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„Ein Licht für jede Frau“ Aktionstag gegen Gewalt an Frauen

Heute ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Mit der Aktion „Lichtblicke“ gedachte man am frühen Abend vor dem Rathaus allen Mädchen und Frauen, die weltweit von physischer, sexueller und psychischer Gewalt betroffen sind. An diesen und weiteren Veranstaltungen in ganz Thüringen beteiligten sich auch die Sozialarbeiterinnen des Erfurter Frauenhauses.

Madlen Merten (24) ist seit kurzer Zeit Koordinatorin des Erfurter Frauenhauses und spricht trotz ihres jungen Alters aus beruflicher Erfahrung: „Gewaltsituationen, aus denen die Frauen zu uns ins Frauenhaus fliehen, können jeder passieren. So entwickeln sich in manchen Beziehungen Dynamiken die vorher nicht abzusehen sind. Denn seinem Partner kann man schließlich nur vor den Kopf schauen. Sicherlich finden Frauen mit größeren sozialen Netzwerken auch im Bekanntenkreis Zuflucht. Grundsätzlich kommt hier trotzdem ein Querschnitt aller gesellschaftlicher Schichten an, auch vom Alter her“.

Ein geheimer Zufluchtsort

Das Erfurter Frauenhaus bietet Plätze für elf Frauen. Hierfür gibt es in dem Gebäude mit geheimer Anschrift Wohnräume unterschiedlicher Größe, insbesondere ausreichend Platz um Kinder und Jugendliche, die den Frauen angehören mit unterzubringen. Nicht nur Erfurterinnen können sich hier Hilfe suchen, auch der Ilm-Kreis zählt zum Einzugsgebiet. Die Evangelische Stadtmission ist Trägerin der Einrichtung, Land und Kommune finanzieren das Wohnprojekt zu gleichen Teilen.

Die Aufenthaltsdauer ist von Fall zu Fall unterschiedlich: „Der durchschnittliche Nutzungszeitraum liegt bei 24 Tagen, dennoch sagt diese Zahl nicht viel aus. Manchmal bleibt eine Frau nur zwei Stunden hier, weil sie aus der momentanen Akutsituation dringend raus musste. Und dann entscheidet sie sich plötzlich lieber wieder zurückzugehen“, berichtet Madlen Merten. Normalerweise dauere die Planung und Umsetzung eines Neubeginnes ungefähr drei Monate, ergänzt sie.

„Wir finden immer eine Lösung“

Das Konzept des Frauenhauses gibt klar vor, wer hier Unterstützung und Zuflucht bekommen kann. Jede Frau die von Gewalt jeglicher Art bedroht oder betroffen ist, beispielsweise auch Opfer von Stalking, ist willkommen. Fünf Sozialarbeiterinnen sind vorort um die Bewohnerinnen in allen Lebenslagen unterstützend zu beraten. Nicht vorgesehen ist die Unterbringung von obdachlosen Frauen. Der  Aufenthalt im Frauenhaus ist freiwillig und nicht mietfrei, aber das sollte niemals ein Problem darstellen, betont die junge Sozialarbeiterin. „Das Nutzungsentgeld übernehmen im Fall einer Sozialhilfeempfängerin die zuständigen Behörden. Geld ist niemals ein Grund dafür, einer Frau in Not nicht zu helfen. Wir finden immer eine Lösung“, so Merten.

Die Bewohnerinnen handeln bezüglich ihrer Alltagsaktivitäten und ihrer Art des Wohnens autonom. Zusammen mit ihren Kindern können sie das Gebäude jeder Zeit betreten und verlassen. Manche gehen normal zur Arbeit, auch die Kinder besuchen für gewöhnlich Kindergarten und Schule. In der Unterkunft gibt es dann die Möglichkeit der persönlichen Betreuung und des Austausches mit den anderen Frauen. Jede Woche finden eine Hausversammlung und ein Frauenfrühstück statt, regelmäßig gibt es Programm für die Kinder. Die wichtigste Maßnahme stellt allerdings der individuelle Plan zur Sicherheit dar, der mit jeder Klientin vorab konzipiert wird.

Sich politisch stark machen

Im Jahr 2014 waren es insgesamt 72 Frauen, die die innerstädtische Unterbringung nutzten. Die Betreuerinnen haben alle Hände voll zu tun und stoßen personell an ihre Grenzen. Gerade aufgrund der aktuellen Situation um die von Gewalt betroffenen Flüchtlingsfrauen machen sie manchmal Überstunden. Madlen Merten betont die besondere Lage: „Es ist schwieriger an das Verständnis dieser Frauen vorzudringen. Wir erklären ihnen, dass Gewalt an Frauen hierzulange bestraft wird und sie deswegen Rechte haben. Gleichzeitig geht bei ihnen mit unser Arbeit eine erhöhte Dankbarkeit einher.“

Ernsthafte Kritik äußert Merten gegenüber dem Erfurter Wohnungsmarkt. Um Frauen, die anschließend an ihrer Betreuung im Frauenhaus, einen neuen Lebensabschnitt in Eigenständigkeit zu ermöglichen, suchen die Sozialarbeiterinnen täglich nach bezahlbarem Wohnraum. „Eine eigene Wohnung ist schließlich das A und O, um ein neues Leben zu beginnen. Hier stoßen wir aber an unsere Grenzen, denn sozialer Wohnungsbau wurde in den letzten Jahren stark vernachlässigt. Wenn es nicht möglich ist, ein eigenes Leben zu führen, kommen mancher Frau die Zweifel, ob sie nicht doch zurück gehen sollte“, gibt die junge Leiterin zu Bedenken und sieht ihre soziale Tätigkeit im Frauenhaus nicht zuletzt deswegen in einem politischen Kontext.

Die Hotline für Frauen in Not lautet: 0361/ 7814142.

 

Text: Franziska Gutt, Foto: Armin Kung
25.11.2015

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