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Die Last von Eisenberg

LAST – das steht für die Landeserstaufnahmestelle Thüringen, die sich in Eisenberg befindet. Hierher kommen alle Flüchtlinge, die dem Land Thüringen zugewiesen werden. 3600 Menschen waren es in den ersten fünf Monaten des Jahres 2015. Im Hinblick auf die europäische Flüchltingsdebatte und die Anschläge auf deutsche Asylbewerberheime bekommt der Name LAST einen zynischen Beigeschmack. Local Times sprach mit dem syrischen Flüchtling Achmad al Zahmi*, über die prekären Zustände in Eisenberg.

LTE: Achmad, wann bist du nach Eisenberg gekommen?

Achmad: Das war Anfang November. Glücklicherweise musste ich nur einen Monat dort bleiben, bevor ich nach Jena ziehen durfte.

Wie waren deine ersten Eindrücke der Aufnahmestelle in Eisenberg?

Es waren sehr befremdliche Eindrücke. Es gab keine medizinische Versorgung, die Sicherheitsleute behandelten einen sehr schlecht und die Sozialarbeiter waren vollkommen überfordert. Niemand hat sich dort wohl gefühlt. Es war ein bisschen so wie im Gefängnis. Am Eingang gab es Kontrollen und man musste sich stets an und abmelden.

Das Aufnahmelager ist für 341 Personen ausgelegt. Aus zahlreichen Berichten geht jedoch hervor, dass dort zwischen 500 und 600 Flüchtlinge auf engsten Raum wohnen müssen.  Wie viele Menschen haben im November dort gelebt, als du da warst?

Ein großes Zimmer in Eisenberg.
Ein großes Zimmer in Eisenberg.

Das hat sich ständig verändert, denn jeden Tag kamen neue Flüchtlinge hinzu und andere wurden in das Camp in Suhl verlegt. Ich kann nicht genau sagen, wie viele es waren, aber Eisenberg war immer voll und manchmal sogar mehr als das. Ich hatte ein kleines Zimmer und musste es mir mit fünf oder sechs anderen teilen. Es gab aber auch etwas größere Zimmer, da waren dann 20 und mehr Menschen, die sich einen Raum teilten.

Wie waren die hygienischen Zustände in Eisenberg? Konntet ihr duschen und eure Kleidung waschen?

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Die Sanitären Anlagen in Eisenberg

Ja wir konnten dort unsere Kleidung waschen lassen, aber sie haben einfach alles zusammen geworfen. Wenn du ein gelbes Shirt in die Wäsche gegeben hast, hast du es manchmal blau wieder bekommen. Und nicht selten waren die Sachen danach kaputt oder haben gestunken. Duschen konnten wir nur zu bestimmten Zeiten am Tag: 6 Uhr, 9 Uhr und ich glaube so gegen 15 Uhr. Bei mir war das Wasser immer kalt. Ich glaube, dass es möglich war auch warm zu duschen, dann musstest du aber einer der Ersten sein, denn das Heißwasser war schnell verbraucht.

Wie gingen die Sicherheitsleute mit euch um?

Die haben uns grundsätzlich gemieden. Wenn man irgendetwas brauchte, konnten sie nicht helfen. Und wenn man das Camp verlassen wollte, haben sie dich erst kontrolliert und haben dich dann ohne Grund noch einige Minuten warten lassen. Sie hatten stets ernste oder sogar wütende Gesichter und nahmen keine Rücksicht. Sie kamen einfach in unsere Zimmer, wenn es ihnen passte. Einmal kam einer schreiend mitten in der Nacht ins Zimmer und brachte noch einen Flüchtling. Der sollte bei uns schlafen, obwohl unser kleiner Raum schon überbelegt war.

Wie ist die medizinische Versorgung vor Ort?

Es gab eine medizinische Untersuchung, als wir in das Camp kamen. Danach waren wir dem medizinischen Personal aber egal. Ein Freund von mir hatte ein paar Tage, nachdem er nach Eisenberg gekommen ist, aufgrund der hygenischen Bedingungen einen starken Ausschlag bekommen. Er fragte nach Hilfe, aber sie haben ihn vor der Tür stehen lassen.

Weißt du etwas über den aktuellen Zustand in Eisenberg?

An 5 von 7 Tagen gibt es in Eisenberg Gulasch.
An 5 von 7 Tagen gibt es in Eisenberg Gulasch.

Ich kenne ein paar Leute, die auch jetzt noch da sind. Sie sagen der Zustand der Anlage sei noch immer sehr schlecht. Besonders das Essen ist schlimm. Es ist zum Teil ungenießbar und wenn man es essen kann, ist es sehr wenig. Sie ernähren sich die meiste Zeit von Chips von Keksen.

 

Zusammen mit anderen Flüchtlingen und einigen Deutschen habt ihr das „Yalla Connect“ Projekt ins Leben gerufen. Was genau ist das für ein Projekt?

Mit Yalla Connect möchten wir auf die Missstände in der Aufnahmestelle aufmerksam machen. Die meisten von uns haben sich auch in Eisenberg kennengelernt. Bei Yalla Connect sammeln wir die Erlebnisse der Flüchtlinge in Eisenberg und versuchen den Menschen damit zu zeigen, dass sich dringend etwas ändern muss. Deswegen haben wir auch den Film „Geflüchtete sind Menschen – auch in Eisenberg“ gemacht. Am Dienstag Abend werden wir den auch in Erfurt vorführen und zusammen mit Leuten von Radio F.R.E.I. darüber sprechen (Weitere Infos).

Inzwischen hast du das Camp verlassen und lebst in Jena. Wie findest du dich in Deutschland inzwischen zurecht?

Ich habe jetzt angefangen ein relativ normales Leben zu führen und darüber bin ich sehr froh. In Eisenberg haben die Sozialarbeiter manchmal zu uns gesagt, dass wir noch nicht in Deutschland sind und wir das hier erst durchstehen müssen. Die Sozialarbeiter können an den Umständen nichts ändern, denn sie sind heillos überfordert. Ich war geduldig und jetzt bin ich in Deutschland, jetzt geht es mir gut.

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Infos über Yalla Connect unter www.yalla-connect.de

 

 

* Name geändert

Die Fotos wurden uns von Yalla Connect zur Verfügung gestellt.

 

AK

One thought on “Die Last von Eisenberg

  1. Welch einseitige Berichterstattung!

    Die guten Flüchtlinge auf der einen Seite, auf der anderen Seite eine deutsche Aufnahmestelle, die diesen Menschen nichts zu bieten hat. Kein Busgeld, billiges Essen, enge Räume. Vielleicht wurden sogar die sanitären Anlagen nicht vom Putzdienst gereinigt.

    Hier wäre eine kulturspezifische Berichterstattung wünschenswert. Ich kann nicht glauben, dass die Macher des Films auf beiden Augen blind sind.

    Im Übrigen war ich im Oktober in Eisenberg bei einer Kinderärztin in der Praxis. Dort ein Flüchtlingsehepaar mit neugeborenen Zwillingen, daneben ihr Fahrer der von der Landesaufnahmestelle organisiert wurde. Ebenso wie der Termin und die Kosten der ärztlichen Behandlung.

    Merken Sie was? Ihr Fokus auf ausgesuchte Details, verdeckt das grosse Ganze. So leider nur Provinz-Berichterstattung von wohl selbsternannten „Gutmenschen“.

    Grüsse aus Zürich

    Sabine K. Wehner

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