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Von Hoffnung und Rosenkohl Die Erfurter Tafel

Die berühmte Schere zwischen Arm und Reich – nirgends wird deutlicher, was damit gemeint ist, als bei der Tafel. Hierher kommen die, die von dem wenigen Geld, das sie haben, nicht leben können. Während viele von uns mal eben 50 Euro für den Wochenendeinkauf an der Supermarktkasse ausgeben, müssen andere von diesem Geld einen ganzen Monat leben. Local Times Redakteur Andreas Kehrer hat einen Tag lang bei der Tafel gearbeitet und bewegende Geschichten gehört. 

Es ist kurz vor Zehn am Freitagmorgen, als ich den Hinterhof der Auenstraße 55 betrete. Der graue, sozialistische Flachbau war früher vermutlich mal ein Kindergarten und sieht ziemlich trostlos aus. Nur der quietschgrüne Eingangsbereich verströmt ein kleines bisschen Freude. Vor dem Haus sitzen eine Hand voll Menschen in abgetragenen Sachen. Sie haben Taschen oder Einkaufstrolleys dabei. Sie warten, dass es 13 Uhr wird. Im Kellergeschoss des Hauses hat der Erfurter Tafel e.V. seinen Sitz. Auch im Inneren macht das Haus nicht viel her. Die Einrichtung ist spartanisch und funktionstüchtig, ein Tresen dient als Ausgabestelle.

Die Erfurter Tafel ist eine von über 900 Tafeln in ganz Deutschland. Von Montag bis Samstag erhalten Bedürftige hier Lebensmittel gegen einen kleinen Obolus. Einen Euro und fünfzig kostet ein kompletter Einkauf. Für Fleisch und Wurst gibt es einen Aufschlag von nochmals fünfzig Cent. „Bedürftig“ sind Hartz IV-Empfänger, Aufstocker und inzwischen auch viele Geflüchtete. Die Tafel bezieht die Lebensmittel kostenlos aus den Supermärkten der Umgebung. Die Hauptzulieferer sind REWE und Globus. Es sind aussortierte oder übrig gebliebene Lebensmittel bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum naht.

Vor der Tafel in der Auenstraße.
Vor der Tafel in der Auenstraße.

Nach einer kurzen Einführung weiß ich, wie der Hase läuft: Vormittags kommen Lieferungen mit in Kisten und Körben verpackten Lebensmitteln, die vorsortiert werden müssen. Fleisch und Milchprodukte kommen in die Kühltruhen hinter dem Tresen. Für Brot und Backwaren, gibt es einen eigenen Raum, genauso wie für Obst und Gemüse. In einem Kühlraum werden länger Haltbare Lebensmittel untergebracht. Um 13 Uhr beginnt die Ausgabe. In der Auenstraße 55 hat die Erfurter Tafel etwa 20 Mitarbeiter, dazu kommen Zulieferer und Mitarbeiter in der Außenstellen am Roten Berg. Ein paar sind fest angestellt, aber die meisten sind ehrenamtliche Helfer.

Dem Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge leben 12,5 Millionen Menschen in Deutschland in Armut. So viele wie nie zuvor. Dennoch ist unsere Gesellschaft von Überfluss und Verschwendung geprägt. Laut WWF werden allein in Deutschland jährlich rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Zum Vergleich: die Deutschen verzehren gerade mal rund 54,5 Millionen Tonnen im Jahr. Das heißt, ein Viertel aller Nahrungsmittel landet in der Tonne oder – leider in den wenigsten Fällen – bei den Tafeln.
tafelneu3Ich werde der Obst- und Gemüse Abteilung zugewiesen und verbringe den Tag hier größtenteils mit Jan und Maik. Die beiden schauen zwar erst etwas komisch, weil ich ein Hemd trage und total overdressed bin (Ich dachte, wenn ich an der Ausgabe stehe, würde das einen guten Eindruck machen), schließen mich aber schnell ins Herz. Und ich sie. „Es ist eigentlich ganz einfach. Hier in der Mitte lagern wir alles,was reinkommt. In den Kisten am Rand sortieren wir vor. Da die Äpfel, hier die Trauben, da drüben Salate und so weiter. Zum Schluss verteilen wir alles gleichmäßig und gerecht auf die kleinen Körbe, die wir dann rausgeben“, erklärt Maik und drückt mir Latexhandschuhe in die Hand. „Die wirst du brauchen.“

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