header_neu

Hetze per WhatsApp

Hetze im Netz gibt es nicht nur auf Facebook. Immer öfter werden andere soziale Netzwerke benutzt und gezielt unterwandert, um systematisch menschverachtendes Gedankengut unters Volk zu bringen. So geschehen vor Kurzem im beschaulichen Erfurter Vorort Linderbach.

Vor zwei Wochen spielten uns Bürger die WhatsApp-Chatprotokolle der „Bürgerinitiative Linderbach“ zu, da diese von Rechten unterwandert und gezielt zur Stimmungsmache gegen Asylbewerber genutzt wurde. Ausgangspunkt war die Bekanntgabe einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Linderbach. Hierfür soll ein ehemaliger Baumarkt in eine Notunterkunft umgebaut werden. Die uns vorliegenden Protokolle umfassen auf ca. 30 A4-Seiten aus den letzten Augusttagen. Die WhatsApp-Gruppe wurde zeitweise von über 100 Bürgern verfolgt und genutzt um unter anderem die Sitzung des Sozialausschusses am 26. August im Erfurter Rathaus zu stören und die anwesenden Politiker unter Druck zu setzen. In der Gruppe wurden darüberhinaus verschiedene Bilder und ein Video der Ausschusssitzung verbreitet.

Da die Protokolle auch die Telefonnummern und Namen von zahlreichen Linderbacher Bürgern beinhalten, die sich von den Inhalten der WhatsApp-Gruppe distanziert haben, sehen wir davon ab, die Protokolle zu veröffentlichen. Die nachfolgende Analyse zeigt in Auszügen, auf welche Weise die Initiatoren den Gruppenchat gezielt beeinflusst und mit rechten Gedankengut unterfüttert haben und kurzzeitig die Deutungs- und Meinungshoheit gewonnen haben. Zur besseren Verständlichkeit haben wir den Chatverlauf in 6 Phasen unterteilt.

Phase 1 – Das Trojanische Pferd

Bei der Gründung der Gruppe geben sich die Initiatoren weder direkt als NPD oder AfD Sympathisanten zu erkennen, noch überfluten sie die Gruppe mit plumpen ausländerfeindlichen Parolen. Als engagierte Bürger getarnt, denen die kurzfristige Bekanntgabe der Flüchtlingsunterkunft ohne Rücksprache mit den Anwohnern Sorgen bereitet, ist das Ziel der Gruppe noch nicht absehbar. Diese erste Phase ist von einem „Wir“-Gefühl geprägt. Die Moderatoren regen Ideen an und versorgten die Gruppe mit Hintergrundwissen zu direkter Demokratie und Bürgerinitiativen:

Das Bürgerbegehren ist ein Instrument derdirekten Demokratie in Deutschland aufkommunaler Ebene. In wichtigen Angelegenheiten können die Bürger einer kommunalen Gebietskörperschaft (z. B. Gemeinde, Landkreis, Bezirk etc.) einen Antrag auf Bürgerentscheid stellen. Dieser Antrag, der von einem bestimmten Anteil vonWahlberechtigten unterzeichnet sein muss, wird Bürgerbegehren genannt. Auf Landes- bzw. Bundesebene wird dieses Verfahren alsVolksbegehren bezeichnet.

Das „Initiative-übernehmen“ zeigt Wirkung. Die Menschen, die sich nichts ahnend der Chat-Gruppe angeschlossen haben, glauben schlicht einen sehr engagierten Nutzer vor sich zu haben.

Danke ****** das du dich für uns schlau gemacht hast.

Sehr engagiert die ******. 😄👏👏👏

Der Trojaner hat an dieser Stelle bereits zugeschlagen. Die meisten Mitglieder erkennen nicht, dass das einzige Ziel dieser digitalen Zusammenkunft, die Hetze gegen die Flüchtlingsunterkunft ist. Dabei wäre es dem aufmerksamen Beobachter bereits in dieser Phase möglich, die rassistische Intention zu erahnen. Denn jede scheinbar neutrale Information wird generell mit Ängsten und Zweifeln verknüpft, wie in diesem Beispiel.

