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Die Angst vor den Deutschen wächst

Der digitale Mob, den wir im Artikel „Anheizen, bis es brennt“ beschrieben haben, trat heute an die Öffentlichkeit. Protokoll einer bedrohlichen Einwohnerversammlung.

Beginnen wir mit dem Informationsgehalt der Einwohnerversammlung in der Grundschule Scharnhorststraße zum Thema „Flüchtlingsunterkunft in Erfurt Süd“:

  • Erfurt nimmt für die Prüfungsdauer des Asylantrages neun Familien mit kleinen Kindern auf
  • die provisorische Flüchtlingsunterkunft in der Kennedy Schule ist auf 8 Wochen befristet
  • nach dem 28. März wird sie laut Schulentwicklungsplan zu einem Gymnasium ausgebaut

Jetzt vergessen wir diese Fakten sofort wieder und ersetzen sie mit der „absoluten Wahrheit“, dass alle Flüchtlinge kriminell und eine Gefahr für die deutschen Kinder seien. Nun haben wir das Niveau der Veranstaltung erreicht.

Diese Zusammenkunft war ein Heimsieg der NPD um Stadtrat Enrico Byczysko. Inklusive Hattrick. Die Rechtsextremen schafften es nicht nur, viele ihrer Anhänger zu mobilisieren, sondern sich auch von den Anwohnern feiern zu lassen. Die Neonazis stammelten die absurdesten Behauptungen in das Mikrofon, johlende Zustimmung einer riesigen Mehrheit des Saales war ihnen gewiss. Ohne zu übertreiben, fühlte sich dieser Abend an, als wäre er den dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte entsprungen.

Eine kurze Chronologie der Veranstaltung

Zurück zum Anfang. Die Erfurter Bürgermeisterin Tamara Tierbach (Linke) eröffnete die Veranstaltung in der überfüllten Turnhalle an der Kranichfelder Straße. Ungefähr 500 Menschen quetschten sich auf zu wenige Sitzgelegeneheiten. Die Bürgermeisterin betete die Eckdaten zur Flüchtlingsunterkunft in Rekordzeit herunter und kam schnell zum offensichtlichen Kernpunkt dieser Zusammenkunft:

„Sie haben jetzt die Gelegenheit, Fragen zu stellen und ich möchte sie deutlich darauf hinweisen, dass es heute nicht um politische Statements gehen soll!“

Das Gegenteil passierte. Die mobilisierte NPD-Anhängerschaft und aufgebrachte Bürger füllten mehr als Zwei-Drittel des Saales. Der Rest bestand aus Flüchtlingsunterstützern und schweigenden Erfurtern. Die erste Frage schallte durch das Mikrofon:

„Wie können sie nur diese Asylanten direkt neben einer Grundschule unterbringen?? Das ist verantwortungslos! Denken sie an die Kinder!!!

Von den Flüchtlingen ginge nicht die geringste Gefahr aus, im Gegenteil. Die Stadtverwaltung sei eher um das Wohl der Asylbewerber besorgt, entgegnete Thierbach. Der Saal johlte und schimpfte. Alle folgenden Fragen stießen in das gleiche Horn. Mit agressiver Lautstärke und Wortwahl wurden die untergebrachten Familien entweder als kriminell, verwahrlost oder Gefahr dargestellt. Mit selbstbewussten Antworten versuchte Thierbach die Bedenken zu zerstreuen und scheiterte am stellenweise gröhlenden Mob.

Während die hintere Hälfte der Turnhalle eher von Neonazis, ihren Sympathisanten sowie schweigenden Bürgern belegt war, saßen weiter vorne die „empörten Eltern“. Besonders Frauen waren hier tonangebend. Wie Anpeitscher hockten einige von ihnen erhöht auf den Stuhllehnen und schrien zwischen die Antworten der Bürgermeisterin. Mütter, die ihre Kinder neben sich hatten, sprangen spontan auf, richteten den Zeigefinger nach vorne und krakelten in unerträglicher Art und Weise rassistische Kommentare.

Eine Handvoll Menschen versuchte sich gegen die dominante Stimmung im Saal zu stellen:

„An wen muss man sich wenden, um Sach- oder Geldspenden für die Flüchtlinge abzugeben?“

„Ist die Sicherheit der Asylbewerber wirklich garantiert? Im Moment kann ich mir das nicht vorstellen.“

Jede dieser Fragen wurden mit Zwischengebrüll, Gelächter oder aggressiven Parolen gestört. Die übergroße Mehrheit in dem Saal stand der NPD heute näher, als jeder anderen zugelassenen Partei in diesem Land.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Unauffällig trat eine Mutter mit ihrem jungen Sohn aus dem Block der „empörten Eltern“ hervor. Mit schüttelndem Kopf setzte sie sich an den Rand der Turnhalle zu einer anderen Frau. Beide waren trotz der aufgeheitzten Stimmung bereit, sich zu den Ereignissen zu äußern. Frau Störmer, leitende Erzieherin an der Grundschule Scharnhorststraße, sagte gegenüber LTE:

Diese Eltern, die sich hier so aufspielen, engagieren sich sonst nicht für unseren Stadtteil oder die Schule. Wenige von denen sieht man bei Veranstaltungen in der Schule. Ich habe überhaupt keine Bedenken, was die Flüchtlinge angeht.

Die immer noch Kopf schüttelnde Frau neben ihr, stellte sich als Frau Zang vor. Sie ist Anwohnerin, Mutter eines Grundschülers und Kindererzieherin im Stadtteil. Aufgeregt berichtete sie von ihren Eindrücken:

„Der Kommunikationsstil der anderen Eltern ist unerträglich. Hier findet gerade eine ungerechtfertigte Aufhetzung statt. Ich bin aus Neugier letztens selbst zu den Flüchtlingen gegangen, weil ich wissen wollte, was für Leute das sind. Sie waren offen, herzlich und ein wenig eingeschüchtert. Denn sie wissen genau, in was für einer Umgebung sie hier untergebracht sind. Ich persönlich habe mehr Angst vor einigen Anwohnern, als vor den Asylbewerbern.“

Mit dieser Sorge steht die Erfurterin nicht alleine da. Wenige hundert Meter Luftlinie von der Flüchtlingsunterkunft entfernt, befindet sich die stadtbekannte Neonazi-Kneipe „Kammwegklause“.

2 Kommentare zu “Die Angst vor den Deutschen wächst

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