Streetart an der Ecke Grove Street/Christopher Street, 2015 (Foto: AK)

Die Geschichte des Christopher Street Days

Am kommenden Samstag feiern wir den Christopher Street Day in Erfurt. Unter dem Motto „Erfurt treibt’s bunt“ führt zunächst ein Demonstrationszug vom Bahnhof (Start: 12 Uhr) durch die Innenstadt und endet schließlich am Anger. Hier findet anschließend das CSD Straßenfest statt, zudem sich auch Schirmherr und Ministerpräsident Bodo Ramelow angemeldet hat. Doch warum feiern wir den Christopher Street Day eigentlich? Alles begann mit dem Stonewall-Aufstand. Ein Blick in die Geschichte…

Sommer 1969. Es ist Bürgermeisterwahlkampf in New York und John Lindsey braucht ein paar positive Schlagzeilen. Seine Wiederwahl steht auf der Kippe, denn der Republikaner hat mit seiner progressiven Politik viele Parteimitglieder verprellt. Er braucht im konservativen Sinne „gute“ Presse und beschließt die Stadt ein bisschen „aufzuräumen“. Was würde da besser passen, als ein paar schwarze Schwule der Straftat zu überführen?

Am 28. Juni kommt es kurz nach 1 Uhr zur Razzia im Stonewall-Inn. Acht Polizisten betreten die schwul-lesbische Szenekneipe in Greenwich Village, die an diesem Abend voller ist als sonst. Etwas mehr als 200 Gäste werden gezählt. Am Tag zuvor ist die Schauspielerin Judy Garland in Manhattan beerdigt worden, die mit dem Song „Somewhere over the Rainbow“ im Film „The Wizard of Oz“ zu einer Szene-Ikone geworden war. Zu ihrer Beerdigung erwiesen ihr rund 12.000 Homosexuelle die letzte Ehre. Viele der Trauernden verbringen die Nacht in Greenwich Village, einge davon im Stonewall-Inn. Die Stimmung ist trotz Musik und Alkohol gedrückt. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für eine Razzia.

Das Licht geht an, die Musik verstummt, als Polizei-Inspektor Seymour Pine mit seinen Gefolgsleuten das Lokal betritt. Die Gäste – darunter viele afro- oder lateinamerikanischer Abstammung – werden nach draußen beordert. Die Polizisten malträtieren einige von ihnen mit Schlagstöcken. Sie wollen sich Respekt verschaffen, doch sie wiegeln die Trauergemeinde auf. Unter den Gästen ist auch die Dragqueen Sylvia Rivera, die 1998 ein Interview gibt und von diesem Abend erzählt:

„Wir wurden nach draußen gebracht und sie reihten uns entlang der Polizeiwagen auf. Die Cops drückten uns gegen die Zäune. Die umstehenden Leute begannen mit Pennies, Nickeln und Quartern nach den Polizisten zu werfen.
Und dann flogen die ersten Flaschen.“

Wer die erste Flasche nach den Polizisten warf, ist bis heute unklar. Oftmals wird Rivera genannt – die sich Zeit ihres Lebens, für die Emanzipation der Homosexuellen und für die Rechte der Transgender einsetzte – doch sie war es nicht. Die Gewalt entlädt sich und immer mehr Homosexuelle, aber auch Obdachlose schließen sich den Aufständischen an. Als die Lage außer Kontrolle gerät ziehen sich die Polizisten in das Stonewall-Inn zurück und verbarrikadieren die Tür.
Der inzwischen aufgebrachte Mob versucht das Lokal zu stürmen. Eine herausgerissene Parkuhr wird als Rammbock benutzt, Steine und Flaschen fliegen, dann sogar eine provisorischer Molotov-Cocktail, der durch das Fenster kracht. Die Polizisten, die sich in der Bar verschanzt haben, funken um Unterstützung und bereiten sich darauf vor sich den Weg nach draußen frei schießen zu müssen. Es ist ein Wunder, dass an diesem Abend nur Verletzte, aber keine Toten zu beklagen sind.

Das Stonewall-Inn 2015. (Foto: AK)
Das Stonewall-Inn 2015. (Foto: AK)

Es dauert 45 Minuten bis die Verstärkung in Form der Tactical Police Force anrückt. Inzwischen hat sich die Zahl der Aufständischen mindestens verdreifacht. „Pigs“ rufen die über 600 Menschen, die sich vor dem Stonewall-Inn drängen. Noch immer fliegen Flaschen und Bierdosen. Die TPF organisiert sich als Phalanx und geht langsam aber bestimmt gegen die Massen vor. Zur Melodie des bekannten Theater Songs „Ta-ra-ra Boom-de-ay“ beginnen die Homosexuellen zu singen:

We are the Stonewall girls/
We wear our hair in curls/
We don’t wear underwear/
We show our pubic hair.

Es ist der Moment in dem den meisten Anwesenden klar wird, dass das längst keine gescheiterte Razzia mehr ist, hier passiert etwas Großes. Unter den Leuten ist auch Michael Fader, der später über diesen Abend berichten wird:

„Wir alle hatten dieses kollektive Gefühl, dass es jetzt genug war mit all dieser Scheiße. Es war nichts greifbares, keiner sprach es aus, es war nur so, dass alles was sich über die Jahre hinweg angestaut hatte, hier in dieser bestimmten Nacht an diesem bestimmten Ort zusammen kam. Es war keine organisierte Demonstration… Aber jeder von uns wusste, dass es nur noch diesen einen Weg gab.“ (1)

Die TPF braucht bis 4 Uhr Morgens, um die Straße zu räumen. Es gibt 13 Festnahmen, zwei schwer Verletzte und zahlreiche Verletzte. Am Abend darauf kommt es zu erneuten Protesten, Randalen und Auseinandersetzungen. Wieder kommen viele hundert Homo- Trans und Intersexuelle zusammen, um für ihre Rechte auf die Straße zu gehen und gegen die Polizei zu kämpfen. Die Unruhen in der Christopher Street halten 5 Tage an und sind Ausgangspunkt der „Gay Pride“ Bewegung. Als direkte Folge der Aufstände bildet sich im Juli 1969 die Gay Liberation Front, die erste Organisation die öffentlich und konfrontativ für die Rechte der Schwulen und Lesben eintrat.

Am 28. Juni 1970 wurde der erste Christopher Street Day in New York und Los Angeles gefeiert und hat sich seither auf der ganzen Welt zu einem Straßenfest entwickelt. 1972 gab es die erste LGBT-Parade in Deutschland in Münster. In Thüringen wird der CSD seit über zehn Jahren in unterschiedlichen Städten gefeiert.

Das Gay Liberation Denkmal am Stonewall Plaza/Sheridian Square, 2015 (Foto: AK)
Das Gay Liberation Denkmal am Stonewall Plaza/Sheridian Square, 2015 (Foto: AK)
  1. Carter, David (2004). Stonewall: The Riots that Sparked the Gay Revolution, St. Martin’s Press. ISBN 0-312-34269-1, S. 160

Weitere Quellen, Stand: 25. August 2015:
http://www.thestonewallinnnyc.com/StonewallInnNYC/HISTORY.html
http://www.civilrights.org/archives/2009/06/449-stonewall.html?referrer=https://www.google.de/

Titelbild: Streetart an der Ecke Grove Street / Christopher Street, New York, 2015 (Foto: AK)

 

AK

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