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Erfurt im Licht des Regenbogens

Am 7. Juni feiern Lesben, Schwule, Trans-, Inter-Menschen, Bi- und hoffentlich auch viele Heterosexuelle den Christopher Street Day (CSD) in Erfurt und demonstrieren damit gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Zum 45. Mal jährt sich der New Yorker Stonewall-Aufstand vom Juni 1969, bei dem sich Homosexuelle erstmals gegen Polizeirepressionen zur Wehr setzten und damit ein neues Selbstverständnis ihrer Sexualität begründeten: Gay Pride. Anlässlich des CSD in der Mitte Deutschlands, der dieses Jahr unter dem Motto „Menschlichkeit an allen Ufern“ stattfindet, trafen wir Jenny Renner (30), Mitorganisatorin und Vorstandsmitglied des LSVD Thüringen e.V., zum Interview. Ein Gespräch über den CSD, Diskriminierung und die Erfurter Szene.

 

LTE: Der CSD erinnert an die Stonewall-Aufstände und ist daher als Protest-bewegung zu verstehen. Schaut man nach Köln oder Berlin entsteht jedoch der Eindruck, das ganze wäre eine große Party. Wie politisch ist der CSD noch?

Das kommt ganz darauf an, in welchem Land man sich befindet. In Berlin und Köln ist der CSD sehr stark kommerzialisiert worden. Da steht der Party-Charakter im Vordergrund. Aber schauen wir zum Beispiel nach Afrika; in Uganda steht Homosexualität nach wie vor unter Todesstrafe. Die Leute werden dafür auf offener Straße erschossen. Und trotzdem haben sie jetzt ihre erste Gaypride-Parade abgehalten. Dort ist das eine absolut politisch Demonstration. Ich hoffe und wünsche mir, dass die Menschen nicht vergessen, welcher politischer Charakter dahinter steht. Das „Stonewall Inn“ war zumeist von Tunten, Trans-,-Inter-Menschen und Lesben besucht. Dieser Moment des „Es reicht!“ bildet den Ausgangspunkt der modernen Lesben- und Schwulenbewegung, ein Referenzpunkt des Stolzes und des Kampfes gegen Ausgrenzung und Diskriminierung.

Das klingt, als wäre doch zu viel des politischen Bewusstseins dieser Bewegung verloren gegangen?

Nein ich denke es ist wichtig, dass da für jeden was dabei ist. Die Leute sollen feiern und demonstrieren dürfen. Ich glaube, dass Lesben und Schwule da eben auch nur einen Querschnitt der Gesellschaft abbilden. Und viele Menschen sind eben nur wenig politisch interessiert oder gänzlich politikverdrossen. Wer den CSD feiern möchte, soll das unbedingt tun. Laut und bunt zu feiern, um dem homosexuellen Selbstbewusstsein Ausdruck zu verleihen, ist ein politisches Statement.

Gerade dieses extrovertierte Auftreten, stößt ja insbesondere den Konservativen und Homophoben auf. Ist das zum Teil auch Absicht?

Ja zum Teil. Ich finde es ganz wichtig, dass sich in dieser Gesellschaft jeder Mensch so zeigen kann, wie er ist. Wenn im Sommer Heteromänner oberkörperfrei durch die Stadt laufen, ist das genauso eine Zurschaustellung. Wir müssen insgesamt einfach toleranter werden, damit sich niemand verstellen muss, sondern einfach so sein darf, wie sie / er ist.

In der DDR war Erfurt noch eine Schwulenhochburg, inzwischen scheint davon kaum noch etwas übrig geblieben zu sein. Zieht es Homosexuelle in die Metropolregionen, weil sie dort offener anders sein können?

