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Kampf um neue Wände OQ Paint

In der politischen Debatte über Graffiti heißt es immer wieder, dass illegale Schmierereien durch legale Wände verhindert werden könnten. Wie viele Hindernisse es jedoch für legale Graffiti-Projekte in Erfurt gibt, zeigen die drei, für den Herbst 2016 geplanten Wände von OQ Paint.

OQ Paint steht für großflächige Mural Art-Kunstwerke, die kahle Brandschutzwände in farbgewaltige Freiraumgalerien verwandeln. Die Bilder der Graffiti-Künstler CASE, Doktor Molrock und des Team Members sind in Erfurt längst beliebte Fotomotive geworden und geben der Stadt einen jungen, alternativen Anstrich. Seit 2012 setzen sich Björn Schorr und Felix Schwager, die beiden ehrenamtlichen Initiatoren von OQ Paint, für Mural Art-Projekte in der Thüringer Landeshauptstadt ein. Zählt man die Wall am Strandgut hinzu, haben sie seither vier Wände realisieren können. Eine Wand pro Jahr also – klingt wenig, oder? Ist es auch, findet sogar Felix:

Wir hatten uns das auch leichter vorgestellt. Aber in Erfurt hat sich schnell herausgestellt, dass das alles mit sehr vielen Auflagen und sehr viel Überzeugungsarbeit verbunden ist. Wir haben 2012 angefangen und 2014 ist die erste Wand entstanden. Das sagt eigentlich schon alles.“

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Welt- und Kunstverschlossen

Und es sagt vor allem viel über Erfurt aus. Seit der Jahrtausendwende hat sich Graffiti zunehmend als moderne Kunstform etabliert. Künstler wie Banksy, Sheppard Fairey oder Eduardo Kobra eroberten erst die Straße und dann den internationalen Kunstmarkt. Zeitgleich mutierten Mural Art-Festivals weltweit zu regelrechten Besuchermagneten. Das negative Image, das Graffiti einst hatten, haben sie vielerorts abgeschüttelt. Längst werden sie als gestalterisches Element begriffen und in die Stadtplanung einbezogen. Im schottischen Glasgow beispielsweise mischen sich großflächige Wandmalereien in die mittelalterlich und industriell geprägte Innenstadt. 2008 begann hier das Umdenken und die Stadt gab immer mehr prominente Wände für urbane Kunst frei:

The street murals are helping to rejuvenate streets and revitalise buildings and vacant sites that look a bit tired, reincarnating them as beautiful pieces of public street art“

heißt es in einer Broschüre, mit der Glasgow heute Werbung für Mural Art-Touren durch die Innenstadt macht. Die schottische Metropole ist ein gutes Beispiel dafür, wie mittelalterliche Architektur mit moderner Sprühdosenkunst harmonieren kann. Im welt- und kunstverschlossenen Erfurt ist das weitestgehend unvorstellbar. Hier gilt seit 1992 die Ortsgestaltungssatzung, die die Erfurter Altstadt zur mittelalterlichen Puppenstadt verdammt. Seit fast einem Vierteljahrhundert zementiert diese Satzung das Stadtbild. Darin wird das Ziel ausgegeben, „die Altstadt von Erfurt als größtem Flächendenkmal Mitteldeutschlands […] zu bewahren.“ Die Ortsgestaltungssatzung ist einer der Hauptgründe, warum OQ Paint in Erfurt bisher kaum Flächen für Kunstprojekte erschließen konnte. Björn erklärt:

Es gibt die Werbesatzung, die Altstadtsatzung und das Flächendenkmal allein für den Altstadtbereich und dazu mindestens noch 12 Sanierungsgebiete und all diese Gebiete und Satzungen haben gemein, dass bauliche Maßnahmen in diesem Raum – und unsere Wandmalereien sind demnach bauliche Maßnahmen – nur im Einklang mit dem historischen Antlitz des Straßenzuges bewerkstelligt werden können.“

Soll heißen: Bauliche Veränderungen sind nur erlaubt, wenn alles hinterher genauso aussieht, wie zuvor.

