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Flüchtlingsunterkunft am Helios: „Religion spielt kaum eine Rolle“

Auf die Frage, warum Flüchtlinge selten interviewt werden und selbst über ihre Erfahrungen berichten, gibt es eine einfache Antwort: Das laufende Asylverfahren. Die große Mehrheit schweigt in der Öffentlichkeit, um den Anerkennungsprozess nicht zu gefährden. Glücklicherweise hat sich Alexander Schuchardt zur Verfügung gestellt, seines Zeichens Sozialbetreuer der Flüchtlingsunterkunft an der Nordhäuserstraße.

Alexanders Arbeitstag beginnt früh um Acht auf dem Gelände des Helios Krankenhauses. Hier befindet sich eine Erfurter Flüchtlingsunterkunft mit 200 Bewohnern. Seine erste Tat am Morgen ist der Blick in das Protokollbuch des Sicherheitsdienstes ITT. Doch die weißen Seiten bieten meist nichts Spektakuläres. Weder innerhalb des Heimes, noch von außerhalb kam es bisher zu nennenswerten Problemen.

Die Infrastruktur passt sehr gut. Gesicherte Zufahrt, Mauer drum rum und Videoüberwachung. Mit rechtsextremen Provokationen hatten wir es zum Glück noch nicht zu tun.

flachbauten
Nicht gerade Luxus. Einer der drei Flachbauten des Flüchtlingsheims.

Alexander Schuchardt ist verantwortlich für 70 Kinder und Jugendliche, sowie 130 Erwachsene. Sicherheit ist bei dieser Arbeit das kleinste Thema. Täglich fährt die Polizei an den Flachbauten der Unterkunft vorbei. Mehrmals die Woche besuchen die Beamten das Büro und stimmen sich mit den Sozialarbeitern ab. Das Verhältnis zwischen Polizei und der Flüchtlingsunterkunft ist sehr gut, bestätigt Alexander Schuchardt.

Der eigentliche Alltag besteht aus Koordination, Verwaltung und Kommunikation. Die schulpflichtigen Kids müssen in die Schule. Die wenigsten Eltern sprechen Deutsch, deshalb übernehmen die Sozialarbeiter den Kontakt mit den Lehrern. Die viele freie Zeit der Erwachsenen, versucht man mit Sprachkursen und der Vorbereitung auf das Asylverfahren auszufüllen.

Die Nachfrage nach Deutschunterricht ist riesig im Haus. Am liebsten würden alle teilnehmen. Zur Zeit haben wir nur zehn Sprachkurse, die von vier ehrenamtlichen Lehrerinnen und Lehrern gestemmt werden.

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Küchen statt Kantinen. Die Bewohner gehen einkaufen und Kochen selbst.

In das konkrete Asylverfahren ist die Verwaltung der Flüchtlingsunterkunft nicht eingebunden. „Wir unterscheiden nicht nach gutem oder schlechten Flüchtlingsgrund“, betont Schuchardt. Die Mitarbeiter helfen aber beim Ausfüllen von Formularen, geben rechtliche Hinweise und stehen bei allen bürokratischen Wegen helfend zur Seite. Doch auch für die Behörden sind Alexander Schuchardt und sein Team zur Stelle. Ein großer Teil der Arbeit bedeutet Statistik zu führen. Kinder, Erwachsene, Geschlecht, Alleinstehende oder Familien; all diese Informationen möchte die Ausländerbehörde detailliert wissen. Lachend gibt Alexander zu: „Zum Glück habe ich Erziehungswissenschaften und BWL studiert, und auch noch in der Gastronomie gearbeitet. Dadurch ist die Arbeit machbar.“

Die Namensschilder an jedem Zimmer und die sauberen Gebäude sprechen dafür, dass die Betreuer ihren Laden im Griff haben. Auf die Frage nach den religiösen Bedürfnissen der Flüchtlinge muss Schuchardt den Kopf schütteln.

Den Muslimen vermitteln wir von Anfang an den Kontakt zur Erfurter Moschee. Doch die bisherige Erfahrung ist, dass unsere Muslime alles andere als streng gläubig sind. Nur selten habe ich Gebete mitbekommen.

Viel bedeutender für das Betreuerteam sind die individuellen Erfahrungen der Menschen. In der Unterkunft leben Kinder, bei denen die Mitarbeiter bis heute noch nicht wissen, ob eine geistige Behinderung vorliegt oder ein massives Traumata aus der Flucht. Eine psychologische Betreuung existiert nicht. Im Haus leben Jesiden, die vor dem IS flohen genauso wie  Väter, die es mit vier Kindern wie ein Wunder bis nach Deutschland schafften. Trotz dieser extremen Schicksale, genießt Alexander Schuchardt seinen Beruf und den Kontakt mit den Flüchtlingen.

Besonders schön erlebe ich immer wieder die herzliche und ehrliche Dankbarkeit. Dies motiviert mich sehr.

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