titel

Endlich Zivilgesellschaft! Auf die Plätze fertig: Mittwoch! im Interview

Die letzte AfD-Demonstration zog für dieses Jahr durch Erfurt. Erneut stellten sich am Mittwochabend   tausende Menschen den Rechtspopulisten entgegen. Überraschend mobilisierte das Bündnis „Auf die Plätze fertig: Mittwoch!“ jede Woche konstant mehr als 1500 Personen gegen Rassismus und für ein bedingungsloses Bleiberecht. Im Interview zog einer der Anmelder, der anonym bleiben wollte, eine erste Bilanz.

Kannst du das Demo-Bündnis nochmal kurz vorstellen?

Wir haben uns nach der ersten Anmeldung der AfD gegründet. Unser Name lautet „Auf die Plätze fertig: Mittwoch! Für bedingungsloses Bleiberecht“. Wir wollten uns nicht nur auf die AfD konzentrieren, sondern fordern auch das Bleiberecht für unsere Freundinnen und Freunden, die aus Kriegsgebieten kommen. Oder auf der Flucht sind, weil sie zum Beispiel als Sinti und Roma auf dem Balkan diskriminiert werden. Dafür gehen wir jeden Mittwoch auf die Straße.

Besteht ihr aus mehreren Gruppen?

Wir bestehen aus verschiedenen Initiativen. Wir haben Leute aus Parteien und anderen links orientierten Jugendverbänden, wie die Naturfreundejugend, das Ortsjugendwerk oder die DGB-Jugend Erfurt, bei uns. Für uns ist es wichtig, ein breites Bündnis aus verschiedensten Menschen auf die Straße zu bringen, nicht nur bestimmte Verbände. Das ist extrem gut gelungen. Jede Woche folgten dem Aufruf Minimum 1500 Leute. Sowas habe ich in Erfurt noch nicht erlebt.

Natürliche half dabei auch der peinliche Auftritt Björn Höckes bei Günther Jauch.

Was bedeutete diese wachsende Zahl an Teilnehmern für euch? In Höchstzeiten waren es mehrere tausend Menschen.

Wir mussten uns auf jeden Fall öffnen und wollten eine breite Gruppe von Menschen ansprechen. Dennoch bleibt für uns der Anspruch bestehen, dass wir auch gesellschaftliche Kritik mit unseren Forderungen verbinden. Das gefällt nicht allen. Allerdings kann jeder bei uns, seinen eigenen Redebeitrag verlesen. Dazu braucht es auch keine „Erlaubnis“ von uns. Wir verfolgen einen offenen Ansatz und wollen eine kritische Diskussion haben.

Habt ihr zu Beginn mit diesen Teilnehmerzahlen gerechnet?

Wir konnten wirklich schlecht einschätzen, wie viele Leute wir in Erfurt mobilisieren werden. Sonst waren bei antirassistischen Demonstrationen eher 300, bei guter Mobilisierung maximal 1000, möglich. Das hatte allerdings keine Konstanz. Was uns wirklich positiv überrascht hat, ist die konstant hohe Zahl an Menschen, die jede Woche gegen die AfD auf die Straße gingen. Natürliche half dabei auch der peinliche Auftritt Björn Höckes bei Günther Jauch. Danach hat die Zivilgesellschaft endlich gemerkt, was für ein Typ Politiker das ist. Das hätte man vor einem Jahr schon sehen müssen, denn so wie Höcke sich in der Talkshow verhielt, gibt er sich auch im Thüringer Landtag. Das Bündnis der Thüringer AfD mit extrem rechten Gruppen war ebenfalls schon offensichtlich. Deshalb tut es jetzt so gut, mit so vielen Menschen gegen Rassismus zu demonstrieren.

Welche Menschen sind eurem Aufruf gefolgt?

Vor allem viel Jüngere, Studenten, Schüler und Familien kamen. Und die Leute vom Friedensgebet stießen zur Demo, was uns sehr gefreut hat. In Erfurt wächst endlich eine breitere Zivilgesellschaft heran, die in den letzten Jahren so noch nicht vorhanden war. Es ist ein Erfolg dieses Jugendbündnisses, Menschen ohne Demo-Erfahrung zu begeistern.

War euer Team auch bei der Mitmenschlich-Kundgebung?

Nicht geschlossen, aber einzelne Leute waren natürlich auf dem Domplatz. Grundsätzlich wurde dort nochmal ein ganz anderes, älteres Klientel angezogen. Wir waren eher Jugendorientierter. Aber es gibt nun mal unterschiedliche Formen, sich mit Geflüchtete zu solidarisieren. Wir waren einfach nur froh, dass auch bei Mitmenschlich so viele Menschen für Flüchtlinge demonstrierten. Die AfD hetzt mit so unverblümt rassistischen Parolen, dass es wichtig ist, breit aufgestellte Gegenproteste auf die Straße zu bekommen.

Aus Nebenstraßen heraus griffen Nazi-Gruppen fast wöchentlich eure Demonstration an. Was war passiert?

Auffällig war, dass die Polizei uns kaum geschützt hat. Bei der ersten Kundgebung am Landtag konnten Nazisportgruppen einfach an uns vorbei laufen, ohne das Polizeischutz geboten wurde. Wir haben dies auch in den Gesprächen mit der Polizei angesprochen, doch dies wurde immer wieder abgetan. Letzte Woche konnten rechte Gruppen mit Baseball-Schlägern durch die Michaelisstraße laufen. Da fragt man sich schon, warum die Polizei dann überhaupt vor Ort ist. Das Vertrauen ist ziemlich erschüttert.

Ihr hattet offensichtlich eine Lösung gefunden…

Genau, wir haben auf Grund der Übergriffe jede Woche eine Rückweg-Demo angemeldet. So konnten wir in großer Zahl in Richtung Innenstadt zurückgehen. Das Konzept ist aufgegangen. Falls es danach immer noch zu rechter Gewalt kam, haben wir versucht es über Twitter öffentlich zu machen. Letzte Woche gab es einen Angriff in der Trommsdorfstraße/Juri-Gagarin Ring. Es ist ziemlich offensichtlich, dass die rassistische Stimmung rechte Gewalt befeuert. Wenn sie dann nicht mal den Druck von der Polizei verspüren, kommt so etwas dabei heraus.

Wie sieht die Zukunft von Auf die Plätze fertig: Mittwoch nach der AfD-Herbstoffensive aus?

Wir werden auf jeden Fall wieder auf die Straße gehen, wenn die Rechtspopulisten erneut auftauchen. Gerüchten zu Folge, sind bereits erste AfD-Anmeldungen für 2016 raus. Auch nächstes Jahr werden Menschen vor dem Islamischen Staat fliehen und wir wollen weiterhin unsere Unterstützung zeigen. Wir werden weiterhin für eine solidarische Gesellschaft demonstrieren.

Interview: Armin Kung.
19.11.2015.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*