Also es wäre schön, wenn ihr dort zahlreich erscheint (zum Rathaustermin, Anm.d.Red.) Des Weiteren wäre es sinnvoll eine Bürgerinitiative zu gründen, allein aus dem Grund, dass ich nicht annehme, dass die Köpfe des Stadtrats Erfurt von sich aus etwas dagegen tun. Das ist jetzt noch nicht hundert Prozent beschlossene Sache, es ist im Auge dieses ganze Baumarkt Projekt dort. Und wenn jetzt keiner was dagegen sagt oder wir nicht sagen. wir würden uns auch dagegen wehren, werden am 1.10 die ersten 400 Leute einziehen und dann geht das recht schnell. Und dann bleibt das auch, und das bleibt auch nicht nur ein halbes Jahr, sondern das geht über Jahre. (Auszug Sprachnachricht)

 2. Angst – „Ruhig zeigen, dass wir besorgt sind“:

Der Trojaner wurde erfolgreich in Linderbachs Netzwerk platziert. Nach der Eröffnung folgt nun die Angst- und Panikmache. Statt direkter Hetze werden die Anwohner für den offenen Rassismus erst einmal vorbereitet. Den rechts gesinnten Moderatoren der Gruppe ist bewusst, dass ein zu plumpes Vorgehen abschreckend auf die meisten Mitglieder wirken würde. Daher steigern sie sich langsam.
Im folgenden Beispiel suggerieren sie, dass die Linderbacher ihre „echten Ängste“ (noch) unterdrücken würden:

Es wäre nett wenn ihr ehrlich eure Angste und Bedenken äussern würdet, welche unter anderem in die Begründung zur Unterschriftensammlung sollen. Zb. …auch fürchten wir, als Anwohner Linderbachs einen enormen Wertverlust unserer Immobilien…Oder Die dezentrale Unterbringung einer solchen Masse an Flüchtlingen in der keinen Gemeinde Linderbach ist nicht tragbar.

Den Anwohnern werden die „Ängste“ vorgekaut und fein portioniert vorgelegt. Immer wieder werden Argumente gegen eine Flüchtlingsunterkunft vorformuliert, wiederholt und eingebläut. In das gleiche Horn stößt diese Nachricht, dessen Autor sich der Ironie anscheinend nicht bewusst ist:

Wir müssen mit mind 50 Mann aufkreuzen(bei der Infoveranstaltung, Anm.d.Red.)…sonst nimmt uns keiner ernst….und nicht zu nett sein…ruhig zeigen,dass wir besorgt sind.

Der Übergang von Angstmache und rassistischer Hetze ist fließend. Die Angst diene als Türöffner und soll den offenen Rassismus verharmlosend ummanteln:

„Ich denke es geht hier nicht um Hetze. Das ist auch nicht meins. Es sind Ängste. Meine Tochter 16 Jahre wurde letzte Woche von einer Gruppe …..auf dem Anger belästigt. Komm her Du blonde Schlampe…küss meine Füße Du Deutsche Schlampe. Jetzt habe ich Ihr Pfeffersprah mitgegeben. Das sind meine Ängste. Die echten Flüchtlinge denen es schlecht geht machen dies bestimmt nicht.

3. SPAM

Besonders auffällig ist der Spam mit Bildern und Links, die von bestimmten Einzelpersonen gesendet werden. Local Times wird diese Bilder nicht veröffentlichen. Es handelt sich dabei um Abbildungen von vermüllten Wiesen, kaputten Fenstern und eingeschlagenen Autoscheiben. Es sind die gleichen Fotos, die bei Facebook bereits gegen andere Flüchtlingsunterkünfte eingesetzt und gepostet wurden. Sie zeigen weder eine nachweisbare, noch identifizierbare Situation in den Heimen, sondern dienen ausschließlich der visuellen Unterstützung für den vermeintlichen Untergang des Abendlandes. Diese Dateien werden entweder unkommentiert zwischen die Chatnachrichten eingefügt oder gezielt zur Panikmache eingesetzt:

Damit ihr euch ein Bild machen könnt was letzte Woche in Suhl abging..

