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Kein Tag für Blumen Frauenkampftag 2016

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Während sich die einen über Blumen am Arbeitsplatz freuen, gehen Frauenrechtler_innen an diesem Tag auf die Straße und fordern die Gleichberechtigung der Geschlechter. Auch in Erfurt plant das Frauenkampftag Thüringen Bündnis eine Aktion auf offener Straße, die von einer mehrwöchigen Veranstaltungsreihe begleitet wird.

Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? In Deutschland ist das längst keine Frage mehr, schließlich haben wir ja eine Kanzlerin. Zugegebenermaßen ist die Frau an der Spitze unseres Landes ein herausragendes Argument für eine emanzipierte, deutsche Gesellschaft, aber ganz so leicht, ist es leider nicht. Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass die Lebenswirklichkeit vieler Frauen noch immer anders aussieht. Bis heute scheint Clara Zetkin, die Begründerin des internationalen Frauentages, Recht zu behalten. In der ersten Ausgabe der SPD-Frauenzeitung „Die Gleichheit“ schrieb sie 1891:

,Die Gleichheit‘ […] geht von der Überzeugung aus, dass der letzte Grund der jahrtausendealten niedrigen gesellschaftlichen Stellung des weiblichen Geschlechts nicht in der jeweils‚ von Männern gemachten‘ Gesetzgebung, sondern in den durch wirtschaftliche Zustände bedingten Eigentumsverhältnisse zu suchen ist.

Änderte man die Gesetze zugunsten einer gleichgestellten Frau, erklärte Zetkin weiter, so bliebe ihre wirtschaftliche Abhängigkeit und damit auch ihre Ungleichbehandlung bestehen. Heute bezeichnet man dieses Phänomen als Gender Pay Gap (GPG).

Geschlecht und Beruf

Im Juni 2015 erschien der Jahresabschlussbericht „Frauen und Männer am Arbeitsmarkt 2014“ des Statistischen Bundesamtes. Daraus geht hervor, dass die Brutto-Stundenlöhne der Frauen durchschnittlich 22% unter denen der Männer liegen. Im Bericht heißt es, dass „die unterschiedliche Beschäftigung der Geschlechter nach Branchen ein bedeutender Aspekt für die im Durchschnitt geringere Entlohnung von Frauen“ ist. Demnach würden Frauen vorzugsweise im Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Bereich von Erziehung und Unterricht arbeiten. Dies seien verhältnismäßig gering bezahlte Branchen.

Sind die Frauen also selbst schuld, wenn sie sich schlecht bezahlte Berufe suchen? Auch hier sollte man es sich keineswegs zu leicht machen. Studien belegen, dass anspruchsvolle, aber als „weiblich“ empfundene Berufe, per se schlechter bezahlt werden, als genauso anspruchsvolle „männliche“ Berufe. Darüber hinaus leiden Frauen unter gesellschaftlichen Stereotypen, die sich einer OECD Studie zufolge darin äußerten, dass bestimmte Berufe „männlich“ konnotiert und dadurch für Frauen untypisch seien. Einen solchen „unfraulichen“ Beruf zu ergreifen, fällt auch heute noch vielen Frauen schwer.

Dass Deutschland bei Weitem nicht so gleichberechtigt ist, wie landläufig angenommen, zeigt sich auch im europäischen Vergleich. 2012 lag Deutschland auf dem drittletzten Platz der „Tackling the Gender Pay Gap in the European Union“-Studie. Ungerechter als in Deutschland wurden die Löhne zwischen den Geschlechtern nur in Estland und Österreich verteilt.

Demonstration in Berlin

Die Frauen haben hierzulande also allen Grund für mehr Gleichberechtigung einzutreten und sich am 8. März nicht mit Blumen zufrieden zugeben. Das Frauenkampftag Bündnis, dass sich 2014 gründete und seither an die feministische Tradition des Tages anzuknüpfen versucht, mobilisiert auch dieses Jahr eine Demonstration in Berlin, an der 2015 rund 5000 Demonstrant_innen teilnahmen.

„Dieses Jahr findet die Demonstration schon am 6. März in Berlin statt, da der 8. März auf einen Dienstag fällt. Das Thüringer Frauenkampftag Bündnis wird mit Bussen anreisen und interessierte Frauen und Männer können sich bei uns melden, um mitzufahren“

Erklärt Steffi vom Frauenkampftag Thüringen Bündnis, das aus 12 politischen Gruppen und verschiedenen Einzelpersonen besteht. Für den 8. März kündigte das Bündnis öffentliche Aktionen in der Erfurter Innenstadt und eine mehrstündige Sondersendung auf Radio F.R.E.I. an. Für die inhaltliche Auseinandersetzung gibt es in Erfurt, Jena, Weimar und Eisenach verschiedene feministische Themenabende (Siehe Programm).

Game of Thrones und Roller Derby

Für Erfurter und Erfurterinnen könnten die Veranstaltungen zur Arbeitsmarktsituation und der Emanzipation von muslimischen Frauen in Deutschland interessant sein. Außerdem wird die popkulturelle Rezeption von US-Serien eine Rolle spielen. Ist Game of Thrones etwa sexistisch oder gar feministisch? Local Times empfiehlt die Filmvorführung von „In the Turn“ (Trailer). Die Dokumentation erzählt die Geschichte des 10-jährigen Transgender-Mädchens Crystal, das unter dem Spott ihren Mitschülern leidet, bis sie in einem queeren Roller Derby Verein aufgenommen wird und Freunde findet. Den Abschluss der Veranstaltungsreihe bildet die Lesung der britischen Frauenrechtlerin Laurie Penny, die mit ihrem Buch „Meat Market“ (dt. „Fleischmarkt“) auch hierzulande für Aufsehen sorgte.

Unter dem Motto „We don’t fight for flowers“ lädt das Bündnis alle Interessierten zu den kostenlosen Veranstaltungen ein (Anmeldungen beachten) und hofft damit den Diskurs über die Gleichberechtigung der Frauen zu beleben, wie Steffi vom Erfurter Ableger des Bündnisses erklärt:

„Auch wenn wir das Wahlrecht haben und Frauen sogar hohe politische Posten besetzen, gibt es eine Reihe von Ungerechtigkeiten. Sexismus im Alltag ist immer noch ein großes Thema, genauso wie die Ungleichbezahlung und die Verteilung der Berufe. Das sind Themen die wir mit dem 8. März ins Bewusstsein holen wollen.“

 

Text: Andreas Kehrer, Bild mit freundlicher Genehmigung von Frauenkampftag Thüringen
22.02.2016

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