Verordneter Stillstand

Als 1992 die Altstadt als Sanierungsgebiet festgelegt wurde, ergab das Sinn. Damals half die Satzung die zu DDR-Zeiten vernachlässigten Bauanlagen wieder in Schuss zu bringen. Ohne sie wären viele Gebäude unser Altstadt sicherlich abgerissen worden und der mittelalterliche Flair verloren gegangen. Heute jedoch verhindern diese und weitere Satzungen sinnvolle Gestaltungselemente in weiten Teilen des Stadtgebietes, insbesondere im Stadtkern (Siehe Karte). Das Stadtbild unterliegt einem verordneten Stillstand.

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Die Befugnisse der Stadtverwaltung sind weitreichend. Zahlreiche Bebauungspläne und Satzungen (farbig makiert) erschweren die Mural Art-Projekte von OQ Paint. (Quelle: http://geoportal.erfurt.de/)

Für Felix und Björn von OQ-Paint bedeutet das, dass selbst wenn sich ein Eigentümer gefunden hat, der ein Wandmalprojekt an seiner Fassade unterstützt – was angesichts der Vorbehalte gegen Sprühdosenkunst schon gar nicht so leicht ist – und auch die Finanzierung geklärt ist, die Stadtverwaltung in vielen Fällen noch dazwischen grätschen kann. Das tut sie bei großflächigen Vorhaben wie denen von OQ Paint, die dem mittelalterlichen Tourismus-Liebreiz unserer Innenstadt widersprechen, fast immer. Insbesondere wenn das Wort „Graffiti“ fällt, sagt Felix:

„Wir sind inzwischen dazu übergegangen OQ Paint nicht mehr als Graffiti-Projekt zu bezeichnen. Denn wir haben gemerkt, dass der künstlerische Aspekt von OQ Paint dadurch schwer zu kommunizieren ist. Graffiti ist hier immer noch ein vorurteilsbeladener Begriff, bei dem in der Verwaltung sofort die Alarmsirenen angehen.“

Inzwischen sprechen Björn und Felix von Mural Art, auch wenn die inhaltlichen Schnittmengen mit Graffiti ziemlich groß sind. Im konservativen Erfurt braucht es diesen Euphemismus aber. Wie groß die Vorurteile gegen diese Kunstform sind, zeigt exemplarisch der Verein Stadtbild Graffiti e.V, der sich – anders als sein Name vermuten lässt – damit auseinandersetzt, wie Graffiti möglichst effektiv entfernt und bekämpft werden können.

Neue OQ-Paint Wände im Herbst 2016

All diesen Hürden zum Trotz, sind Felix und Björn dieses Jahr guter Dinge. Die langwierigen Vorbereitungen sind beinah abgeschlossen und wenn alles gut geht, entstehen noch in diesem Herbst drei Mural-Art-Kunstwerke in Erfurt. Gemalt werden sollen diese von den Künstlergruppen Vapour Trails (Weimar), Greatmade (Erfurt) und dem Künstler DXTR von der deutsch-österreichischen TheWeird-Crew. Das erste Kunstwerk wird an der Tunnelfront des Bahndamms am Schmidtstetter Knoten entstehen. Für dieses Wandprojekt konnte OQ Paint die Deutsche Bahn für eine Zusammenarbeit gewinnen. Die beiden anderen Wände sind noch in der Entwurfsphase. Hier haperte es bislang noch an der Zustimmung durch die Eigentümer. Kunstbegeisterte Hausbesitzer, die Vorschläge oder Interesse an der Gestaltung einer Giebelwand haben, sind unter oqpaint@gmail.com stets willkommen.

Text: Andreas Kehrer, Fotos: Björn Schorr und Karina Halbauer
29.06.2016

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