Solche Bilder dienen dem Aufbau einer fremdenfeindlichen Stimmung in der Gruppe und nicht für eine gezielte Beweisführung. Sie sollen das Gesagte und Geschriebene unterstützen, und die „Emotionen“ ansprechen. Zu seinen „echten“ Ängsten stehen. Auch das unterstützten die Flüchtlingsgegner bildhaft:

IMG-20150826-WA0018
Auch Memes dienen der Hetze

4. Rassismus:

Dieses Vorgehen zeige Wirkung und ermutigt andere Gruppenmitglieder zu offenem Rassismus:

Der Globus Markt wird mit extremen Mehraufwand an Security etc seinen Markt versuchen zu schützen! Denn sonst wird der Laden leer geklaut.

Einkaufen oder einklauen😉

 Der Klassiker, dass Ausländer Arbeitsplätze wegnehmen, fehlt natürlich nicht:

Die Firmen im Gvz werden teilweise nichts dazu sagen weil z b. Zalando nur darauf wartet das der Asylantrag bewilligt wird. Die Flüchtlinge aus den Unterkünften in die Gemeinden ziehen und arbeiten dürfen.

Und natürlich die Kinder:

Beschäftigungsmöglichkeiten (für Flüchtlinge, Anm.d. Redaktion) bei uns: der örtliche Spielplatz unser KIndergarten ist direkt daneben😡😢😩

 Ich habe echt Angst um alle Frauen,kinder.. Unser Dorf

Die Firmen Zalando und Redcoon im anliegenden Gewerbegebiet stehen unter Verdacht, Flüchtlinge zu mögen:

Auxh Redcoon beschäftigt Menschen die kein Wort deutsch können, genau wie Zalando kann man es doch dort sparen

5. Gleichschaltung:

Nachdem die Stimmung der Gruppe gezielt nach rechts abdriftete, melden sich die ersten vorsichtigen Gegenstimmen zu Wort:

-Tut mir leid, ihr seid für meinen Geschmack echt zu krass😳

-Zu Krass in wie fern ?

-Hä?!

-Jeder kann selbstverständlich aus der Gruppe austreten!

-******, kannst du das auch begründen?

-Zu krass ? Diese Aussage versteh ich nicht!! Hier wird versucht Linderbach vor dem zu bewahren was zum Beispiel Suhl oder auch anderen Gemeinden wiederfahren ist!! Also ich finde es klasse das sich eingesetzt wird!

-Ich auch!!!

-Schade dass das nicht alle so sehen

******** hat ********** entfernt

Die „Rechtfertigung“ folge auf den Fuß:

„Meine Lieben, ihr müsst nicht mehr die ****** danach fragen, weil sie soeben aus der Gruppe entfernt worden ist. Das ist auch absolut nichts Persönliches und ich bin da auch nicht eingeschnappt oder so, nicht dass man das dann denkt. Nur das soll hier ’ne Bürgerinitiative werden, wo die Leute auch dahinter stehen. Und wenn das einigen schon zu krass ist, dann sollen die auch nicht unbedingt, in meinen Augen, mitwirken, weil man soll schon hinter der Sache stehen.“

Was wir hier drastisch als „Gleichschaltung“ bezeichnen, ist ein Zustand, in dem eine gefühlte rechte Mehrheit errungen ist und Gegenstimmen aussortiert werden.

6. Der Vorhang fällt

Das Hinzufügen von Enrico Biczysko, dem Erfurter NPD-Stadtrat, mache gegen Ende des Chatverlaufs deutlich, wessen Geistes Kind die WhatsApp-Gruppe ist. Sein Auftauchen rechtfertigen die Flüchtlingsgegner mit dem angeblichen „Expertenwissen“ Biczyskos:

Ich habe jetzt mal jemanden hinzugefügt der im Erfurter Stadtrat sitzt und euch versichern kann was in den nächsten Monaten und im nächsten Jahr an Zahlen auf Erfurt zukommt.

