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Die neue Ära des Erfurter Bürgerradios

Ab dem 1. Juni 2015 hat Erfurt ein rund-um-die-Uhr-Bürgerradio! Auf 96,2 MHz sendet Radio F.R.E.I. dann ein Vollprogramm. Ein riesen Erfolg für den ehemalige Piratensender, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Wir sprachen mit Moderator und Geschäftsführer Carsten Rose über die Zukunft von Radio F.R.E.I. und die Chancen des Bürgerfunks zwischen Musikstreaming und Formatradio.

LTE: Na glücklich?
Carsten: Ich bin glücklich zumindest was Radio F.R.E.I. betrifft. Ich bin froh, dass wir nach so vielen Jahren jetzt endlich das lang ersehnte Ziel erreicht haben, eine Vollfrequenz zu bekommen. Wobei wir natürlich noch nicht am Ziel sind. Der Weg ist das Ziel. Und ich hoffe, dass wir nie an einem Endpunkt angelangen.

LTE: „Eine neue Ära beginnt“ – so steht es gerade auf euer Website, denn ab 1. Juni 2015 bekommt Radio F.R.E.I. endlich eine Vollfrequenz. Was wird sich dann auf 96,2 (MHz) ändern?
Dass wir als Radio F.R.E.I. ein Vollprogramm anbieten können, bedeutet dass wir nicht länger diesen zerrissenen Tag haben. Bisher durften wir nur bis 13 Uhr senden und dann erst wieder ab 21 Uhr. Die Leute, die am Nachmittag Radio machen, beziehungsweise am Vorabend Radio hören wollten, konnten das nicht. Aber jetzt können wir ein Programm zurecht basteln, was man den ganzen Tag durchhören kann, das ist etwas Neues und deswegen ist es eine neue Ära.

LTE: Die Frequenz wurde komplett neu ausgeschrieben, was auch das Ende von Radio F.R.E.I. bedeuten hätte können. Wodurch habt Ihr das Entscheidungsgremium davon überzeugt, dass Radio F.R.E.I. die neue Herausforderung bewältigen kann?
Ich kann nicht in die Köpfe der Leute schauen, die das letztlich entschieden haben. Das Gremium, die Versammlung der Thüringer Landesmedienanstalt, ist eine recht große Gruppe; aber ich glaube, dass wir einen guten Antrag abgegeben haben, in dem wir zeigen konnten, was wir in den letzten fünfzehn Jahren geschafft haben. Radio Frei hat sich zu einen Medien-Bildungszentrum entwickelt, wo neben Radio auch viele andere Projekte laufen, wo es um Bildung, Barrierefreiheit, um internationale Zusammenarbeit und viel andere Dinge geht. All das und die Ideen, die wir für das neue Programm haben, haben dann schlussendlich überzeugt.

LTE: Radio F.R.E.I. gibt es, zählt man die Piratensender-Vergangenheit hinzu, seit 25 Jahren. Jubliäum sozusagen! Ist das jetzt nach 25 Jahren Kampf um Anerkennung der Lohn der ganzen Mühe?
Wenn Lohn noch mehr Arbeit bedeutet … (lacht). Mit Sicherheit ist dieser Erfolg schon toll. Ich habe lange nicht mehr daran geglaubt, ich dachte die Frequenzteilung wird für immer bleiben. Dass es jetzt doch anders gekommen ist, darum bin ich sehr froh und das bedeutet sicherlich auch Anerkennung und Wertschätzung für die vielen Leute, die das Programm gestalten und Radio Frei ausmachen.

LTE: Längere Sendezeit geht einher mit einer Programmreform. Was gibt es für Ideen und worauf können sich die Hörer nun freuen?
Radio F.R.E.I. ist die Idee eines Mitmach-Radios. Wir wollen den Prozess also offen halten für Leute die jetzt erst mitbekommen haben, dass Radio F.R.E.I. mehr Sendezeit bekommt und mitmachen wollen. Hier wird nicht alles festgenagelt und festgezurrt, es soll eher noch Möglichkeiten der Weiterentwicklung geben. Klar ist, es wird ein Nachmittagsmagazin geben, ein weiteres Magazin was 18 Uhr läuft und den Tag zusammenfassen wird – das wird neu sein. Ansonsten haben wir viele Sendeplätze offen gehalten für neue Ideen. So eine Programmreform macht man nicht eben mal schnell, sondern das ganze soll sich entwickelt und ab dem 1. Juni fangen wir damit an.

