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Homophobie ist heilbar

Auf dem Bahnhofsvorplatz sollte am Samstag die Demonstration zum Erfurter Christopher Street Day beginnen. Aus größerer Distanz war, außer einem bunt geschmückten LKW mit lautstarker Musik, von Menschen nicht viel zu erkennen. Diese flüchteten lieber vor den heißen Temperaturen der Mittagssonne in den Schatten des Bahnhofsgebäudes. Das Thermometer zeigte über 30° Celsius im Schatten, doch als die ersten Ansagen von Jenny Renner aus dem Lautsprecherwagen schallten, sammelten sich einige Hundert Teilnehmer an dem reich verzierten Laster. „Homophobie ist heilbar“ war in großen Buchstaben darauf zu lesen. Die Leute tanzten dem LKW hinterher, der sich nun in Bewegung setzte. Manche pusteten Seifenblasen in den Erfurter Himmel, andere trugen Kostüme oder Regenbogenfahnen als Röcke. Die Route der Demonstration verlief vom Bahnhofüber den Anger bis zur Staatskanzlei. Nach kurzen Kundgebungen ging es über den Domplatz und Fischmarkt zurück zum Anger, wo ein Straßenfest mit vielen Ständen auf die Teilnehmer wartete.

Hochzeit auf dem Bauamt

Viele Menschen bestaunten den Demonstrationszug vom Straßenrand oder vom Fenster aus, viele klatschen Beifall oder schossen Fotos. Der Christopher-Street Day in Erfurt ist anders als in Köln oder Berlin, wo auf den bunten Parade-Wagen halbnackte Tänzer und Tänzerinnen Partystimmung verbreiten. In Erfurt ist der CSD politischer und so hielt die Demo an der Staatskanzlei für eine Kundgebung. Jenny Renner stellte in einer Rede verschiedene Forderungen auf, die verdeutlichen, dass das große Ziel der Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist:

In Deutschland ist die „Lebenspartnerschaft“ eine Ehe zweiter Klasse. Auf Landesebene konnten die Verwaltungen selbst entscheiden, wo sich Paare „verpartnern“ lassen durften. In Thüringen schickten – offensichtlich homophobe Beamte – die Heiratswilligen aufs Bauamt. Hier sollten Homosexuelle ihre Lebenspartnerschaft eintragen lassen. Das Standesamt blieb den „richtigen“ Eheschließungen vorbehalten. Eine klare Forderung des Erfurter CSD, ist daher die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Auch auf die Diskriminierung schwuler Männer bei der Blutspende, wies Jenny Renner hin. Wer Blut spenden möchte, muss seine Homosexualität vor dem Arzt verschweigen. Schwule gelten immer noch als risikobehaftet. Um solche Absurditäten in Zukunft zu verhindern, solle im Artikel 3 des Grundgesetzes das Verbot von Diskriminierung aufgrund sexueller oder geschlechtlicher Identität aufgenommen werden.

Ähnlich düster verhält es sich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit in Bezug auf die bunte Minderheit. Sogenannte „Rosa Winkel Häftlinge“ wurden für ihr Leiden in den deutschen Konzentrationslager nie entschädigt. Bislang sind sie nicht mal als Verfolgtengruppe anerkannt. Im Gegenteil, in der BRD und der DDR wurden die Paragraphen 175 und 175a der Schwulenverfolgung nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen. Noch im Jahr 1994 wurden 44 Menschen aufgrund dieser Gesetze verurteilt.

Die Demo setzte nach der Kundgebung ihren Weg durch die Innenstadt fort. Am Dom vorbei, wo es ein paar lautstarke Grüße an das katholische Institut gab, führte der LKW den Zug fröhlicher Menschen zum Fischmarkt. Hier wurde den Stonewall-Aufständen gedacht, die 1969 in New York die Gay Pride Bewegung los traten und denen die Christopher Street Days auf der ganzen Welt gewidmet sind.

Auf dem letzten Stück des Weges heizte der DJ den Demonstranten noch einmal ein, so dass eine jubelnde Menge den Anger erreichte. Das Straßenfest, das hier vorbereitet war, sorgte mit einer Travestieshow und Livemusik für einen gelungenen Abschluss. Auch Jenny Renner zog ein positives Fazit und bedankte sich bei den vielen Demonstranten, die trotz der Hitze auf die Straßen gegangen waren:

„Es war richtig schön bunt und es waren viele verschiedene Menschen da, auch Heterosexuelle, was mich sehr gefreut hat. Wir hatten jede Menge Spaß und haben vor der Staatskanzlei unsere Forderungen verlesen. Es war ein erfolgreicher CSD und ich danke allen, die das möglich gemacht haben.“

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