 Biczyskos Expertise:

Euch ist bekannt das der “ Flüchtlingsansturm“ erst beginnt und ihr eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung in Linderbach bekommt?

 In Thüringen sind 800 Asylanten abzuschieben. 

Im Fall Linderbach überzeugt der Auftritt des NPD-Mitglieds die Gruppe nicht. Daher wird er nach wenigen Nachrichten von der Gruppen-Initiatorin schnell wieder entfernt. Zugleich macht der NPD-Mann vielen schweigenden Mitgliedern deutlich, in was für einem Umfeld sie sich befinden. Solche offen rechtsextremen Situationen im Chat erzeugen immer wieder deutliche Gegenstimmen:

Also… Auch ich möchte mich jetzt mal zu Wort melden. Ich habe den Chatverlauf jetzt einen ganzen Tag lang verfolgt und bin bestürzt über die zunehmende Härte und Radikalisierung eurer Aussagen! Für wen soll denn der Zaun und die Security angeschafft werden? Zum Schutz der Linderbacher vor den Asylanten oder zum Schtz der Asylanten vor den Linderbachern? Glaubt ihr denn wirklich, dass eure Kinder und Frauen überfallen, vergewaltigt und ausgeraubt werden? Dass euch euer Besitz und eure Berufe genommen werden und zu aller Letzt dann die Tankstelle in die Luft gesprengt wird!? Ist es echt das, wovor ihr Angst habt? Grade die letzten Beiträge schüren doch nur  Angst und Hass und sind z.T. auch sehr unsachlich. Nur ein Beispiel von einem Herren gestern „einkaufen oder einklauen?“  Ich geh mal ganz stark davon aus, dass sich kaum jemand hier schon je mal die Mühe gemacht hat, einen Flüchtling kennenzulernen oder sich mit einem zu unterhalten. Viele Fragen wären dann vielleicht beantwortet. Z.B. warum es fast nur Männer sind, die hier ankommen… wer das ernsthaft wissen will, sollte sich einfach mal in einem persönlichen Gespräch informieren. Natürlich sehe auch ich die Probleme, die damit verbunden sind, aber die Art und Weise hier grenzt wirklich beinahe schon an eine Hetzkampagne.

Die Erkenntnis

Ziel dieser WhatsApp-Gruppe war es, eine „Bürgerinitiative Linderbach“ gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft zu gründen. Der unscheinbare Name ist dabei ebenso Programm, wie das Vorgehen innerhalb der WhatsApp Gruppe. Die Anwohner sollten aufgewiegelt werden, um dann stimmungsgeladen in der Bürgerinformations-veranstaltung ihre „Meinung“ herauszubrüllen. So wie es bereits bei anderen Terminen in Erfurt schon zu beobachten war. Die Rechtsextremen versuchen das angstbeladene und rassistische Potential für sich zu nutzen. Darüber hinaus machen sie sich die Ängste von uninformierten Bürgern zu nutze und verstärken diese bis sie schließlich in Fremdenfeindlichkeit münden.

WhatsApp entwickelte sich von einem Messenger zu einem sozialen Netzwerk. Die Nutzer tauschen sich gerne in den Gruppen mit Freunden und Bekannten aus. Das Beispiel Linderbach zeigt, dass neben Facebook, auch WhatsApp eine Plattform zur Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit sein kann. Die Qualität der Propaganda ist dabei höher als auf Facebook, da die Botschaften nicht an ein großes Publikum „gestreut“ wird. WhatsApp ist zudem unvermittelter. Bürger werden gezielt ausgewählt, zum Chat hinzugefügt und mit Vorurteilen bearbeitet. Unter dem Mantel von Bürgerinitiativen-, Nachbarschafts- oder Vereins-Chats missbrauchen Rechtsextreme auch den WhatsApp-Messenger für ihren Menschenfang.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*