„Ja sicherlich. Die Vielfalt die Metropolen bieten, hat viele veranlasst hier wegzugehen. Das liegt in Thüringen daran, dass viel zu wenige Freiräume geboten werden. In anderen Städten, wie zum Beispiel Leipzig, das nicht wirklich viel größer ist als Erfurt, gibt es das aber. Und in der DDR war das tatsächlich noch was anders, weil es weniger Möglichkeiten gab, seinen Lebensmittelpunkt zu verlegen. Da war Erfurt ein Anlaufpunkt für viele Menschen vom Land. Zumal damals auch die Kirche in positiver Weise dazu beigetragen hat. Ich habe vor Kurzen erst erfahren, dass es im Augustinerkloster jemanden gegeben hat, der Schwule in seinem Haus wohnen ließ, wenn sie nicht wussten wohin.“

Welche Bedeutung hat der CSD in Erfurt?

Zunächst bietet der CSD den Menschen eine der wenigen Möglichkeiten, sich für die Rechte von Homosexuellen offen einzusetzen. Er schafft ein Bewusstsein. Schon deswegen hat er eine große Bedeutung. Die Rolle des CSD in Erfurt ist darüber hinaus immer sehr politisch. Jahr für Jahr versuchen wir damit unsere Forderungen ein Stück weit voranzubringen. Denn Thüringen ist in Sachen Gesetzgebung immer noch sehr rückständig.

Woran machst du das fest?

In Thüringen hat es zum Beispiel unheimlich lange gedauert, bis das Lebenspartnerschaftsgesetz, das auf Bundesebene beschlossen wurde, auch auf Landesebene umgesetzt wurde. Dafür musste in den Gesetzestexten, überall wo „Ehepartner(in)“ stand, eigentlich nur „oder Lebenspartner(in)“ eingefügt werden. Wir hatten in Thüringen die Situation, dass Lebenspartnerschaften nicht vor dem Standesamt geschlossen werden durften. Jeder Landkreis und jede Kreisfreie Stadt legte selbst fest, wo die Lebenspartnerschaften geschlossen werden sollten und das führte dazu, dass Homosexuelle ihre Partnerschaften zum Teil beim Bauamt eintragen lassen mussten. Einfach weil die Landkreise und Städte gesagt haben: „Nein nicht vor dem Standesamt, ihr seid nicht normal, das wollen wir nicht.“

Zurück zum CSD in Erfurt. Worauf können die Leute sich einstellen, was würdest du hervorheben wollen?

Auf jeden Fall unsere Demonstration, die um 12 Uhr vom Willy-Brand- Platz am Bahnhof startet, mit Zwischenstationen am Rathaus und an der Staatskanzlei. Enden wird die Demo dann auf dem Anger, wo es bis 18 Uhr ein kleines Straßenfest geben wird, mit musikalischem Bühnenprogramm, Redebeiträgen, einer Travestieshow und vielen Infoständen.

Warum sollten sich auch Heteros dem CSD anschließen und demonstrieren gehen?

Weil es wichtig ist, zu zeigen, dass es völlig uninteressant ist, welche sexuelle Identität ein Mensch hat und dass es egal ist, was in den Schlafzimmern der Leute passiert. Es ist immer wieder ein schönes Zeichen, wenn Heteros uns unterstützen. Der CSD ist nicht nur für Homosexuelle da, sondern für alle die sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung stark machen wollen.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass es innerhalb der Homosexuellen-Szene auch immer wieder zu Diskriminierungen zweiter Stufe kommt. Wie ist das in Erfurt?

Also ich glaube, das ist in Bewegung. Ich kann mich erinnern, als ich hier in Erfurt vor 12 Jahren erste Kontakte zur Szene geknüpft habe, da gab es riesige Probleme zwischen Lesben und Schwulen. Die konnten sich überhaupt nicht leiden. Lesben haben die Augen verdreht, wenn sich zwei Männer geküsst haben und umgekehrt. Inzwischen ist das nicht mehr so. Aber generell kann man wohl sagen, dass Diskriminierung immer aus Unwissenheit und Ignoranz entsteht. Klar gibt es auch Homosexuelle, die zum Beispiel Transgender diskriminieren. Das geschieht aus Unwissenheit über den anderen und aufgrund der eigenen Ignoranz sich nicht damit auseinandersetzen zu wollen. Aber auch das ist im Wandel. Bei uns in der Bundesarbeitsgemeinschaft Queer bekomme ich das mit, dass da inzwischen immer mehr Austausch stattfindet und Aufklärung betrieben wird.

