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Erfurt hat Polizei 1. Mai Demonstrationen in Erfurt

Die Demonstrationen in Erfurt zum 1. Mai hielten einige Überraschungen bereit. Die Rechte Demonstration war ein Schulterschluss zwischen den Kadern aus Thüringen und Nordrhein-Westfalen. Etwa 350 Neonazis gingen in Erfurt auf die Straße und wurden von mehreren Gegendemonstrationen gestört. Als sich die Stimmung auf dem Juri-Gagarin-Ring aufpeitschte, griff die Polizei beherzt ein und drängte die Rechten mit Gewalt zurück.   

1. Mai 2016, Stauffenberg Allee in Erfurt. Kein Auto ist auf dem breiten Ring unterwegs. Ein Vater schiebt seine Tochter auf einem Longboard über den Asphalt. Sie kichert und balanciert mit ausgestreckten Armen auf dem Rollbrett. Die Sonne wärmt die frühlingsfrische Luft. Auf dem Bürgersteig nebenan bauen einige Erfurterinnen und Erfurter ihre Transparente auf. „Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus“, „PACE“, „Erinnern, Verstehen, Begegnen, Gedenken“. Sie straffen ihre Banner schützend vor dem Eingang einer Asylunterkunft. Einige Flüchtlinge helfen dabei. Dann durchbrechen Fetzen von Sprechchören und Gesängen die ungewohnte Stille. Rote und schwarze Fahnen wehen zwischen den Baumkronen an der Gera. Nach wenigen Minuten erstreckt sich die gesamte „No Way“ – Demonstration, 300 vielleicht 400 an der Zahl, auf dem grünen Mittelstreifen der Allee. Ihr Ziel ist die Schmidtstetter Brücke, hinter der sich die Teilnehmer der Partei „Die Rechte“ sammeln. Die bunten Gegenproteste stoppen vor einer eng aufgestellten Kette an Polizeiwannen, welche die Kreuzung bogenförmig blockieren. Kurz darauf treffen die beiden Demonstrationen das erste Mal lautstark aufeinander (Video).

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Stauffenberg Allee/Thälmannstraße

Rechtsradikaler Schulterschluss

Ungefähr 350 Rechtsextreme schoben sich an diesem Tag der Arbeit durch die Straßen Erfurts. Das Motto „Tradition verpflichtet“ bekräftigten sie mit den Parolen „Nationaler Sozialismus, Jetzt!“ und „BRD, Judenstaat, Wir haben dich zum Kotzen satt!“ Die Demonstration der Partei „Die Rechte“ drehte nur eine kleine Runde durch Erfurt. Vom Schmidtstetter Knoten über den Juri-Gagarin Ring ging es direkt zurück zum Hauptbahnhof. Doch die wenigen Stunden waren intensiv. Die letzte Kundgebung an der Bahnhofsstraße wurde Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen.

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Vereinzelt nahm die Polizei Gegendemonstranten fest.

Die Neonazi-Demo war ein Schulterschluss zwischen den radikalen Kadern aus Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Neben einem Dortmunder Block, wurde die Thüringer Nazidemo auch von Duisburger Gruppierungen begleitet. Sogar der als „SS-Siggi“ bekannte Dortmunder Siegfried Borchardt mit dem auffallenden blonden Kinnbärtchen, brüllte in Erfurt mit. Michel Fischer, der die Demonstration in Erfurt angemeldet hatte, übergab einem Dortmunder Redner zudem eine Parteispende, was von den Nazis mit viel Applaus bedacht wurde. Die 300 bis 400 Personen-starke Ansammlung bestand mehrheitlich aus Männern. Einige kleideten sich im Stil schwarz vermummter „Autonomer Nationalisten“. Andere trugen schwarze Ledermäntel, die offenbar nicht zufällig an SS-Uniformen erinnerten.

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Juri-Gagarin Ring/Bahnhofstraße

Erfurt hat Polizei

Zum Ende der letzten Rede der „Rechten“-Kundgebung stieg die Lautstärke auf beiden Seiten an. Ein kleines Funken sprühendes Objekt flog aus den Reihen der „Rechten“-Demo und explodierte lautstark. Von Links wie Rechts flogen Flaschen. Wieder landete ein Böller in den Reihen der Gegenkundgebung. Die „wehrfähigen Männer“, wie „Rechten“-Anmelder Michel Fischer sie nannte, drohten aus der Reihe zu tanzen und einige Kahlrasierte machten Versuche die linke Demo zu attackieren. Inzwischen ging das Gerücht um, dass ein Böller eine Polizistin verletzt hatte. An dieser Stelle kursierten auf Twitter mehrere Theorien für die harte Reaktion der Polizei.

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Entweder war es ein emotional gefärbter Ausbruch der Beamten, als Reaktion auf ihre verletzte Kollegin, oder es war ein chirurgischer Einsatz von Gewalt gegen die Neonazis, um sie im Eilverfahren von der Kreuzung zu befördern. Jedenfalls stürmte ein Dutzend Polizisten in den Hooligan-Mob und drängten die Nazis mit Gewalt zurück. Selbst die Gegendemonstranten hielten für einen Moment die Luft an, um zu realisieren, was gerade passierte, bevor sie in Jubel ausbrachen. Vor den prügelnden Ordnungshütern türmte sich langsam ein zu Boden gegangener Haufen. Der Schock hatte gesessen. Fluchtartig rannten hunderte Rechte die Bahnhofsstraße empor. Immer wieder erinnerten einige Hiebe sie daran, dass sie nicht stehen bleiben durften. Der bunte Haufen in der linken Kundgebung war unterdessen in Partylaune verfallen. Unter Applaus begrüßte sie zwei Wasserwerfer der Polizei, die sich Richtung Bahnhof bewegten.

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Gerangel für Fortgeschrittene

Die Neonazi-Kundgebung in Erfurt hätte das Potential für Plauener Verhältnisse gehabt. Die Polizei war gefühlt unterrepräsentiert und die Atmosphäre auf der Kreuzung Juri-Gagarin Ring/Bahnhofstraße war aufgepeitscht. Gewaltbereite Rechtsradikale drohten aus dem Zug auszubrechen und in Richtung Gegenkundgebung zu rennen. Doch im Gegensatz zur sächsischen Polizei machte man in Erfurt an diesem Tag weniger Fehler. Das beherzte einschreiten der Beamten verhinderte ein Aufeinandertreffen von Rechten und Linken. Thüringen war an diesem Tag der Arbeit nicht Sachsen, Erfurt nicht Plauen.

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Zum Bahnhof geschubst

 

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Präventionsarbeit der Polizei, Wasserwerfer beziehen Stellung.
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Auflösung der „Rechten“ – Demonstration am Hauptbahnhof

 

Text: Armin Kung, Fotos: Andreas Kehrer und Armin Kung
03.05.2016

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