LTE: Also wird Radio F.R.E.I versuchen neue Leute mit ins Boot zu holen?
Das muss sogar sein. Nur mit der jetzigen Besatzung wird es nicht gehen. Wir sind darauf angewiesen, dass Leute zu uns kommen, und das passiert auch; wir haben jetzt eine große Studentenredaktion, die Lust und Energie hat und die nicht nur studentische Magazine gestaltet; außerdem haben wir jetzt mit Handmade eine neue Musikredaktion. Es ist also viel Neues im letzten Jahr entstanden, wo Leute hinzukommen, aber auch Uni- und Jobbedingt wieder weggehen; es gibt eine Fluktuation. An dieser Stelle auch der Aufruf an alle, die Lust und Kreativität haben sich hier an Ort und Stelle mit einzubringen: Ihr könnt dabei sein!

LTE: Mit der Neuausschreibung der Frequenz wurde auch klar, dass es Radio Funkwerk nicht mehr geben wird. Das Studio am Juri-Gagarin-Ring ist bereits geschlossen, die Leute von Radio Funkwerk senden bis Ende Mai noch aus den Studios von Radi Frei. Wird es Sendeübernahmen geben, werden die Funkwerker zu F.R.E.I.lern?
Es gibt Verbindungen und die ersten Interessenten, die ihre Sendung gern bei Radio Frei weitermachen würden. In Einzelfällen wird die Redaktionskonferenz entscheiden, inwieweit Sendungen und Konzepte fortgeführt werden können. Ich geh stark davon aus, dass es einige Sendungen geben wird, die dann weiterlaufen; es soll dann aber nicht darum gehen, einige Dinge einfach nur zu übernehmen, sondern ein neues Programm gemeinsam zu entwickeln. Es gibt den Glücksfall, dass die Leute von Radio Funkwerk die Einrichtung bereits seit November kennenlernen konnten. Das heißt, die Zusammenarbeit gibt es praktisch schon.

LTE: Da du gern bei der Ideenentwicklung vom „rumspinnen“ sprichst, spinn doch einmal bitte rum, wie das Radio F.R.E.I. der Zukunft klingt?
Das Radio F.R.E.I. der Zukunft klingt nicht wie ein totes Radio, es soll ein bewegliches Ding bleiben. Es gibt immer die Gefahr, dass man sich festfährt und an gewohnten Dingen festhält, aber wenn man die Balance hinkriegt, also die beliebten und gewohnten Dinge beibehält und trotzdem manche Dinge aufbricht und etwas Neues ausprobiert, dann kann Radio eine Zukunft haben. Schließlich gibt es Menschen, die sagen Radio sei tot, wer hört das noch? Es gibt nun Spotify und andere Dinge, also wozu noch Radio? Andererseits gibt’s junge Leute, die das Medium gerade erst entdecken und wieder anfangen Radio zu hören. Und das ist die Chance, hier beweglich zu bleiben. Das „Radio F.R.E.I.“ gibt es nicht: es ist kein homogenes, durchgängig formatiertes Programm, sondern es ist sehr unterschiedlich und das wird auch so bleiben. Die Vielfalt ist das Typische an Radio F.R.E.I.

LTE: Das Radio als „aussterbendes“ Medium… Problematisch ist ja, das private Radiosender ein stark durchformatiertes Programm haben und dadurch häufig völlig gleich klingen. Welche Bedeutung haben „freie“ Radiosender wie Radio F.R.E.I. oder Radio Lotte für die Thüringer Medienlandschaft?
Das freie Radio bietet Ergänzung und Alternative. Der Vorteil ist, dass wir nicht den selben Produktionsmechanismen von privaten Sender unterworfen sind, denn wir können uns Experimente erlauben und haben nicht diesen Produktionsdruck: man kann sich hier Zeit nehmen und ausprobieren, was schön ist und wodurch sich das Medium auch stets verändern kann. Das kann durchaus attraktiv für Leute sein – allein musikalisch, wenn ich bedenke wie andere Sender durchformatiert sind. Wir bieten musikalische Alternativen. Aber auch thematisch: zum Beispiel der hohe Wortanteil. Hier können die Leute ausreden und intensiv über Lokales und anderes sprechen. Und es machen Menschen von der Straße, die eben keine Journalisten sind, die ein „normales“ Leben führen und ihre eigene Sicht auf die Dinge haben. Menschen, die das aus Leidenschaft machen und nicht aufgrund des Broterwerbs.

LTE: Wann und wie wird das 25-jährige Jubiläum gefeiert?
Wir sind gerade am planen. Zunächst gibt es sicher eine Party am 1. Juni. Dann haben wir noch das Jubiläum, wo wir auch gerade ein paar Partys planen. Vielleicht machen wir etwas außerhalb, in der Stadt oder so… Also wir sind da gerade am „rumspinnen“. Weitere Infos gibt’s beim Radiohören, auf unserer Homepage oder einfach mal nachschauen zum Beispiel auf Local Times; jedenfalls werden wir das noch kommunizieren, was da geht.

Vielen Dank für das Interview!

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