügung gestellt haben.

Was möchten Sie mit dieser Ausstellung bewirken?

Mein Anliegen ist, dass die Vorurteile und Ängste, die die Menschen gegenüber dem Islam haben, aufgelöst werden. Die Muslime, die hier in Deutschland leben, sind friedliche Leute. Wir distanzieren uns klar von den Taten der Terroristen in den islamischen Ländern. Was dort passiert, gefährdet auch uns in unserer Arbeit und unserem Leben. Ich möchte erreichen, dass die Menschen mit uns ins Gespräch kommen und uns kennenlernen. Oft merke ich schon beim ersten Satz, dass die Menschen entweder keinen Ansprechpartner haben oder die Quelle ihrer Meinung falsch ist. Und das möchte ich in dieser Gesellschaft ändern! Derzeit leben etwa 1200 msulimische Flüchtlinge in Erfurt, die integriert werden müssen und Teil der Gesellschaft werden wollen. Und wenn wir nicht tolerant und offen miteinander umgehen, wird das zu Konflikten führen. Diese Ausstellung soll für alle Erfurter und Thüringer eine Chance sein, sich mit dem Islam zu beschäftigen, ohne ausschließlich auf Medienberichte oder die Aussagen Dritter vertrauen zu müssen.

Wie gut ist die muslimische Gemeinde in Erfurt integriert?

In Erfurt recht gut. Aber ich wünsche mir mehr Engagement von jungen Muslimen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn sie sich integrieren wollen, müssen sie auch mitmachen! Sie sollten sich zum Beispiel auf öffentliche Positionen bewerben und eine Chance bekommen, weiterzukommen. Die Annäherung muss von beiden Seiten kommen. Ich lebe seit fast 20 Jahren hier in Erfurt und ich weiß, wie schwer es für einen Moslem ist. Man hat ständig das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Davon müssen wir wegkommen! Wir müssen uns nicht rechtfertigen, wir sind friedliche Leute! Wir haben doch nichts zu verstecken! Das müssen wir auch mit unseren Taten zeigen. Nur wenn sich alle Seiten gegenseitig respektieren, können wir die Konflikte und Spannungen in der Gesellschaft abbauen.

Suleman Malik als ehrenamtlicher Helfer in der Messehalle.
Suleman Malik als ehrenamtlicher Helfer in der Messehalle.

Was für eine Botschaft haben Sie für Menschen, die sich von der anhaltenden Flüchtlingsbewegung bedroht fühlen?

Liebe für alle, Hass für keinen! Ich denke, die Deutschen haben Angst, weil sie wenig Kontakt mit Muslimen haben, besonders hier in Ostdeutschland. Man kann nur vor etwas Angst haben, das man nicht kennt! Es gibt zum Glück viele Menschen, die tolerant sind und diejenigen, die Angst haben, können zu uns kommen und mit uns sprechen! Gerade jetzt, wenn die Flüchtlinge in die Gesellschaft integriert werden sollen, ist das wichtig. Denn wenn wir den Flüchtlingen nicht zeigen, dass sie willkommen sind, dann kann die Integration auch nicht gelingen.

Die Menschen, die auf den Straßen gegen die Flüchtlinge und gegen den Islam demonstrieren, tun mir leid! Denn dass sind die, die nicht mit uns sprechen wollen. Sie stecken in ihrer Angst fest, schaden damit der gesamten Gesellschaft und verschlimmern die Situation nur noch, indem sie Vorurteile verbreiten, vor allem über die sozialen Netzwerke. Das ist schlimmste Untoleranz! Natürlich haben wir hier Meinungsfreiheit und jeder kann denken, was er möchte. Aber werde ich dem auch gerecht, wenn ich nur die eine Seite glaube und die andere Seite nicht hören möchte?

Vielen Dank für das Interview.

 

Die Ausstellung zum Thema „Eine Reise durch die islamische Zeit“ wird vom 28.09. bis 30.09.2015 täglich von 10:00 bis 20:00 Uhr im Atrium der Stadtwerke Erfurt gezeigt. Weitere Informationen

 

Text und Foto: Anna Anger

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