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Ede Geyer – Ein Leben für den Fußball Herbstlese 2015

Eduard Geyer ist im Osten der Republik eine Legende. Zumindest bei den Fußballfans. Als Profi und Trainer gewann er Meistertitel und wurde 1989 zum letzten Nationaltrainer der DDR-Auswahl berufen. Bei den Fans war er für seine markigen Sprüche bekannt, bei den Profis für seine aufbrausende Art an der Seitenlinie berüchtigt. Mit der Regionalligamannschaft des FC Energie Cottbus, die er 1994 übernahm, gelang ihm innerhalb weniger Jahre der Aufstieg in die 1. Bundesliga. Heute Abend stellt Eduard Geyer sein Buch „Einwürfe“ bei der Erfurter Herbstlese vor. Wir sprachen mit ihm über den Profifußball 25 Jahre nach der Wende.

Herr Geyer, Bücher von Fußballern, Trainern oder ehemaligen Profis haben Konjunktur. Was verrät uns denn ihr Buch Neues über das Fußballgeschäft?

Nun ja, eigentlich wollte ich ja gar kein Buch schreiben, aber nach drei Jahren und vielen Anfragen habe ich mich dann doch breitschlagen lassen. Die Interviewform kam mir auch sehr entgegen und ich denke, mit 71 Jahren hat man dann vielleicht auch ein bisschen mehr zu erzählen, als ein junger Fußballer. Ich sehe das Ganze auch nicht so verbissen. Wenn die Leute es lesen, dann soll es ihnen Spaß machen.

Ich hatte den Eindruck, dass es ein sehr persönliches Buch geworden ist. Sie sprechen darin nicht nur über den Fußball, sondern auch über die DDR und die Wendezeit. War das beabsichtigt oder hat es sich erst im Interview so ergeben?

Wir wollten das Buch gern am 12. September 2015 herausbringen. Das ist der 25. Jahrestag des letzten DDR-Länderspiels, damals in Brüssel gegen Belgien, das wir 2:0 gewonnen haben. Das sollte für uns der thematische Aufhänger sein und wir wollten die Welt damit auf dieses Ereignis aufmerksam machen. Es war zwar im Prinzip ein fußballerisch unbedeutendes Länderspiel, aber für die DDR war es das nicht. Und so kam dann eins zum andern.

Sie haben im Fußball so ziemlich alles erlebt. Mit 9 Jahren haben Sie angefangen zu spielen, haben die Profilaufbahn in der DDR durchlebt, sind Meister geworden und haben international gespielt. Als Trainer waren Sie nicht weniger erfolgreich, sind sogar Nationaltrainer geworden und haben nach der Wende mit dem FC Energie Cottbus, einem Verein den es zuvor auf der Fußballlandkarte überhaupt nicht gab, den Aufstieg in die erste Fußballbundesliga geschafft. Jetzt sind sie 71 Jahre alt und haben ihr ganzes Leben dem Fußball gewidmet. Gibt Ihnen dieser Sport noch irgendwelche Rätsel auf?

Ja, der Fußball gibt immer Rätsel auf. Wenn man sieht, wie Profifußballer reihenweise beim Elfmeterschießen ausrutschen und den Ball neben das Tor schießen, dann ist das schon rätselhaft. Überhaupt ist der Sport schneller und unberechenbarer geworden, du kannst die Spiele nicht voraussagen und es passieren immer Überraschungen. Aber ich denke oder besser gesagt, ich hoffe, dass ich kein totaler Fußballidiot bin und von diesem Sport ein bisschen Ahnung habe. Meine Vereine Dresden und Cottbus verfolge ich nach wie vor, aber davon abgesehen, sollte man natürlich auch über den Tellerrand gucken. Ich hab zwei Söhne, drei Enkel und eine intakte Familie – mehr kann man einfach nicht erwarten.

Für viele Fans sind Sie in Cottbus ein Heiliger. Ist Ihnen eigentlich bewusst, was Sie in dieser Region damals bewegt haben?

Vieles kriegt man tatsächlich erst im Nachhinein mit. Es war schon eine besondere Zeit. Das Pokalfinale in Berlin oder der Aufstieg in die erste Liga, da denke ich gern dran zurück. Cottbus war damals ein Niemandsland, nicht nur fußballerisch. Viele Reporter haben uns mit Chemnitz verwechselt, was für uns eine Beleidigung war und uns zusätzlich motiviert hat. Ich denke wir haben den Menschen in der Region, die ja nach der Wende sehr gebeutelt wurden, etwas zurückgegeben. Man bedenke nur, wie die Braunkohleförderung eingestampft wurde. Die Leute haben schon ziemlich viel gelitten unter Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Der Fußball war damals ein Lebenszeichen und hat die Leute mitgerissen. Für mich war diese Zeit etwas Unvergleichliches.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie Sie das damals geschafft haben? Denn als Sie die Mannschaft übernommen haben, ist sie in der dritten Liga rumgedümpelt.