Schauen wir mal über den Tellerrand. Russland ist ein mahnendes Beispiel für Homophobie im Staat und in der Gesellschaft. Aber auch in Baden-Württemberg gab es eine Debatte, über den Sexualkunde-Unterricht, der maßgeblich von homophoben Tendenzen geprägt war. Kommt jetzt die Rollback-Bewegung?

j1Ich glaube, die ist im Gange. Das hängt stark damit zusammen, dass die homosexuelle Bewegung inzwischen so weit emanzipiert ist, dass sie ganz klare Forderungen stellt und das überfordert manche eben. In Osteuropäischen Ländern ist auch das Erstarken des rechten Flügels ein wichtiger Faktor. In Russland war man eigentlich schon ein Stück weiter, aber auch hier hat jetzt wieder das konservative Familienbild Einzug gehalten. Ich weiß von Frauen, die während der olympischen Spiele in Sotchi von der Polizei festgenommen wurden, weil sie sich geküsst haben. Anschließend sind sie von den Polizisten dann vergewaltigt worden, um sie auf den richtigen Weg zurückzuführen. Ich meine, wie verrückt ist diese Welt? Wenn die Toleranz in der Gesellschaft zunimmt, dann ruft das auch Leute auf den Plan, die das nicht wollen. Das ist eine Tatsache die an vielen Emanzipationsbewegungen zu beobachten ist. Je mehr Toleranz etwas hervorruft, desto radikaler werden die konservativen Leitbilder verteidigt.

Wie steht es eigentlich aktuell um die Erfurter Szene?

Welche Szene? (lacht) Dadurch, dass wir kaum Anlaufpunkte außerhalb einiger Partys haben, ist es unheimlich schwer das einzuschätzen. So weit ich weiß, gibt es viele junge Homosexuelle in der Stadt, aber auch eine Menge alte und alteingesessene, homosexuelle Erfurter. Allerdings fehlt das Gemeinschaftsgefühl. Viele sind weggegangen und übrig geblieben sind eher kleine versprengte Gruppen und Einzelgänger. Die jüngere Generation, ohne das jetzt verallgemeinern zu wollen, ist stark auf das Motto ausgelegt: „Sehen und gesehen werden.“ Aber dabei bleibt es dann auch. (überlegt kurz) Viele Homosexuelle haben sich auch einfach in die Gesellschaft integriert. Sie haben einen hetero Freundeskreis und sind trotzdem schwul. Es ist gar nicht mehr notwendig, innerhalb der Szene Freundschaften zu pflegen.

Wie schwer ist es in Erfurt auf offener Straße schwul zu sein?

Das ist schwer einzuschätzen. Also was ich positiv hervorheben möchte: mir ist in Erfurt kein Fall körperlicher Gewalt gegen Homosexuelle bekannt. Häufig reduziert es sich darauf, verstohlene Blicke zu werfen. Über die Paradiesvögel wird natürlich gesprochen und bei Lesben guckt keiner mehr. Da ist es fast schon schick geworden, Hand in Hand zu gehen. Diskriminierung im Sinne von verbalen Attacken gibt es allerdings auch vereinzelt. „Schwuchteln“ oder „Macht das zu Hause, das will hier keiner sehen“ hört man da. Ich habe kein Problem mit Menschen, die damit nicht klar kommen in ihrem Kopf und ihrer Welt. Aber ich habe was dagegen, dass sie andere dafür diskriminieren.

Vielen Dank für das Interview!

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