fert

Die Würde Luthers ist unantastbar Verbotene Aktion gegen Antisemitismus

Die „AG Kirche und Judentum“ wollte zum Jahrestag der Reichspogromnacht über den Antisemitismus von Martin Luther aufklären. Die Arbeitsgemeinschaft plante daher am Vormittag des 10. November eine kurze Kunstaktion am Lutherdenkmal auf dem Anger. Überraschend verbot die Stadt Erfurt die Nutzung der Statue.

Am Abend des 9. November demonstrierten tausende Erfurter auf dem Domplatz für Mitmenschlichkeit und gegen Rassismus. Für den folgenden Tag untersagte die Stadtverwaltung eine Aktion gegen Antisemitismus. Ein fatales Signal vor dem Hintergrund des Rechtsrucks und wöchentlicher AfD-Demos in Erfurt, meint Ricklef Münnich. Er ist Pfarrer der Gemeinde Marbach-Salomonsborn und Geschäftsführer der AG Kirche und Judentum.

Die Vorgeschichte

Die Amadeu Antonio Stiftung rief bundesweit zur Aktionswoche gegen Antisemitismus auf. Überall im Land beteiligen sich lokale Akteure, auch die „AG Kirche und Judentum Thüringen“. Die Arbeitsgemeinschaft plante eine Aktion, bei der dem Lutherdenkmal die Augen verbunden werden sollten.

uu
„Synagoga“ an der Straßburger Kathedrale

Im christlichen Antijudaismus wurde die Synagoga, die weibliche Personifizierung des Judentums, stets mit verbundenen Augen dargestellt. Dies symbolisierte, dass die Juden Jesus Christus nicht als Messias anerkennen würden. Unsere Idee war, dem Lutherdenkmal ebenfalls die Augen zu verbinden, um seine fragwürdige Haltung gegenüber dem Judentum zu verdeutlichen. Dies wurde uns verboten!

Neben der Augenbinde sollte Luther eine goldene Schärpe umgehängt werden, die seine Verdienste für das Christentum und die Religionsfreiheit symbolisieren sollten. Münnich betonte, dass Augenbinde und Schärpe für die Widersprüchlichkeit in der Biographie Luthers stehen. Einerseits religiöser Reformer, andererseits überzeugter Antisemit.

Verbotsbegründungen mit Beigeschmack

In einem Interview der Thüringer Allgemeinen stellte Ordnungsdezernent Alexander Hilge die heutige Aktion gegen Antisemitismus  auf eine juristische Stufe mit Kundgebungen von Rechten. Würde man der „AG Kirche und Judentum“ das Lutherdenkmal zur Nutzung freigeben, müsse man dies auch der NPD und AfD gestatten. Offenbar seien Neonazis, die Luthers antisemitisches Erbe für ihre Propaganda nutzen, gleichzusetzen mit historisch-politischer Bildungsarbeit gegen Judenfeindschaft.

Pfarrer Ricklef Münnich klagte die Vertreter der Stadt Erfurt gegenüber Local Times an:

Am letzten Donnerstag sagte man mir bei einem Treffen im Rathaus, unsere Aktion würde die „Ehre Luthers“ verletzen. Wie fadenscheinig. Luther war nicht nur Reformator, sondern auch Antisemit. Zu seinen großen Verdiensten, gehören eben auch seine dunklen Seiten.

Das doppelte Verbot

photo_2015-11-10_12-11-01
Das umstrittene Buchcover heute auf dem Anger.

Bei diesem Verbot blieb es nicht. Die Stadtverwaltung verhinderte nicht nur die Binde um Luthers Augen, sondern drohte den Veranstaltern mit dem Tatbestand der Volksverhetzung. Grund: Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum wollte während der Aktion ein Buchcover zeigen, das kurz nach der Reichspogromnacht veröffentlicht wurde. In einem Vortrag wollte man mit dem Buchcover zeigen, dass Nationalsozialisten in den Dreißiger Jahren Luthers antisemitische Schriften für ihre Propaganda nutzten. Wegen dieses Vorhabens, unterstellte man den Aktivisten nun selbst Volksverhetzung. Am Montag vor der Kundgebung kündigte Pfarrer Münnich an:

Das akzeptieren wir so nicht. Erst legt man uns Steine in den Weg bei der Aufklärung über Antisemitismus und daraufhin unterstellt man uns Volksverhetzung. Wir werden das Buchcover zeigen.

Tatsächlich präsentierte man das antisemitische Buch von Martin Sasser am heutigen Dienstag (10.11.) auf dem Anger. Wenn auch nur von Person zu Person, um eine Anzeige zu verhindern.

Erfurt schmückt sich gerne mit dem Judentum

Weltkulturerbe. Ein großer Titel, den die Stadt erlangen möchte. Ein Schlagwort, das vor allem Touristen in die Stadt locken soll. Die Bewerbung beim Weltkulturerbe-Komitee der Vereinten Nationen läuft unter dem Slogan „Jüdisches Leben in Erfurt“. Die Doppelmoral ist perfekt. Pfarrer Münnich urteilte:

Im Sinne des Tourismus bedient man sich gerne der jüdischen Geschichte Erfurts. Wenn wir allerdings für wenige Stunden über Antisemitismus aufklären wollen, entzieht uns die Stadtverwaltung ihre Unterstützung.

Trotz des städtischen Verbots von Augenbinde und Schärpe, fand eine Protestaktion auf dem Anger statt. Anstelle der Statue behalf sich die Arbeitsgemeinschaft mit einem Lutherplakat. Die Zensur der politischen Kunstaktion stieß dennoch bei allen Beteiligten auf Wut und Unverständnis. Besonders der Vorwurf der Volksverhetzung saß tief. Gegenüber LTE formulierte Münnich eine klare Forderung:

Kunst muss einen weiten Handlungsspielraum haben. Kunst muss dürfen.

 

Text: Armin Kung, Fotos: Franziska Gutt.

One thought on “Die Würde Luthers ist unantastbar Verbotene Aktion gegen Antisemitismus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*