Ich musste mich als Trainer da natürlich auch erst drauf einstellen. Zuvor hatte ich Nationalspieler gehabt und international gespielt. Aber auch wenn die Qualität nicht so hoch war, waren die Spieler doch gewillt und durch Athletik, Engagement und Leidenschaft lässt sich im Fußball viel bewegen. Wir haben dann Stück für Stück versucht, einzelne Spieler dazu zu holen, die für uns finanziell machbar waren und haben die Mannschaft peu a peu aufgewertet. Das hatte auch viel mit Glück zu tun. Ich bin ja selbst auch nur durch einen Zufall in Cottbus gelandet. Eigentlich wollte mich Rot Weiß Erfrurt damals haben.

Ach? Das müssen Sie uns erzählen!

Ich hatte damals ein Angebot von Erfurt bekommen und war schon auf dem Weg zu einem Gespräch mit der Vereinsführung, bin aber in einem Stau stecken geblieben. Also fiel das Gespräch aus und am nächsten Tag bin ich mit meiner Familie erstmal in den Urlaub gefahren. Als ich wieder kam, hatte sich Erfurt nicht nochmal gemeldet, dafür aber Cottbus und das war dann mein großes Glück.

In vielen Interviews kritisieren Sie die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs. Würden Sie sich selbst als Fußball-Romantiker bezeichnen?

Ja wahrscheinlich. Das Problem ist doch, dass die ganzen Traditionsvereine auseinander fliegen. Früher gab es Vereine, bei denen die Spieler viele Jahre gespielt haben. Bei Dynamo Dresden war das so und das merkt man auch heute noch: Zu jedem Spiel treffen sich viele alte Spieler aus den 70er Jahren. Die von uns, die noch laufen können, spielen dann selbst noch eine Runde und gehen anschließend zusammen in die Kneipe ein Bier trinken. Das wird es in Zukunft nicht mehr geben. Der Fußball ist eine Geldmaschine geworden.

Interessanter Weise sind die Traditionsvereine der DDR ja selbst an Betriebe gebunden gewesen. Im Prinzip waren das damals Werksclubs. Heute aber gelten gerade Clubs wie Leverkusen, Wolfsburg oder Hoffenheim, die ein Unternehmen im Hintergrund haben, als Paradebeispiel der Kommerzialisierung und als traditionslos.

Ja wenn Sie das so sagen, war das in der DDR vermutlich ein ähnliches Modell. Die Vereine waren damals an Betriebe gebunden, Riesa ans Reifenwerk oder Dynamo, wir waren ja im Prinzip ein Polizeiverein und wurden vom Staat bezahlt. Heute hat das aber ganz andere Dimensionen, weil der Fußball immer teurer wird. Es gibt ja diese 50+1 Regelung, die bei Wolfsburg oder Hoffenheim längst nicht mehr gilt. Da haben die Konzerne längst die Oberhand und der Fußball ist eher Mittel zum Zweck.

25 Jahre nach der Wende können wir im Profifußball beobachten, dass es eine große Kluft zwischen Ost und West gibt. Wie ist das zu erklären?

Grundsätzlich glaube ich, dass sich der Osten abseits des Fußballs nicht vor dem Westen verstecken muss. Wir haben ein riesiges Potential an Ingenieuren, Wissenschaftlern, Künstlern und so weiter. Problematisch ist aber, dass die großen Unternehmen alle im Westen sitzen. Auch wenn viele dieser Unternehmen hier produzieren, fließt das Geld doch aus dem Osten ab und das hat auch große Auswirkungen auf den Sport. Während im Westen alle großen Vereine große Sponsoren haben, gibt es im Osten kaum Unternehmen, die es sich leisten können, eine Fußballmannschaft angemessen zu unterstützen.

Sind Wunder wie damals mit Cottbus, heute überhaupt noch möglich?

Wunder gibt’s immer wieder. Das ist ja das Schöne am Fußball. Daher denke ich schon, dass es immer mal Mannschaften geben wird, die nach Oben kommen, aber das Niveau zu halten, ist eine andere Sache. Mit Cottbus haben wir das nach drei Jahren auch nicht mehr geschafft. Und wenn man jetzt mal sieht, dass wir 1973 mit Dynamo gegen Bayern gespielt haben und sportlich auf Augenhöhe waren und das mit heute vergleicht… Inzwischen sind wir Lichtjahre von Bayern München entfernt und das geht mittlerweile sogar etablierten Bundesliga-Teams so, wenn sie es nicht schaffen im europäischen Fußball vertreten zu sein.

Sie haben ihr Buch bereits in Apolda und Sömmerda vorgestellt, worauf dürfen sich denn die Erfurter am Freitag freuen?

Ich hoffe natürlich, dass viele Erfurter kommen, die Lust haben über das Buch zu sprechen. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn wir uns dann auch mal über den Erfurter Fußball verständigen können. Es wird bestimmt ein launiger Abend, bisher hatten wir bei den Lesungen immer sehr viel Spaß.

 

Interview und Foto: Andreas Kehrer

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