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Erfurtstagram Fotografie zwischen Social Media und Metallbau

Eine neue Generation von Fotografen wartet auf den Generationswechsel. Motivert durch die sozialen Medien gelangten sie von der Like-Jagd zur Fotografie. Nils gehört zu den jungen Bildermachern, die durch das Web zur Linse kamen. In der digitalen Welt besitzt Nils a.k.a. Erfurtstgram viele Fans. In der echten Welt begeistert er sich lieber für Stahl und Eisen. Die Geschichte hinter dem Fotostream.

Goldgräberstimmung in den sozialen Netzwerken. Damals 2012. Jeder sinnfreie Kommentar bekam ein Like. Jedes unterbelichtete Foto teilten die User. Facebook-Kommentare waren schon damals Pöbelei, aber im Vergleich zu heute angenehm unpolitisch. Zugegeben, der Social-Media Hype begann einige Jahre vor 2012. Überquert ein Trend die Erfurter Stadtgrenze, verlangsamt er schlagartig seine Geschwindigkeit. Die Landeshauptstadt balanciert stets auf dem schmalen Grat zwischen wohltuender Entschleunigung und langweiliger Unpünktlichkeit in Sachen Trends. Einige clevere Personen nutzen diese digitale Zeitverschiebung für sich aus. Leute, wie Nils M. besser bekannt als Erfurtstagram. Ein Name, gemixt aus Thüringens Hauptstadt und der Foto-App Instagram.

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Foto: Erfurtstagram

Vom Smartphone zur Kamera

„Mein Vorbild waren Instagramer wie Berlinstagram. Der war damals, 2012, schon extrem erfolgreich.“ Nils ist ein drahtiger Typ, Erfurter durch und durch. 19 Jahre alt. Meist mit Kapuzenpullover unterwegs und einer Umhängetasche für die Fotoausrüstung auf dem Rücken, die breiter ist als er selbst. Er ist das Gesicht hinter der Kamera. Nils zog, wie so viele damals, sein Smartphone aus der Tasche und schoss ein Foto. Selbstverständlich quadratisch. Nahezu jeder zwischen 12 und 25 Jahren dokumentiert eifrig seinen Alltag für die Foto-Community. Nichts Besonderes. Während Instagram im Laufe der Zeit zur schnöden Smartphone-Normalität wurde, fotografierte Nils einfach weiter. Krämerbrücke. Klick. Dom. Klick. Hübsche Sonne über der Krämerbrücke. Klick. Großer Mond über dem Dom. Klick. „Heute merke ich, wie klein die Erfurter Altstadt eigentlich ist. Täglich neue Motive zu finden, wird immer schwerer.“ grübelt Nils vor sich hin. Die Fotos füllen mittlerweile Terrabytes über Terrabytes seiner Festplatten. Archäologen und Stadtplanern der Zukunft fiele es leicht, die komplette Innenstadt anhand seiner Bilder zu rekonstruieren.

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Foto: Erfurtstagram

2012 jedoch, in der Goldgräberstimmung der Foto-Communities, motivierte Nils jeder gestreckte Daumen auf Facebook und jedes rote Herz auf Instagram zum Weitermachen. Petersberg im Nebel. Like. Nasse Pflastersteine auf dem Wenigemarkt. Like. Freunde und Familie rieten dem Hobbyfotografen damals zum Aufhören. Nils winkte ab. „Ich hab einfach mein Ding gemacht.“ und schaut sich vor der Krämerbrücke nach einem passenden Foto-Motiv um. Damals hieß es, so ein Hype wie in der Bundeshauptstadt um Berlinstagram funktioniere im provinziellen Erfurt nicht. Falsch. Über 3000 Abonnenten auf Instagram und über 4000 Follower auf Facebook beweisen das Gegenteil. Erfurt wollte Fotos von seinen hübschen, schnörkeligen Gassen. Nils lieferte zuverlässig. Nach einem Jahr war Schluss mit Handykamera. Erfurtstagram brauchte bessere Bilder. Der Umstieg zur Profi-Kamera war Formsache.

Heavy Metal 

Erfurtstagram produzierte Postkartenmotive wie am Fließband. Die Community liebte seine Licht durchfluteten Bilder und Nils liebte die Likes. Doch hinter dem Foto-Stream versteckt sich auch ein zweites Leben. Er, der zu besten Zeiten drei Bilder täglich postete, ist kein Foto-Profi. „Metallverarbeitung braucht die Welt immer, Fotos nicht. In dieser Hinsicht bin ich Realist.“ Erfurtstagram ist außerhalb der Matrix gelernter Metallbauer. Voll ausgebildet und auf dem Weg zum Meister-Grad. Neben der Bildbearbeitung mit Photoshop, verarbeitet er Metall zu Kerzenständern oder montiert Balkonsysteme an Häusern. Irgendwie arrangierte sich der Erfurter mit dem Spagat zwischen Handwerk und den schönen Künsten. Auch das Zeichnen und das Klavierspielen reizen ihn. Ein junger Kreativer, gefangen in der 60 Stunden Woche des Thüringer Handwerks. Doch Nils lächelt besseren Wissens. „Ich lernte mit der Zeit, dass Metallbau, Fotografieren, Zeichnen oder Musik eines gemeinsam haben: Kreativität. Ein Muster für einen Kerzenständer zu entwickeln bedarf genauso viel Inspiration, wie ein gutes Fotomotiv.“

Genug echte Welt, zurück in die digitalen Netzwerke. Nils bewies fotografische Beharrlichkeit. Vier Jahre alt sind seine Accounts heute. 1000 Likes pro Jahr. Und doch ist der große Hype vorbei. Viele Follower nervte die tägliche Bilderflut. Facebook-Chroniken sind wie Briefkästen. Die Menschen freuen sich ab und zu über Postkarten. Explodiert der Briefkasten vor tagtäglichen Einsendungen, vergeht vielen die Lust. Erfurtstagram senkte den täglichen Fotoausstoß auf 1. Die User sind ein verwöhntes Völkchen. Nils‘ Follower wollen romantische Altstadtmotive. Viel Glanz auf überrestaurierten Mittelalterhäusern. Portraits? „Zu wenig Likes.“ Künstlerische Motive? „Gehen gar nicht.“ Das Publikum erzieht seinen Künstler, die Nachfrage bestimmt das Online-Angebot. Nils kennt das.

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Foto: Erfurtstagram

Und die Zukunft? Erfurtstagram postet fleißig weiter. Im stürmischen Auf und Ab der sozialen Medien, entwickelte sich die Like-Jagd zu einer Leidenschaft für die Fotografie. Aus Smartphone-Knippserei wurde echte Fotokunst. Nils steht exemplarisch für eine Generation von Fotografen, die durch die sozialen Medien schnell eine Öffentlichkeit für sich fanden. Wo früher mühselig Herausgeber für die eigenen Bilder gesucht werden mussten, boten die sozialen Netzwerke ein leicht zugängliches Publikum. „Ich will mich weiter entwickeln. Das finde ich am spannendsten. Herausfinden, was die Leute begeistert.“ Dass er dazu in der Lage ist, bewies sein letztes Weihnachtsmarkt-Foto. Es sieht aus, als sei es dem klischeehaften Traum eines Japaners über deutsche Weihnachten entsprungen. Erneut liebten es tausende Menschen.  Der drahtige Metallbauer mit übergroßer Fototasche zieht weiterhin durch Erfurts Gassen. Immer auf der Suche nach einem neuem Bild, um seine Follower zu begeistern.

15.02.2015 Text: Armin Kung, Foto: LTE und mit freundlicher Genehmigung von Erfurtstagram.

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