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Erfurt schön kiffen – Das Colorado-Interview

Denver, Colorado. Vier deutsche Touristen streifen durch die Häuserschluchten der Metropole am Fuße der Rocky Mountains. Es ist heiß und trocken. Die Nachmittagssonne lässt die Luft über dem Asphalt flimmern. Mitte des 19. Jahrhunderts tummelten sich hier Goldgräber auf der Suche nach dem großen Glück. Heute suchen vier Erfurter – darunter zwei angehende Politiker und zwei angehende Journalisten – einfach nur einen Coffeeshop.

„Das kann doch nicht angehen“, ruft Kevin. „Hier muss es doch irgendwo was zu rauchen geben, wir sind in Colorado.“
Justin tatscht auf seinem Smartphone rum. Ohne Erfolg. „Mein Datenvolumen ist aufgebraucht. Keine Chance.“
„Wartet da kommt einer. Den frag ich mal“, sagt Armin und spricht einen weißen Mittzwanziger an. „Excuse me, we are looking for a coffeeshop.“
Der Amerikaner schaut Armin irritiert an. „Are you kiddin‘ me? You’re standing right in front of a Starbucks.“
„He means a marihuana store“, schaltet ich mich ein.
„Oh, okay. Down that street and turn left on the second corner. Try the ‚Pot Paradise‘.“
„Thanks.“

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Pot Paradise! (v.li.n.re.: Armin, Kevin, Andreas, Justin)

Ein paar Minuten später stehen wir im „Pot Paradise“. Wir – das sind Kevin Groß und Justin Witzeck von den Erfurter JUSOS, sowie Armin und ich, unseres Zeichen Local Times Autoren. Wir haben uns hier in Colorado zu einem Interview über Cannabis verabredet. Mit ihrem Slogan „Erfurt schön kiffen“ haben die Jungsozen zuletzt eine klare Position zu diesem Thema bezogen. Wie ernst sie es damit meinen, wollen wir auf den Prüfstand stellen. Deshalb haben wir eine Bedingung für das Interview gestellt: high sein.

„Ach schön wär’s, wenn sie das mit dem Coffeeshop am Görlitzer Park in Berlin durchkriegen“, sage ich und schaue gedankenverloren in die Vitrine, in der verschiedene Marihuana Sorten ausgelegt sind: White Widow, OG Kush, Special Queen, Northern Lights und viele mehr.
„Ja durchaus, aber letztlich muss ein Beschluss auf Bundesebene kommen“, sagt Kevin und beugt sich ebenfalls über die Vitrine. „Die Probleme am Görlitzer Park gibt es ja in vielen deutschen Großstädten und ein staatlich regulierter Zugang zu Cannabis wäre ein wichtiger Präventionsansatz.“ Ein Jahr ist Kevin jetzt schon im Erfurter Stadtrat. Den Politikersprech hat er inzwischen drauf.
„Auch Erfurt hat diese Probleme“, mischt sich Justin lachend ein. „Als damals die Magdeburger Allee zum Gefahrengebiet erklärt wurde, schrieb die TA, dass dort das höchste Risiko besteht ‚Opfer von Drogenkriminalität‘ zu werden. Ich mein, wie wird man Opfer von Drogenkriminalität? Entweder man nimmt das Zeug und ist Drogen-kriminell oder man nimmt es nicht. Aber Opfer werden?“
„Ja die Dealer stecken dir da das Zeug heimlich in die Tasche, das kriegst du gar nicht mit“, scherzt Armin, der gerade eine Glasbong begutachtet.
Es ist der Anfang eines langen, lustigen Abends.

Wir entscheiden uns für 5 Gramm Silver Shining Haze und verschiedene Edibles. „Edibles“ so bezeichnen die Amerikaner mit THC versetzte Lebensmittel und Pflegeprodukte. Softdrinks, Gebäck, Süßigkeiten, aber auch Seifen und Shampoos können high machen. Etwa 40 % des Cannabis-Umsatzes in Colorado werden durch diese zusätzlichen Produkte erwirtschaftet und das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht erreicht. Immer neue, innovative Produkte kommen auf den Markt. Ganze Produktionsketten sind seit der Legalisierung im Januar 2014 in Colorado entstanden.

