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Die Suche nach dem perfekten Ausdruck

Die knutschenden Polizisten in der Pergamentergasse, einen Dildolöwen vor dem Ministerium – Veit Gossler steht für eine junge, wilde Thüringer Kunstszene, die sich etwas traut. Local Times besuchte Veit in seinem Atelier in der Saline 34.

Ende August sprühte der Erfurter Künstler Veit Gossler die zwei sich küssenden Polizisten in der Pergamentergasse. Die Auftragsarbeit erteilte ihm das dort ansässige Architekturbüro Knabe. Der Geschäftsführer Frank Knabe hatte sich daran gestört, dass vor dem Dönerladen nebenan, immer wieder Polizisten parkten, um sich einen Snack zu gönnen. Dabei hätten die Beamten öfters Mal die Feuerwehrzufahrt zugestellt und so gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen. Eine freundliche Belehrung taten die Beamten ab und so folgte dem verbalen Protest, der künstlerische. Knabe engagierte Gossler, der ihm kurz darauf das Motiv vorschlug.

veitDie Bildidee adaptierte Gossler von Banksy, dem britischen Street Artist, dessen politische Werke überall auf der Welt Aufsehen erregen. Dieser referentielle Bezug findet sich in vielen Arbeiten Gosslers: „Ich mag es die Werke alter Meister zu übernehmen, auch wenn man bei Banksy vielleicht nicht von einem „alten“ Meister sprechen kann. In diesen Werken steckt unheimlich viel Tiefe und man kann sich das wie eine Blase vorstellen. Entweder versuche ich da meine künstlerische Blase aufzupflanzen oder ich zersteche sie.“ In seinem Atelier in der Saline 34 finden sich viele solcher Adaption. Auf einem Skateboard hat er zum Beispiel Albrecht Dürers „Betende Hände“ gemalt – mit Stinkefinger.

„Picasso hat mal gesagt: ‚Ein guter Künstler kopiert, ein großer Künstler stiehlt!“

Im Fall der küssenden Polizisten hat Gossler dem Werk noch etwas hinzugefügt, nämlich die Erfahrung durch Perspektive. Die Pergamentergasse ist eine Einbahnstraße. Fährt man sie entlang, ist zunächst nur einer der beiden Polizisten an der Häuserwand zu sehen. Erst wenn man sich gegen die Fahrtrichtung dreht, ist sein Kollege auf der anderen Seite der Häuserecke zu entdecken. „Dadurch möchte ich zum Ausdruck bringen, dass es manchmal nötig ist, die eigene Perspektive zu ändern, um den Blick fürs Ganze zu bekommen.“ Einen Grundsatz, den Gossler auch für sich selbst verinnerlicht hat. Er möchte sich nicht festzulegen und so mäandert seine Kunst zwischen den Epochen, vermischt klassische und moderne Stilrichtungen und probiert sich an verschiedenen Materialien aus.

Auf diese Weise gelang dem heute Dreißigjährigen im Sommer 2013 ein Coup mit einer seiner Skulpturen. Aus Gips, Metall und Acrylfarbe hatte Gossler einen lebensgroßen Löwen kreiert und ihn anlässlich einer Ausstellung vor dem Thüringer Wirtschaftsministerium postiert. Die eigentliche Ausstellung geriet zur Nebensache, denn alle redeten plötzlich von Gosslers Löwen, beziehungsweise von dessen Dildo. Der damalige Wirtschaftminister Machnig war pikiert und ließ den „Dildolöwen“ als bald umsetzen. Der selbe Löwe hatte zuvor schon relativ unbeachtet in Weimar gestanden, im piefigen Erfurt sorgte er hingegen für einen Eklat.

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Veit Gossler vor einem seiner neuen Werke.

Veit Gossler empfindet sich allerdings nicht als politischer Künstler. Für ihn steht das Gefühl und die Energie eines Werkes im Vordergrund. Gossler hat an der Bauhaus Universität in Weimar Freie Kunst studiert. Seit ’93 lebt der gebürtige Greizer in Erfurt und fühlt sich hier wohl. Berlin und Leipzig interessieren ihn wenig. „In Berlin wäre ich einer unter vielen, hier kennt man mich zumindest schon mal und Erfurt ist einfach auch eine tolle Stadt“, sagt er. Trotzdem zieht es ihn von Zeit zu Zeit in die weite Welt hinaus. Auf Reisen sammelt er neue Eindrücke und knüpft Kontakte.

„In erster Linie bin ich als Künstler immer auf der Suche, auf der Suche nach dem perfekten Ausdruck für ein Gefühl.“

Bei den zwei sich küssenden Polizisten, scheint dieser Ausdruck gelungen zu sein, denn ein Unbekannter hatte sich in seiner heterosexuellen Engstirnigkeit gestört gefühlt. „Fuck Homos“ taggte er – oder sie – über das Bild. „Ich denke schon, dass da eine Gesinnung dahinter war, aber es war auch ziemlich dumm. Das sind Leute, die sich einfach nicht so viele Gedanken machen, über das gesellschaftliche Miteinander. Ist doch egal ob jemand schwarz, weiß, braun oder homo ist, es geht nur gemeinsam“ sagt Gossler.

Inzwischen ist das Graffiti wieder völlig hergestellt und erstrahlt in voller Pracht. Auftraggeber Frank Knabe ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis. „Ich finde es gut auf diese Weise junge Künstler wie Veit unterstützen zu können“, sagte er gegenüber Local Times und fügte lachend hinzu: „Außerdem kann ich so meinen Protest zum Ausdruck bringen, auch wenn es ein Protest mit Augenzwinkern ist.“

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„BLOWS I“ – 2012

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