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Eine Lehrstunde in Zivilcourage

Local Times letzter Artikel über eine beängstigende Einwohnerversammlung im Erfurter Süden, endete mit dem Abschnitt „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Die zweite Bürgerversammlung auf dem Campus der Universität zur Flüchtlingsthematik verdeutlichte, sie lebt noch.

Die alten Gemäuer des Lehrgebäudes 2 gehören nicht zu den Vorzeigeobjekten der Universität Erfurt. Die politischen Ereignisse in den Hörsälen 5 und 6 gleich zu Beginn des Jahres 2015, können sich allerdings sehen lassen. Während einer AfD-Veranstaltung am 23. Januar spendeten Studentinnen und Studenten solange Applaus für ein Klavierstück, bis die Rechtspopulisten genervt abzogen. Der freudige Beifall kostete AfD-Vize Gauland so viel Nerven, dass er sich theatralisch von der Polizei aus dem Hörsaal 6 chauffieren lies.

Etwa drei Wochen später lud die Stadt Erfurt zu einer Bürgerversammlung zum Thema „Flüchtlingsunterkunft auf dem Klinikumsgelände“ ein. Statt Tamara Thierbach (Linke), eröffnete Oberbürgermeister Andreas Bausewein die Veranstaltung. Das Auditorium war überfüllt und viele der ca. 350 BesucherInnen mussten die Veranstaltung stehend auf den Gängen verfolgen. Wie schon am Montag hieß es zu Beginn:

„Ich bitte sie darum Fragen zu stellen, keine politischen Statements.“

Erneut war das Gegenteil der Fall. Aufgrund der Ereignisse im Erfurter Süden schien an diesem Abend jede Frage ein politisches Statement für die Flüchtlinge zu sein. Bereits Bauseweins Einführungsrede erhielt starken Applaus. Wie groß der Kontrast zwischen den beiden Einwohnerversammlungen war, verdeutlichte die Reaktion des Publikums, nachdem der Oberbürgermeister folgende Informationen nannte:

„Thüringen nimmt als Bundesland ungefähr drei Prozent aller Flüchtlinge auf, die nach Deutschland kommen. Diese werden über die Aufnahmelager Eisenberg und Suhl im Freistaat aufgeteilt. Von diesen bundesweiten drei Prozent nimmt die Stadt Erfurt zehn Prozent bei sich auf. Im Jahr 2014 haben ungefähr 800 Menschen eine Bleibe gefunden. Im Jahr 2015 werden circa 1300 Flüchtlinge dazu kommen.“

Hätte der Oberbürgermeister diese Zahlen bei der letzten Einwohnerversammlung im Erfurter Süden genannt, wären sicherlich viele der „besorgten“ Anwohner wahlweise in Ohnmacht oder Raserei verfallen. An diesem Tag jedoch, konnten die Anwesenden es kaum erwarten, praktische Solidarität zu leisten. Bis auf die eigentümliche Frage eines einzelnen NPD-Anhängers, zielten alle Nachfragen auf Unterstützung und Hilfe für die ankommenden Flüchtlinge ab.

Die 33 Flüchtlinge, die ab sofort in der Alten Geriatrie unterkommen, haben im Umfeld der Universität Erfurt beste Bedingungen für einen guten Start in Deutschland. Die Fragen aus dem Publikum verdeutlichten das gesamte pädagogische, bildungstechnische und moralische Potential einer solchen Einrichtung, auch im Kontrast zur Unterbringung der Flüchtlinge im Erfurter Süden. Übersetzungen und Sprachunterricht, Sachspenden und Aktionen für die Flüchtlinge wurden mit Begeisterung diskutiert.

Ob die, in winziger Zahl anwesenden, NPD-Anhänger keine Lust hatten oder mit der Ortsbeschreibung „Campus“ nichts anfangen konnten, lässt sich nur mutmaßen. Schlussendlich schaffte es nur NPD-Stadtrat Enrico Biczysko mit seiner Sportgruppe bis in den Hörsaal 5 der Uni Erfurt. Ebenfalls gesichtet wurde Nancy Voigt, die wegen ihrer mittlerweile gesperrten Petition, bei der letzten Einwohnerversammlung per Hausrecht des Saales verwiesen wurden. Im Gegensatz zum letzten Mal gab die rechte Fraktion bei der heutigen Bürgerversammlung nur angenehmes Schweigen von sich.

Ein beeindruckendes Schlusswort hielt ein Erfurter, der vor 15 Jahren selbst als Flüchtling in die Stadt kam. Er machte allen Anwesenden deutlich, dass von einer guten Integrationsarbeit sowohl die neuen deutschen Bürger, als auch die Stadt profitieren kann. Darin waren sich an diesem Abend laut Andreas Bausewein 98,5% des Saales einig.

Nach dem Jubel

Diese Bürgerversammlung war ein einziges Statement für eine offene Flüchtlingspolitik, auch aufgrund der Wahl des Veranstaltungsortes. Unter all dem Jubel blieben dennoch viele Themen offen. Auf die Frage, wie Dinge gespendet werden können, wurde von Bausewein nur auf das Erfurter Stöberhaus verwiesen. Unzählige Initiativen und Einzelpersonen stellten sich vor und präsentierten ihre Ideen für eine solidarische Flüchtlingsarbeit. Immer wieder wurde seitens des Podiums auf das „Zentrum für Integration und Migration“ (ZIM) verwiesen. Auch die Universität Erfurt stand bisher nur für Phrasen, statt für Taten. Als Studenten Räumlichkeit für Sprachunterricht auf dem Campus benötigten, gab es keinerlei Unterstützung seitens der Uni. Ob Erfurt wirklich eine „Stadt der Toleranz“ ist, wird sich erst zeigen, wenn auch die Institutionen den Willen zeigen, das zivilgesellschaftliche Engagement einzubinden.

Nächste Woche posten wir auf Local Times eine Liste mit praktischen Hilfs- und Spendenmöglichkeiten. Wer seine Idee oder Projekt darin veröffentlichen möchte, kann uns gerne unter schreib-uns[ÄT]localtimes-erfurt.de darüber informieren.

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