grabe

Ein Laden wie analoges Ebay Geschäftsideen in Erfurt

Erfurt boomt und mit diesem Boom sprießen auch Start-Ups wie Pilze aus dem Boden. Kleine, innovative Läden, die etwas besser oder anders machen als die Konkurrenz. Einige dieser Läden bleiben, andere verschwinden so schnell von der Bildfläche, wie sie gekommen sind. Alles steht und fällt mit der Geschäftsidee. Wir stellen euch das „Dein Fachgeschäft“ in der Neuwerkstraße vor.

Über 25 Jahre nach der Wende hat sich auch das ostdeutsche Konsumverhalten längst an den westlichen Kaufrausch angepasst. Wir kaufen und werfen weg, um neu zu kaufen. Früher brach man in Jubelstürme aus, wenn man in der sozialistischen Mangelwirtschaft seine Sehnsucht durch einen Kauf stillen konnte. Heute ist der Überfluss so selbstverständlich geworden, dass wir uns schon darüber ärgern, wenn ein Produkt nicht innerhalb von 24 Stunden lieferbar ist.

Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass Stefan Grabe seit 2010 der Inhaber eines in Erfurt einzigartigen Ladens ist. Sein „Dein Fachgeschäft“ in der Neuwerkstraße 47 verkauft überwiegend Secondhand-Ware und ist auf den ersten Blick voll mit Plunder, Trödel und Krimskrams. Wer aber einmal von der Neugier gepackt auf Entdeckungsreise geht, findet in den Regalen kleine Schätze, Schmuckstücke und Skurrilitäten, über die auch Stefan Grabe manchmal lachen muss:

„Ich hab hier schon alles Mögliche verkauft, aber das Kuriosestes war wohl ein mittelalterlicher Keuschheitsgürtel.“

Dabei ist Grabe gar nicht der eigentliche Verkäufer, sondern nur ein Mittelsmann. Das Ganze funktioniert wie ein analoges Ebay: Stefan Grabe vermietet seine Ladenfläche an die Verkäufer. Diese bestücken das Mietregal mit all dem Zeug, das sie anbieten wollen, sie legen den Preis fest und bekommen den vollen Erlös des Verkaufs, der über Grabe im Laden abgewickelt wird. Die Käufer sind Laufkundschaft, die immer wieder vorbeischauen, weil sie stöbern wollen oder weil sie etwas Bestimmtes suchen, das es andernorts nicht mehr zu kaufen gibt.

„Der Verkaufshit sind DDR-Produkte. Fast jede Woche kommen Leute in den Laden und schauen hier nach alten DDR-Geräten. Viele ältere Frauen, die gerne backen, suchen nach dem RG-28. Das Rührgerät von damals kann man heute für gut 30 Euro verkaufen, weil es auch nach über 25 Jahren noch funktioniert und länger durchhält, als die modernen Produkte.“

Das Sortiment ist an Vielfalt nicht zu überbieten. Die Regale sind prall gefüllt mit alten Schallplatten, Spielzeugen, Haushaltswaren, Kleidung, Büchern, Schmuck, Computern und und und. Die meisten Dinge sind gebraucht. Im Fachgeschäft kann man quasi über alles stolpern und das macht den Reiz des Ladens aus. Genau wie auf dem Flohmarkt weiß man hier nie, was man bekommt, und da die Regale regelmäßig ihren Mieter wechseln, wechselt auch ständig das Angebot. Viele Kunden kommen daher einmal pro Woche vorbei, um zu schauen, was es Neues gibt. „Wir haben inzwischen eine große Stammkundschaft aufgebaut. Täglich kommen hier rund 300 Leute vorbei.“ sagt Grabe.

grabe-2
Ein Blick ins Regal: Für manche ist es Plunder, für andere sind es Liebhaberstücke.

Die Geschäftsidee importierte der heute 36-Jährige aus den alten Bundesländern: „Dort gibt es das schon ziemlich lange und für mich war es die Möglichkeit, mich endlich selbstständig zu machen.“ Der gelernte Krankenpfleger hatte keine Lust mehr auf den schlecht bezahlten, stressigen Job in der Klinik und steht heute entspannt hinter dem eigenen Ladentresen. Und inzwischen ist das Fachgeschäft fast ein Selbstläufer geworden. Da die Regale geräumig und preiswert zu mieten sind (ab 4 Euro pro Woche), kommen immer wieder neue Verkäufer und mit ihnen auch die Kunden. Eine rundum gelungene Geschäftsidee.

 

Text & Foto: Andreas Kehrer
25.01.2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*