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Kein (Dom)-Platz für Angst

Heute morgen formten 256 Schüler die drei Symbole der monotheistischen Weltreligionen auf dem Domplatz. Diese Aktion für Toleranz, Vielfalt und kulturelles Miteinander leitete das am Wochenende stattfindende Meschugge-Festival ein. Im Vorfeld stand das Bilden einer Menschenkette auf wackligen Beinen, denn viele Schulen sagten ihre Teilnahme ab, aus Angst.

Neun Uhr morgens auf dem Domplatz: der Wochenmarkt lud wie jeden Werktag zum frühen Bummeln ein und die Erfurter Innenstadt erwachte im noch schüchternden Sonnenlicht. Etwas weiter hinter den Marktständen, Richtung Domstufen tummelten sich viele kleine bunte Jackenträger und lauschten aufmerksam der Stimme aus dem Megafon. Franziska Bracharz, Veranstalterin des Meschugge-Festivals, gab Anweisungen durch das Sprechrohr, wie sich die Kinder auf dem Areal verteilen sollten. Graues Gaffertape zierte die Pflastersteine großflächig mit den drei Symbolen der monotheistischen Weltreligionen, auf die sich die Schüler entsprechend positionierten.

Die symbolische Aktion mit dem Namen „Signs – Ein Menschenversuch“ bildete den Abschluss des Schülerprojekts „Religionen verbinden – Miteinander leben“. Zuvor gaben Lehramt-Studenten an den anfangs sieben beteiligten Schulen zwei Stunden Unterricht, um die Kinder thematisch auf diese „Demonstration ohne Worte“ vorzubereiten. Zunächst gab es ein großes Interesse von Schülern und Lehrern bei der Menschenkette mitzumachen. Zudem sollte eine Drohne, Fotos von der Aktion aus der Luft aufnehmen.

Doch Mitte der Woche drohte die Initiative zu scheitern. 500 Schüler konnten heute nicht teilnehmen, da Schulleiter und Eltern auf die Barrikaden gingen. Sicherheitsbedenken wegen der momentanen politischen Stimmung und Vorbehalte gegenüber der Projektidee veranlassten zwei große Erfurter Schulen zur kurzfristigen Absage. Auch der Drohnenpilot reagierte nicht mehr. Kurz vor der Angst entschieden sich die Veranstalter entgegen der „Bauchschmerzen“ für die Durchführung. Zweifel und Verunsicherung, beispielsweise ob das Demonstrieren von religiösem Miteinander richtig sei oder ob Nazis die Veranstaltung stören könnten, wollten sie nicht nachgeben.

Halbmond, Christuskreuz und Davidstern, symbolisiert durch hunderte Schulkinder, zeichneten heute schließlich ein anderes Bild der Erfurter Öffentlichkeit nach, anstatt „die Landeshauptstadt zum Zentrum von wachsender Fremdenfeindlichkeit“ werden zu lassen. „Die Angst hat Erfurt fest im Griff. Wir geben uns ihr aber nicht hin“, erklärte Projektleiterin Franziska Bracharz. Und sprach nachdenklich über den gesellschaftlichen Auftrag von Schulen. Kritik, die für die Regenbogenschule, Barfüsserschule, Humboldtschule, Gemeinschaftsschule am Roten Berg und der Friedrich-Schiller-Schule nicht gilt, durch die die Aktion doch noch zustande kam.

Foto und Text: Franziska Gutt

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