Kulturlotse_Foto_Benedikt_Rascop2

Durchweg positiv – Der Erfurter Kulturlotse

Seit Juni hat Erfurt mit Dietmar Schwerdt wieder einen Kulturlotsen. Gastautor Alexander Platz sprach mit ihm über Altes, Neues und Zukünftiges. Das Interview erschien bereits in der Oktober Ausgabe des hEFt

Dietmar, du bist seit zirka 4 Monaten Kulturlotse in Erfurt. Wie viele Kulturmacher/innen, die du bis dahin noch nicht kanntest, hast du seitdem kennengelernt?

Ich habe nicht genau mitgezählt, habe allerdings schon viele neue Gesichter getroffen und mich über die Arbeit bekannter Akteure informiert. Tatsächlich habe ich in drei Monaten noch gar nicht alle kennenlernen können, freue mich daher, auch in nächster Zeit Neues zu entdecken und natürlich auch auf Anfragen Kulturschaffender direkt an mich. Ich bin überrascht, wie vielfältig sich die freie Szene in Erfurt präsentiert, vieles war mir auch als Erfurter unbekannt.

Deine Vorgängerin war in Teilen der sogenannten freien Kulturszene nicht ganz unumstritten. Gab’s denn Reaktionen auf deine »Ernennung«? Wenn ja, welche?

Bisher gab es durchweg positive Reaktionen, ich wurde überall sehr freundlich aufgenommen – das gilt für alle Kulturschaffenden, meine Kollegen in der Kulturdirektion sowie alle Teile der Stadtverwaltung, die ich bisher getroffen habe.

Ein Kritikpunkt in der Vergangenheit war unter anderem die mangelnde Wahrnehmbarkeit der Stelle des Kulturlotsen. Das heißt, dass nur ein eher überschaubarer Kreis der Zielgruppe von deren Existenz wusste und die Möglichkeiten nutzte. Wurde bzw. wird das in der Kulturdirektion auch als Problem erkannt? Falls ja, gibt es Strategien, diesen Umstand zu ändern?

Der Kulturlotse steht in der Mitte zwischen freier Szene, Künstlern, Kulturschaffenden und Stadtverwaltung. Alle Seiten haben eine gewisse Erwartungshaltung, wie stark das Engagement des Kulturlotsen für die eigene Sache aussehen sollte. Diesen Erwartungen gerecht zu werden, wird nicht immer einfach und manchmal auch nicht möglich sein. Ich prüfe daher, welche Kommunikationsmittel sich am besten eignen, um eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen. Eine erste Idee ist, demnächst ein Netzwerktreffen mit möglichst vielen Kulturschaffenden und Interessierten der Erfurter Szene zu organisieren. Hierbei soll es die Möglichkeit geben, mich und mein Tätigkeitsfeld, aber auch die Abteilung Soziokultur / Kulturelle Bildung und meinen neuen Kollegen in der Kulturförderung, Sebastian Rätsch, näher kennenzulernen. Eines meiner Ziele ist es außerdem, möglichst neutral für alle da zu sein und daher bitte ich auch alle Interessenten, die ich bisher noch nicht persönlich treffen konnte, sich gerne direkt an mich zu wenden.

Kannst du für alle, die jetzt zum ersten Mal was über den Kulturlotsen lesen, kurz Sinn und Zweck der Stelle beschreiben?

Der Kulturlotse vermittelt zwischen Kulturschaffenden und der Stadtverwaltung Erfurt – und zwar in beide Richtungen. Das heißt, ich berate die freie Szene hinsichtlich notwendiger Genehmigungen und möglicher Förderungen – hier kann ich viele Fragen selbst beantworten oder an die richtigen Ansprechpartner innerhalb der Stadtverwaltung verweisen. Soweit möglich, unterstütze ich bei der Suche nach einem geeigneten Veranstaltungsort und vermittle auch innerhalb der Szene mögliche Synergien. Andersherum möchte ich auch die verschiedenen Fachämter der Stadtverwaltung über bestimmte, eventuell kritische Vorhaben in direkten Gesprächen informieren oder Vor-Ort-Termine organisieren.

Was war deine ganz persönliche Motivation, dich auf diese Stelle zu bewerben?

Als Vereinsmitglied im FÖN e.V. weiß ich, wie aufwendig Amtswege sein, wie hoch bürokratische Hürden erscheinen können. Der Kulturlotse kann relativ schnell und unbürokratisch unterstützen und wertvolle Tipps geben. Letztendlich motiviert mich also, durch meine Arbeit andere zu motivieren, persönliches Engagement zu fördern und (hoffentlich) selber einen wichtigen Beitrag zur vielfältigen Kulturlandschaft meiner Heimatstadt leisten zu können.

Du hast es gerade erwähnt, durch dein Engagement im FÖN e.V. warst und bist du selbst Teil der freien Kulturszene. Wie schätzt du deren Entwicklung in den letzten Jahren ein?

Ich tue mich schwer, eine Entwicklungskurve zu beschreiben, da auch ich viele Initiativen und Projekte jetzt erst kennenlerne. Ich halte die freie Szene in Erfurt für sehr vital und engagiert. Das sieht man zum Beispiel an vielen neuen Ideen in unterschiedlichsten Räumen und Formaten – Strandgut, Fotosommer, Kultur flaniert oder Kurztanzwanderung fallen mir hier spontan ein, neben »alten Hasen«, wie zum Beispiel das Klanggerüst oder der Kunstrasen. Eine großartige Entwicklung kann man auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit beobachten, hier ist z.B. die Lagune, der interkulturelle Garten oder das Haus der Nachhaltigkeit zu nennen.

Was fehlt dir (noch) oder was wünschst du dir?

Ich wünsche mir eine noch weiter reichende Akzeptanz und Anerkennung von Soziokultur und deren Stellenwert innerhalb der städtischen Kulturlandschaft. Das große, oft ehrenamtliche Engagement der freien Szene sollte auch in Zukunft angemessen gefördert und zum Beispiel durch das Bereitstellen von Flächen unterstützt werden. Hierbei würde ich mir auch eine noch stärkere Unterstützung von Firmen und Privateigentümern wünschen.

Wie kann und sollte die Stadt bzw. Stadtverwaltung deiner Meinung nach die freien Kulturmacher/innen unterstützen?

Natürlich würde ich mich generell über ein höheres Budget in der Kulturförderung freuen. Die angespannte Finanzsituation der Stadt lässt allerdings in naher Zukunft nur wenige Spielräume zu. Ich denke, die Stadt kann aber auch auf vielen anderen Wegen unterstützen. Ich denke da an Vereinfachungen in bürokratischen Abläufen, Bereitstellen von Räumen oder natürlich auch an die Unterstützung durch den Kulturlotsen. Oft ist auch einfach die angemessene Würdigung soziokultureller Aktivitäten als wichtiger Teil kommunaler Kulturpolitik der Schlüssel zum Erfolg.

Interview: Alexander Platz // Foto: Benedikt Rascop

 

Kontakt zum Kulturlotsen Dietmar Schwerdt unter:

E-Mail: kulturlotse@erfurt.de
Telefon: 0361 655 1619

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*