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Von Hoffnung und Rosenkohl Die Erfurter Tafel

Nach einer Stunde hab ich den Dreh raus. Ich weiß wo, was hinkommt und bin relativ schnell. Jedes Obst oder Gemüse wird auf Druckstellen und Schimmel kontrolliert. Manche Lebensmittel sind verpackt, andere liegen lose in den Kisten. Etwa zwei Drittel der Lebensmittel sind noch gut und zum Verzehr geeignet. Manche sehen sogar so lecker aus, dass mir selbst das Wasser im Munde zusammenläuft oder ich Lust bekomme, etwas zu kochen. Aber vieles ist auch dabei, was wir aussortieren müssen. Eine ganze Palette Weintrauben kommt in den Abfall, weil sie durch und durch von Schimmelsporen verseucht ist. „Mandarinen sortieren ist das Schlimmste. Ich hasse die Dinger“, sagt Jan und hat damit nicht ganz Unrecht. Auch ich verziehe bei jeder zweiten Mandarine angewidert das Gesicht. Entweder schimmeln sie oder sind so matschig, dass mir beim Abtasten Saft aufs Hemd spritzt. Verdammte Axt!

Jan und Maik sind sehr gesprächig. Sie erzählen mir viel über die Tafel und wie es hier so abläuft. Zum Beispiel, dass Kommunikation ein riesiges Problem darstellt. Die Mitarbeiter sprechen fast nur Deutsch, die Bedürftigen häufig aber Russisch, Arabisch, Türkisch und andere Sprachen. Verständigung ginge öfters nur mit Händen und Füßen. Hinter dem Tresen hängt ein Plakat, das vielleicht wirklich noch aus den Tagen stammt, als das Haus eine Kindertagesstätte war. Darauf abgebildet sind verschiedene Tiere. „Da zeigen wir dann halt drauf, wenn die Leute wissen wollen, was für Fleisch wir ihnen geben können. Schweinefleisch wird nicht gern genommen“ sagt Jan. „Und den leckeren Rosenkohl mögen die Leute auch nicht“, scherzt Maik.

Wir sprechen während der Arbeit auch über Persönliches. Jan zum Beispiel leistet Sozialstunden ab. Er hatte früher ein ernstes Drogenproblem und wurde damals bei einem Einbruch erwischt. Das ist jetzt über zwei Jahre her. Er erzählt mir, dass er von Chrystal Meth abhängig war. „Ich habe heute noch unerklärliche Magenschmerzen. Das Zeug macht dich innerlich total kaputt“ sagt er. Nach dem Entzug habe er für Zalando gearbeitet, sei da aber raus geflogen, weil er zu langsam gewesen sei. Kaum vorstellbar, schließlich sortiert er Obst und Gemüse zigfach schneller als ich. Nach der Entlassung sei er noch mal rückfällig geworden, aber inzwischen ist er seit drei Monaten clean. Er hat Frau und Kind; er ordnet sein Leben. Die Arbeit bei der Tafel gibt seinem Alltag Struktur.

Und auch für Maik ist die Tafel eine wichtige Stütze in seinem Leben. Er ist 39 Jahre alt und seit September macht er hier Bundesfreiwilligendienst. Früher war er mal Lastwagenfahrer. Über zehn Jahre fuhr er durch ganz Europa, immer auf der Hatz von Termin zu Termin. Irgendwann hat er hingeschmissen. Er konnte nicht mehr, war ausgebrannt und wurde depressiv. Heute hilft ihm die Arbeit bei der Tafel nicht den Mut zu verlieren. Anderen zu helfen, gibt ihm nicht nur ein gutes Gefühl, es ist seine Art von Therapie. Als ich die beiden frage, ob ich diese Geschichten in meinen Artikel schreiben darf, sind sie gerührt und auch stolz. Maik und Jan stehen mit ihren Schicksalen stellvertretend, für all die Menschen, denen die Tafel Hoffnung gibt.

Am Thresen.
Am Thresen.

Um 13 Uhr ist es dann so weit. Die Tafel öffnet ihre Türen, vor der sich schon eine lange Schlange gebildet hat. Nicht mehr als drei Personen gleichzeitig werden an den Tresen vorgelassen. Sie zeigen ihren Tafelausweis vor und bekommen dann – je nach Familiengröße – Rationen zugeteilt. Brot, Kuchen, Joghurt, ein bisschen was Süßes und natürlich auch einen Korb voll Obst und Gemüse. Den Rosenkohl möchte tatsächlich keiner. Das ein ums andere Mal kann ich mit meinen Englischkenntnissen aushelfen, wenn es Kommunikationsprobleme gibt, aber immer klappt das nicht. Als ein junger Mann mit dem Ausweis seiner Cousine Lebensmittel abholen möchte, kommt es zu einer lautstarken Auseinandersetzung. So etwas kommt hier immer wieder mal vor. Manche sehen die Tafel als selbstverständlich an, sind undankbar oder werden sogar unverschämt. Aber schwarze Schafe gibt es überall. Die meisten Menschen, die hier herkommen, sind dankbar und manche haben sogar schon ein freundschaftliches Verhältnis zum Personal.

Um 15 Uhr ist die Ausgabe vorbei. Manchmal geht es schneller, meistens dauert es aber länger. Ein Bauer aus der Umgebung holt das überschüssige Obst und Gemüse, sowie die Abfälle ab. Er verfüttert sie an seine Tiere. Auch in dieser Hinsicht ist die Tafel ein Gegenentwurf zu unserer verschwenderischen Gesellschaft. „Bei uns kommt nichts weg“, sagt Maik und fängt an leere Kartons aufzulesen. „Jetzt wird noch aufgeräumt, damit es am Montag wieder weiter gehen kann“. Denn spätestens um Zehn, werden auch dann wieder die ersten vor der Tür warten. Warten, dass es 13 Uhr wird.

 

Text und Fotos: Andreas Kehrer

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