„Das ist ja das eigentlich Interessante“, sagt Kevin und trägt eine Packung Kekse und eine Tüte Bonbons zur Kasse. „Mit der Legalisierung würde aus dem Nichts ein ganz neuer Wirtschaftszweig entstehen, der dem Staat Geld und den Menschen Arbeitsplätze bringen würde.“
„Und dabei ist die Cannabisindustrie gerade erst am Anfang“, sage ich, während ich in meinem Handy die offiziellen Zahlen der Colorado Marihuana-Tax ablese. „Die Wachstumszahlen explodieren. Von April 2014 zu April 2015 sind die Umsätze um 101,3 % gestiegen. Kaum auszudenken, was der deutsche Staat da an Mehreinnahmen generieren könnte.“

Wir bezahlen. Die 5 Gramm Gras kosten 50 Dollar. Das entspricht in etwa den deutschen Schwarzmarktpreisen die je nach Marktsituation zwischen 8 und 12 Euro pro Gramm schwanken. Der deutsche Fiskus sieht davon aber keinen müden Cent. Colorado besteuert THC Produkte hingegen mit 28 % und hat im Jahr 2014 – dem ersten Jahr seit Aufhebung der Marihuana-Prohibition – knapp 200 Mio Dollar eingenommen.

Nachdem wir uns eingedeckt haben, geht es zurück ins Hotel. In der Öffentlichkeit ist das Rauchen in Colorado untersagt. Cannabis ist eine Droge für den Heimbedarf. Wir setzen uns in die Raucher-Lounge des Hotels und drehen den ersten Joint. Das Hotelpersonal schenkt hausgemachten Eistee aus.
„So lässt es sich aushalten.“ Armin zündet den Joint an und nimmt den ersten Zug. Eine halbe Stunde später sind wir alle high. Wir lachen viel und kommen ab und zu vom Thema ab, können unser Interview aber problemlos fortsetzen.
„Es ist ja auch so, dass man in Sachen Jugendschutz einen großen Schritt nach vorne machen würde, wenn der Staat den Cannabisverkauf organisieren würde. Man könnte eine Altersgrenze einführen – meinetwegen 21 – und würde dafür Sorge tragen, dass das Cannabis eine hohe Qualität hat. Der illegale Handel hat keine Standards und wenn da einer das Gras mit Blei oder Sand streckt, dann konsumiert der neugierige Jugendliche diese giftigen Stoffe mit“, führt Kevin aus, der auch im bekifften Zustand noch wie ein Politiker sprechen kann.
„Man stelle sich eine Studie von Stiftung Warentest über Cannabis vor…“ werfe ich ein.
„… und jedes Grastütchen wäre dann mit einer Testnote versehen. Purpel Haze Note 1,4 – Testurteil: sehr gut“, scherzt Armin und wir lachen. Vielleicht etwas länger als normal.
„Aber mal im Ernst“, setzt Justin wieder an. „Es ist ja totaler Quatsch, dass die Legalisierung von Cannabis dazu führen würde, dass wir in den Laden laufen und dann Tag für Tag kiloweise Dope rauchen, um uns abzuschießen. Das passiert ja beim Alkohol auch nicht. Da machen es die Leute nur zu bestimmten Anlässen.“
„Und Alkohol ist nach wie vor die gefährlichere Droge. Eine Überdosis kann dich umbringen, bei einer Überdosis Cannabis schläfst du halt nur ein“, setzt Kevin hinzu.

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Seit der Marihuana-Legalisierung sind über 500 Stores in ganz Colorado entstanden. Tendenz steigend.

