hdaj

Eine Runde mit dem Panzerkarussell Tag der Bundeswehr auf dem Domplatz

Kriegsgegner fälschten mit einigem Aufwand eine Homepage der Bundeswehr als Aktion gegen den „Tag der Bundswehr“ am 11. Juni. Ein Interview unter dem Titel „Panzer statt Riesenrad auf dem Erfurter Domplatz“ scheint auch zur Politsatire zu gehören. Weit gefehlt, der Beitrag ist echt. Er stammt von einer Bundeswehr-Homepage und wirbt für den Tag der Bundeswehr auf dem Domplatz. Anderswo Parodie, in Erfurt Realsatire.

Stellen sie sich eine Welt vor, in der kleine Jungs in echten Panzern sitzen und laut „Peng, Peng“ rufen, statt gelangweilt Runden auf dicken Karussell-Einhörnern zu drehen. Der Militär-Rummel böte Unterhaltung für Groß und Klein. Lachende Mädchen beschmieren ihre Gesichter mit braun-grünen Tarnfarben statt mit Glitzerpulver und im Hintergrund tanzen blonde Soldatinnen im sexy Camouflage-Röckchen zur eingedeutschten Version von „In the army now“. Die Luftgewehre wurden aus den Schießbuden verbannt, denn erregte Teenager ballern jetzt mit richtigen MP’s auf Ziele in Menschenform an der Wand unter der St. Severi – Kirche. Auf der Showbühne plaudern zwei Afghanistan-Veteranen mit dem Moderator mitunter darüber, wie mehr Auslandseinsätze das Demographieproblem lösen könnten.

Eine skurrile Vorstellung. Solch eine morbide Parodie eines Anti-Vergnügungspark gestaltete der Streetart-Superstar Banksy letztes Jahr in der Nähe des englischen Bristol. Glaubt man der Ankündigung der Bundeswehr-Homepage www.tag-der-bundeswehr.de droht Erfurt am 11. Juni die Realsatire: „Panzer statt Riesenrad auf dem Erfurter Domplatz“ kündigte die Bundeswehr an. In dem sieben Fragen umfassenden Interview heißt es, dass Oberbürgermeister Andreas Bausewein Erfurts „gute Stube“ (Domplatz) erfreulicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Normalerweise finden solche Bundeswehr-Veranstaltungen im geschlossenen Kasernengelände statt. Dort können militärinteressierte und technikbegeisterte Bürger schweres Gerät in passendem Ambiente bestaunen. Doch Thüringen ist anders als die restlichen Bundesländer. In der Landeshauptstadt wird Kriegsgerät zum Stadtfest. Weihnachtsmarkt mit Glühwein, Krämerbrückenfest mit Ständen, Oktoberfest mit Bier und Tag der Bundeswehr mit Militärmaschinen. Hier sollen 60-Tonner, wie der Panzer „Leopard“, auf einem öffentlichen Platz mitten in der Altstadt aufgereiht werden. Was anderswo für Staunen sorgt, ist in Thüringen Alltag. „Eine Besonderheit“, findet auch Projektleiter Oberstleutnant Michael Weckbach.

Gute Projekte kommen in Erfurt immer durch, oder?

Es könnte der Eindruck entstehen, die Stadt Erfurt sei eben tolerant, wenn es um außergewöhnliche Veranstaltungen im urbanen Raum geht. Sie mache Zugeständnisse und bemühe sich ihre Verordnungen für eine gute Projektidee wohlwollend zu interpretieren. Zugegeben, vielleicht gab es in der jüngsten Vergangenheit mal Ausnahmen. Zum Beispiel am 9. November 2015. Eine Gruppe von Christen wollte zum Jahrestag der Reichspogromnacht den Antisemitismus ihres Religionsstifters thematisieren. Die Gläubigen der „AG Kirche und Christentum“ planten ursprünglich dem Martin-Luther Denkmal am Anger die Augen  zu verbinden, um auf dessen Judenhass hinzuweisen. Die Stadtverwaltung verbat die Aktion und ein Pappkarton-Luther mit Augenbinde musste als Ersatz herhalten.

Leider kam noch eine Ausnahme, bei der diesmal das Bürgeramt auf stur schaltete. Im April verließ ein Politiker nach einer emotionalen Rede wutentbrannt den Stadtrat. Der Sozialdemokrat Wolfgang Beese zoffte sich öffentlich mit dem Erfurter Bürgeramt um ein Kunstprojekt. Der Künstler Hans Ferenz plante einen originalen Container auf dem Anger zu platzieren, wie er oft als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird. Über dem Kasten sollte das Banner „Begrüßungsgeld“ flattern und Ostdeutsche an ihre eigenen Flüchtlingserfahrungen erinnern. Die Thüringer Allgemeine veröffentlichte im April Passagen des Bürgeramt-Verbotsbriefes: „Durch das Platzieren des Containers würden 20 Quadratmeter Angerfläche in Anspruch genommen. Sich interessierende Bürger könnten „weitere 10 bis 20 Quadratmeter dem Gemeingebrauch entziehen.“ Im Klartext: Kunstinteressierte stören.

Könnte der Verdacht aufkommen, dass Erfurt öffentlichkeitswirksame Projekte behindert? Dass einzelne Betonköpfe willkürlich in die Versammlungs-, Presse-, oder Kunstfreiheit eingreifen? Richtig, ein Flüchtlingswohncontainer ist nicht gerade schön anzusehen. Schwer und recht sperrig, fast wie ein Panzer. Nein, bestätigt die Bundeswehr und sagte über die Zusammenarbeit mit der Stadt Erfurt im hauseigenen Interview:

Unsere Kooperation mit der Stadtverwaltung kann ich nur über den grünen Klee loben. Die städtischen Experten unterstützen uns wirklich professionell und umfassend! Bei den zahlreichen gemeinsamen Ortsbegehungen gibt es stets neue Herausforderungen, die wir gemeinsam mit unseren zivilen Partnern von der Stadt Erfurt lösen. Egal, ob es um die genaue Lage der Wasser- und Stromanschlüsse geht oder das Stellkonzept für den Domplatz, um die Versorgung am effektivsten sicherzustellen. Oder die Frage, wo man einen knapp 60 Tonnen schweren Kampfpanzer „Leopard“ hinstellen kann, ohne dass wir die Oberfläche des Platzes beschädigen. Der Teufel steckt wie immer im Detail und so sind wir mehr als dankbar, dass wir von den Mitarbeitern der Stadt stets proaktiv und zweckmäßig beraten werden.

Erfurt hilft der Bundeswehr „proaktiv“. Immerhin hat Millitär in der Innenstadt eine lange Tradition. Bis 1963 war der Petersberg eine Kaserne. Auf dem Domplatz, damals Willhelmsplatz genannt, marschierten Truppen für zwei Weltkriege auf und schworen Treue auf ihre Führer. Die Tradition wird wieder mit Leben erfüllt. Am 11. Juni heißt es: Runter mit dem Riesenrad, rauf mit dem Leopard!

25.05.2016, Text und Foto: Armin Kung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*