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Homosexualität – „Das sittliche Neutrum“

Irland hat es vorgemacht, jetzt soll Deutschland nachziehen. Die Homoehe wird heute in vielen Teilen der Gesellschaft vehementer gefordert denn je. Doch es gibt auch Widerstand von religiösen Konservativen, deren Lebenswirklichkeit mit zwei sich küssenden Männern nicht vereinbar ist. Local Times sprach – trotz aller Vorbehalte – mit dem Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr. Ein Einblick in die katholische Sicht der Dinge. 

Herr Neymyr mal angenommen: Ein Mann kommt zur Beichte in die Kirche. „Vater vergib mir, ich bin ein Sünder, ich bin schwul.“ Wie würden Sie ihm als Beichtvater antworten?

Ich würde ihm antworten, dass die homosexuelle Neigung, die er empfindet, kein Anlass ist zu beichten. Die Frage ist, wie er sie lebt, aber die homosexuelle Veranlagung selbst ist weder böse noch gut.

Also ist Homosexualität ihrem Verständnis nach kein Sündenfall mehr?

Das ist nicht nur mein persönliches Verständnis, sondern das ist auch das Verständnis der katholischen Kirche. Die Kirche differenziert zwischen der Veranlagung, die ein Mensch hat, und der Art und Weise, wie er oder sie diese Veranlagung praktiziert.

Homosexualität ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Politiker, Sportler, Musiker, Künstler und viele andere Personen des öffentlichen Lebens outen sich, es gibt Rainbowpartys, Straßenumzüge, selbst die Unterhaltungsindustrie bedient sich des Themas, weil es hip ist. Wie beurteilen Sie diese gesellschaftliche Entwicklung?

Auf der einen Seite führt das zu einer Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlich veranlagten Menschen, die ja lange Zeit diskriminiert und verfolgt wurden. Andererseits habe ich aber auch den Eindruck, dass es eine übergroße Fixierung auf dieses Thema gibt. Das Pendel ist sozusagen zurückgeschwungen und ist jetzt im entgegengesetzten Extrem. Homosexualität wird so sehr in den Mittelpunkt gestellt, dass fast der Eindruck entsteht, es sei die Mehrheit der Bevölkerung.

(Foto: Bistum Mainz)
(Foto: Bistum Mainz)

Rechts-Konservative sagen, in Berufung auf die christlichen Werte, die Gesellschaft würde „verschwulen“. Würden Sie das bejahen?

Nein das würde ich so nicht bejahen. Ich habe Respekt vor Menschen, die im öffentlichen Leben stehen und die auch einmal sagen, dass sie gleichgeschlechtlich veranlagt sind. Sie sollten es aber nicht vor sich hertragen. Wir sind mittlerweile in einer Gesellschaft angekommen, die Homosexualität längst toleriert.

Vor sich hertragen – das machen heterosexuelle Paare ja auch, wenn sie Händchen haltend durch die Straßen laufen…

Ich frage mich grundsätzlich, was es bedeutet, wenn sich Paare – gleich welcher Geschlechtlichkeit – öffentlichen küssen und Zärtlichkeiten austauschen. Ich frage mich, ob das nicht in den Raum des Intimen gehört.

Viele Homosexuelle, die religiös erzogen worden sind, berichten davon, dass sie in einem Widerspruch zwischen ihrem Glauben und ihren sexuellen Neigungen leben. Häufig führt das zu Depressionen oder soziale Phobien. Ist die katholische Religion für diese Menschen zu einer Last geworden?

Das mag wirklich für den ein oder anderen so sein, weil es den meisten nicht geläufig ist, dass die gleichgeschlechtliche Veranlagung für die Kirche ein sittliches Neutrum ist. Dadurch entsteht der Eindruck – der falsche Eindruck –, dass sie als gleichgeschlechtliche Menschen in der katholischen Kirche nicht willkommen sind. Dem ist aber nicht so.

Im Mai hat das erzkonservative Irland durch einen Volksentscheid die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt. Der Kardinalsstaatssekretär Pietro Parolin bezeichnete dies als „Niederlage für die Menschheit“ …

Ich hoffe nicht, dass es eine Niederlage für die Menschheit ist. Aus der Sicht des katholischen Eheverständnisses ist es aber so, dass die Kirche eine gleichgeschlechtliche Beziehung nicht der Ehe gleichsetzen kann. Für die Kirche ist es konstitutiv, dass die Ehe offen ist für Kinder, und um Kinder zu zeugen, sind noch immer ein Mann und eine Frau notwendig.

Was halten Sie von Patchworkfamilien, in die homosexuelle Paare ihre Kinder mit einbringen?

Da sprechen wir von Kindern, die bereits geboren sind und zwar in einer heterosexuellen Beziehung. Für gleichgeschlechtliche Paare sind Kinder nur möglich durch Leihmutterschaft oder durch künstliche Befruchtung, und beides halte ich für moralisch bedenklich. Während bei der Leihmutterschaft das Kind der leiblichen Mutter vorenthalten wird, werden bei der künstlichen Befruchtung mehrere Eizellen befruchtet, von denen allerdings nicht alle implantiert werden.

Haben Sie Angst davor, dass die Homoehe die Heteroehe entwertet?

Nach katholischem Verständnis muss die Ehe für Kinder offen sein, und das ist in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung eben nicht möglich. Um hier auch die Besonderheit der Ehe zu wahren, wird die katholische Kirche diesen Standpunkt auch nicht aufgeben.

Sie argumentieren da überraschend biologisch, denn es gibt ja auch heterosexuelle Männer und Frauen, die nicht in der Lage sind, Kinder in die Welt zu setzen, aber trotzdem heiraten dürfen.

Ja, ich argumentiere da durchaus biologisch. In der Kirche nennen wir das naturrechtlich. Das heißt, wir schauen, wie die Natur die Welt eingerichtet hat, und darin sehen wir sittliche Vorgaben des Schöpfergottes. Die Natur ist also ein Hinweis darauf, wie Gott sich das Zusammenleben vorstellt. Und wenn ein Paar von Natur aus keine Kinder bekommen kann, dann ist das ein Sonderfall, der dann aber auch von der Natur vorgegeben ist.

Evolutionsbiologen sehen aber auch in der Homosexualität einen natürlichen Zweck bzw. Vorteil. Der Mensch ist ein soziales Wesen – so die Argumentation – und als Bestandteil einer Gesellschaft können Homosexuelle, auch wenn sie selbst keine Kinder zeugen, für den Fortbestand der Rasse sorgen, indem sie ihre Familienmitglieder unterstützen.

Es gibt immer wieder neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse, und meines Wissens gibt es da verschiedene Erklärungsversuche. Damit beschäftigen sich in der katholischen Kirche die Moraltheologen.

Aber gibt es dann eine katholische Erklärung, warum Menschen homosexuell sind?

Nein, es gibt keine Erklärung der katholischen Kirche dafür. Deswegen ist die Kirche da sehr aufmerksam, was für verschiedene Erklärungsversuche der Naturwissenschaften es gibt.

Gut dann noch eine abschließende Frage, denn Gott liebt ja alle Menschen. Liebt er aber auch die Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuellen und auch die Transgender?

Ja, da bin ich mir ganz sicher. Gott liebt jeden Menschen, so wie er ihn vorfindet.

Vielen Dank für das Interview!

 

AK

 

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Erfurt im Licht des Regenbogens – Interview mit Jenny Renner, Vorstandsmitglied des LSVD Thüringen e.V., über den CSD 2014

Homophobie ist heilbar – Bericht vom CSD 2014

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