Joachim Pfeiffer (CDU) und Dieter Janecek (Grüne) haben im März 2015 für eine Legalisierung von Cannabis im Bundestag geworben. Sie argumentierten mit wirtschaftlicher Vernunft: Jedes Jahr gibt der Deutsche Staat ein bis zwei Milliarden Euro allein für die Bekämpfung von Cannabis aus. Eine Droge, die die meisten Ärzte ungefährlicher als Alkohol einstufen würden. Dieses Geld könnte bei einer Legalisierung sinnvoller angelegt werden. Zum Beispiel in der Aufklärungs- und Sozialarbeit. Darüber hinaus würde der staatlich organisierte Verkauf weitere 2 bis 8 Milliarden in die Kassen spülen. Neue Arbeitsplätze in diversen Berufszweigen würden entstehen, die arg gebeutelte Landwirtschaft hätte ein neues Agrargut und der Tourismus ein neues Werbeinstrument.
„Da kommt einiges zusammen“, sagt Justin. „Und Thüringen könnte mit dem Slogan ‚Das Grüne Herz Deutschlands‘ richtig Geld verdienen.“ Wir lachen uns halb schlapp. Inzwischen geht der dritte Joint herum und auf dem Tisch liegt eine offene Tüte Haribo – Colorado. Wie üblich isst keiner die Lakritze.
„Hier!“ setze ich an und habe schon wieder das Handy in der Hand. „Laut einem Bericht der Brand Eins ist die Arbeitslosenzahl in Colorado seit der Aufhebung des Cannabis-Verbots um 1,6 Prozent auf einen historischen Tiefstand gefallen. Nach nur einem Jahr gab es über 500 Stores und der Staat hat über 16.000 Lizenzen an Händler verkauft.“
„Ja aber die Basis der CDU behaart nach wie vor auf ihrem Standpunkt, dass wir in Deutschland nicht noch eine legale Droge brauchen. Alkohol kannst du natürlich nicht verbieten, das ist ein Kulturgut.“ Kevin schüttelt resigniert den Kopf.
„Und Michael Panse in Erfurt ist ein gutes Beispiel dafür?“ bohrt Armin nach.
„Auf jeden Fall.“

Im März befragte Local Times Erfurter Kommunalpolitiker zur Cannabis-Legalisierung. Darunter waren Kevin Groß und Michael Panse. Kevin gab damals offen zu, schon mal Gras geraucht zu haben und Panse – den man in diesem Kontext als ’straight edge ohne Punkattitüde‘ bezeichnen kann – schoss sich im Facebook auf die Erfurter JUSOS ein:

„Ich sag mal, jede andere Antwort hätte mich von den befragten links-link-grünen Politikerinnen auch überrascht. Bei Linken und Grünen ist das Parteilinie und bei den Jung-Genossen auch. Vor Jahren hieß es bei denen noch „Erfurt schön saufen“ – jetzt ist es halt „Erfurt schön kiffen“.

Die JUSOS nahmen den Slogan auf und werben seither mit „Erfurt schön kiffen“ offensiv für die Cannabis-Legalisierung. Das diese aber wohl noch in weiter Ferne liegt, lässt sich am Umgang der Bundesregierung in Sachen Homoehe ablesen. Auch hier hinkt Deutschland der westlichen Wertegemeinschaft hinterher. Die USA und sogar das katholisch Irland sind der Bundesrepublik hier weit voraus.

„Seit vielen Jahren denken die Leute, die Cannabis-Legalisierung steht kurz bevor, aber das glaube ich nicht.“ sagt Justin während er einen neuen Joint dreht.
„Dabei gibt es Juristen, die offen die Meinung vertreten, dass es so etwas wie ein Recht auf Rausch gibt“, wende ich ein.
„Ja da geht es um persönliche Freiheit. Aber das ist eine Frage die schlussendlich wohl nur das Bundesverfassungsgericht entscheiden kann: Gehört das Recht auf Rausch zur Freiheit auf Entfaltung der Persönlichkeit oder nicht“, erwidert Justin.
„Glaubt ihr nicht, dass eine Partei, die das Thema richtig anfässt, bei einer Wahl damit erfolgreich sein könnte?“, hake ich nach.
„Nein ich glaube das Thema ist durch“, sagt Kevin. „Die Grünen haben das ja vor ein paar Jahren probiert und richtig gebracht hat es ihnen nichts. Cannabis ist längst in der Gesellschaft angekommen und jeder findet sich derzeit damit ab, wie es ist. Ich denke irgendwann wird das eher so im Vorbeigehen legalisiert werden, weil es längst überfällig ist.“
„Und bis es soweit ist“, sagt Armin und zündet einen neuen Joint an. „Sollten wir die Freiheit Colorados noch ein bisschen genießen.“

Text: Andreas Kehrer, Fotos: Armin Kung 
10.07. 2015

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