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Erfurt hat den Blues Kulturraum Erfurt

Das Centrum fehlt, die E-Burg ist in der Schwebe, die Zukunft des Stadtgartens ist ungewiss und das Kunstrasenfestival hat das Handtuch geworfen. Der Kulturhaushalt schrumpft 2016 um rund 13 %, das kulturelle Jahresthema ist gestrichen, beim Krämerbrückenfest wird abgespeckt und das Dreibrunnenbad steht vor dem Aus. Deprimiert denkt man zurück an das besetzte Haus, das Unikum, das Cafe Togo, die Galerie 7a/7b. Erfurt hat den Blues, den Kultur-Blues.

„Neben dem physischen Stadtraum, also Häuser, Straßen, Mauern und so weiter, gibt es auch einen psychischen Stadtraum, der sich dadurch auszeichnet, dass Menschen mit Orten und Gebäuden Emotionen und Erlebtes verbinden“, erklärt Alexander Matzka vom Stadtplanungsladen Erfurt. Er öffnet damit eine interessante Perspektive auf den Kultur-Blues, der sich unter den Erfurtern breit zu machen scheint. Orte mit denen wir Erinnerungen an Konzerte, Partys oder Begegnungen mit besonderen Menschen verbinden, sind für uns von Bedeutung. Als im Februar eine Welle der Entrüstung losbrach, weil die Stadtverwaltung dem Betreiberverein der Engelsburg den Mietvertrag kündigte, wurde das sehr deutlich. „Fällt ein solcher Ort weg“, meint Matzka „dann reißt man damit auch ein Stück Biografie bei vielen Menschen ein und das kann sogar dazu führen, dass sie sich moralisch mit der Stadt anlegen.“

Das Wäscheleinen-Netzwerk

Alexander Matzka ist studierter Stadtplaner und hat 2013 zusammen mit einigen Kommilitonen den Stadtplanungsladen Erfurt ins Leben gerufen, der sich mit dem Kulturraum der Domstadt befasst. Zwischen 2014 und 2015 erarbeitete das Team eine Kulturraumstudie, in der sie die kulturellen und soziokulturellen Orte der Stadt sichtbar machen. „Wir haben bei mehr als 200 Akteuren, Orten und Initiativen angefragt, wo sie sich betätigen, in welchem kulturellen Sektor sie aktiv sind und mit wem sie in der Stadt zusammenarbeiten“, erklärt Matzka. „Wir schätzen, dass unsere Ergebnisse zwischen 10 und 15 % der Erfurter Kulturszene abbilden.“ Im ersten Moment klingt das wenig, für eine statistische Erhebung sind das aber durchaus aussagekräftige Werte.

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Karte aus der Kulturraumstudie des Stadtplanungsladen (Stand: Sommer 2015). Netzwerke bezeichnen Verbindungen zwischen Orten, Nichträumliche Netzwerke bezeichnen Verbindungen zwischen Akteuren und Initiativen.

Herausgekommen sind diverse Stadtkarten, die zeigen, wo in Erfurt Kultur stattfindet und wie diese Orte miteinander zusammenarbeiten, sprich vernetzt sind. „Man kann sich das kulturelle Netzwerk in Erfurt wie eine Wäscheleinen-Struktur vorstellen. Jeder Ort ist eine Wäschestange und zwischen allen Wäschestangen sind Leinen gespannt, die zeigen, wer mit wem zusammenarbeitet.“ Die Karte belegt, was viele längst vermutet haben; die bedeutenden Kulturräume Erfurts sind das Stadtzentrum, mit einem Ausläufer Richtung Südwesten in den Brühler Garten hinein, und natürlich der Erfurter Nord-Osten, insbesondere Ilversgehofen.

Stützen und Phantomorte

Doch das ist noch nicht alles. Aus der Karte lässt sich auch herauslesen, welche Orte eine tragende Rolle in diesem Netzwerk spielen und für viele Akteure zentrale Anlaufpunkte sind: „In erster Linie sind das Radio FREI, die Saline34, das Klanggerüst, das Kunsthaus, und – auch wenn es noch gar keinen Standort hat – das Kulturquartier“, sagt Matzka. Veranstaltungsorte wie die E-Burg und das Centrum seien besonders für die Musikszene der Stadt von Bedeutung. Unter den zum Zeitpunkt der Datenerhebung jungen Initiativen ist besonders der Hafenmarkt hervorzuheben.

„Diese Orte sind tragende Säulen des Kulturraums unserer Stadt. Wenn man als Stadtverwaltung an eine dieser Stützen herangeht, weil man gern eine profitablere Nutzung etablieren möchte, dann kann das erhebliche Folgen haben. Damit brechen Stützpfeiler weg und das kann sich eine Stadt nicht oft leisten.“

Solche Folgen lassen sich erstaunlicher Weise auch anhand der Studie ablesen, denn immer wieder tauchten in den Antworten Phantomorte auf. Allen voran das besetzte Haus, das 2009 in einer aufwendigen Polizeiaktion geräumt wurde. Sein Nachhall in der Studie ist ein Beleg für das Vakuum, das das besetze Haus hinterlassen hat.

Kultur kann man nicht planen, nur beschützen

Eine ähnlich große Lücke wird vermutlich auch das Centrum hinterlassen, das Ende März im Zuge der fortschreitenden Privatisierung der Innenstadt schließen musste. An dieser Stelle hängen die Wäscheleinen erstmal durch. Die Neuausschreibung der Engelsburg könnte für das kulturelle Netzwerk unserer Stadt zur nächsten Belastungsprobe werden. Denn auch wenn der Ort in seiner Funktion erhalten bleibt, so kappt ein Betreiberwechsel doch alle bisherigen Verbindungen. Ob und wie schnell ein neuer Betreiber die daraus entstehende Lücke schließen kann, ist kaum vorhersehbar.

Normalerweise ist Kultur ein ständiges Kommen und Gehen. Ist ein Ort oder Akteur verschwunden, entsteht irgendwo wieder ein neues Projekt. Allerdings braucht dieser lebhafte Wandel auch die passenden Voraussetzungen und daran krankt es in Erfurt gerade massiv. Der Schrumpfende Kulturetat, der dieses Jahr Einbußen von 700.000 Euro verkraften muss, ist da noch das geringste Problem und betrifft vornehmlich die Hochkultur. Im subkulturellen Bereich – da wo junge, kreative Leute anfangen aktiv zu werden – wird die angespannte Wohnraumsituation zunehmend zum Problem. Mangelnder Leerstand führt nicht nur zu steigenden Mieten, er würgt auch kulturelle Entwicklungen ab.

„Es ist durchaus möglich, dass eine Stadt über den Punkt hinwegkommt, an dem es sich die Soziokultur nicht mehr leisten kann, hier tätig zu sein. Wenn Räume nicht mehr bezahlbar oder nicht mehr frei sind, gehen die jungen, kreativen Leute weg und der Stadt verloren.“

Der Kulturpessimismus vieler Erfurter ist also nicht unbegründet, zumal es die Stadt mit dem Kulturquartier auf dem Petersberg und dem alten Heizkraftwerk in den letzen Jahren verpasst hat, neue kulturelle Zentren zu schaffen. „Das Problem ist, dass hier eine Gefahr verkannt wird“, sagt Matzka „Kultur lässt sich nicht planen, sie lässt sich nur beschützen.“
 

Text & Foto: Andreas Kehrer
19.04.2016

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