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Jobbörse für Flüchtlinge Arbeitsmarkt

Es könnte so einfach sein: Die Arbeitslosenzahlen sinken weiter, rund 20.000 Arbeitsplätze sind unbesetzt, Unternehmen suchen händeringend nach fähigen Auszubildenden und gleichzeitig kommen im Zuge der Flüchtlingskrise viele tausend arbeitswillige, junge Menschen nach Thüringen. Doch so leicht ist es bekanntlich nicht, die Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Woran fehlt es? Was sind Problemfelder und welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Auf der Suche nach Antworten besuchte Local Times gestern die Jobbörse für Flüchtlinge bei der IHK.

Zusammen mit der Handwerkskammer hatte die IHK in ihre Hallen eingeladen und mehrere hundert Leute waren gekommen. Unter die zahllosen Anzug- und Würdenträger der Thüringer Wirtschaft und Politik mischten sich dabei viele Flüchtlinge in Jeans und Kapuzenpulli. Ein skurriles Szenario, dass sich kurz nach der Eröffnung durch IHK Chef Gerald Grusser und Ministerpräsidenten Bodo Ramelow auseinanderdividierte.

Parallele Veranstaltungen, parallele Welten

Während sich die Chefs und Spitzenpolitiker in den großen Veranstaltungssaal des Hauptgebäudes zurückzogen, um über Wirtschaft, Politik und die großen Fragen der Integration zu diskutieren, besuchten die Flüchtlinge die Jobbörse im Atrium des neuen Nebengebäudes, dem ThEx (Thüringer Zentrum für Existenzgründung und Unternehmertum). Räumlich machte die Trennung der Veranstaltungen natürlich Sinn, andererseits versinnbildlichte es auch die Probleme der deutschen Gesellschaft: Die einen reden darüber, wie die anderen zu integrieren seien. IHK-Chef Grusser brachte es in seiner Begrüßungsrede – auch wenn seine Intention eine völlig andere war – auf den Punkt:

Während also Unternehmer, Institutionen, Hochschulen nebenan den direkten Kontakt mit den Asylsuchenden aufnehmen und ihre Angebote für Qualifizierungen, Jobs und Ausbildungen vorstellen, wollen wir mit Ihnen, mit Politik, mit Arbeitsagentur, mit Verbänden und Gewerkschaften den Dialog führen, über die Rahmenbedingungen der Integration von Flüchtlingen.“

Integration gemeinsam gestalten

Auf die einleitenden Worte Grussers folgten im durch Medien-, Politik- und Wirtschaftsvertreter prall gefüllten Veranstaltungssaal lange Redebeiträge von Arbeitsministerin Heike Werner und Kay Senius, dem Vorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit in Thüringen. Der Höhepunkt war sicherlich die Rede von Ministerpräsident Bodo Ramelow, der den Nagel auf den Kopf traf, als er ankündigte, dass diese Veranstaltung nur ein Anfang sein könne. Die Hausaufgaben seien erst noch zu machen:

 

Das verheißungsvolle Motto der Veranstaltung „Wirtschaft trifft Politik – Integration gemeinsam gestalten“, löste sich leider ziemlich schnell in einen Politik- und Wirtschaftstalk auf, wie man ihn aus der ARD am Sonntagabend kennt. Die Integration der Geflüchteten in das Gespräch blieb währenddessen oberflächlich und hatte eher den Charakter einer Vorführung: So wurden drei Flüchtlinge, als erfolgreiche Integrationsbeispiele vorgestellt und beklatscht.

Es war eine Veranstaltung ohne Widerstände, die bis zum Schluss ergebnis- und bisslos blieb. Moderatorin Blanka Weber stellte wohlgefällige Fragen und moderierte über die durchaus vorhandenen Diskussionspunkte zwischen den Wirtschaft und Politik hinweg. Zum Beispiel meldete sich Bernhard Helbing, seines Zeichens Geschäftsführer der TMP Fenster und Türen GmbH, sehr energisch zu Wort und wetterte gegen die Einführung des Mindestlohnes, der jedwedes Leistungsbezogene Lohngefüge zerstört hätte.

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Die Diskussionsrunde, v.li.n.re.: K. Hengstermann, H. Werner, B. Helbing, W. Blanka, W. Tiefensee, K. Senius

Arbeitsministerin Heike Werner umschiffte den Einwand Helbings: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich für 200.000 Thüringer das Lohnniveau verbessert haben. Die Zahlen sprechen also eine andere Sprache.“ Moderatorin Weber beließ es dabei und verlagerte das Gespräch, anstatt nachzubohren oder die Problematik Mindestlohn in Bezug auf Flüchtlinge in der Arbeitswelt zu thematisieren.

Denn Sie wissen nicht was sie (hier) tun

So halbherzig wie die Diskussion blieb auch die Jobbörse im Nebengebäude. Einige hundert Flüchtlinge waren gekommen, standen aber größtenteils planlos in der Gegend herum und freuten sich über kostenlose Getränke. Ein Übersetzerteam in orangen Shirts sollte für die nötige Kommunikation sorgen, musste aber immer wieder grundlegende Fragen beantworten wie: Was soll ich hier?

Viele wissen gar nicht, was sie hier eigentlich tun. Sie sprechen noch kein Deutsch und haben keine Aufenthaltsgenehmigung, sie können also gar keinen Job anfangen.“

Erklärte einer der Übersetzer auf Nachfrage gegenüber Local Times. Natürlich kamen die rund 30 Unternehmen trotzdem mit den Flüchtlingen ins Gespräch und tauschten ein paar Informationen aus. Richtig ergiebig war das aber nicht und so verwunderte es auch nicht, als die IHK die Jobbörse schon eine Stunde früher für beendet erklärte.

Natürlich lässt sich mit einer solchen Veranstaltung nicht die Welt aus den Angeln heben und natürlich sollte man nicht erwarten, dass sich für die Flüchtlinge von heut auf morgen etwas ändert, nur weil sie bei der IHK zur Jobbörse gehen. Aber mehr als eine Prestige-Veranstaltung, war das ganze nicht.

 

Text & Fotos: Andreas Kehrer
2.12.2015

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