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Knocking on heavens door Was wird aus der Engelsburg?

Klopft die Engelsburg an die Himmelspforte? Die Nachricht, dass der Studentenclub, der seit 1968 eine Erfurter Kulturkonstante ist, möglicherweise vor dem Aus steht, sorgte gestern in den sozialen Netzwerken für Aufruhr. Erfurt ohne die Engelsburg? Für viele von uns ist das kaum vorstellbar. Tatsächlich ist der Mietvertrag seitens der Stadtverwaltung zum 31. Januar gekündigt worden.

Gestern Morgen lag bei vielen Erfurtern die neue Ausgabe des Amtsblattes im Briefkasten, die auf Seite 14 eine im Beamtensprech verklausulierte Hiobsbotschaft bereithielt: „ Aufruf zur Teilname am Interessenbekundungsverfahren Vermietung der Humanistenstätte Engelsburg in Erfurt, Allerheiligenstraße.“. Das bedeutet, dass es die Engelsburg – wie Erfurt sie seit 48 Jahren kennt – nicht mehr geben wird!

Die Kündigung kam Ende November

Seit 1990 ist die Eburg in den Händen des Studentenzentrum Engelsburg e.V., das als Rechtsnachfolger des Studentenclubs der Medizinischen Akademie auch die studentische, kulturelle Tradition fortgeführt hat, die schon 1968 begonnen wurde. Der Verein besitzt einen seit 2003 gültigen Mietvertrag, der die Nutzung des Gebäudes bis 2023 zusichert und eine Klausel über 2 mal 5 zusätzliche Jahre enthält. Theoretisch steht der geschichtsträchtige Ort dem Studentenzentrum also bis 2033 zur Verfügung. Und trotzdem flatterte dem Vorstandsvorsitzendem Markus Hirche im November letzten Jahres die Kündigung ins Haus. Hirche erklärt:

Die Stadt kündigt uns, weil wir in der Vergangenheit öfter mal unpünktlich gezahlt haben. Im Spätsommer hatten wir mehr als zwei Monatsmieten offen – was nach dem geltenden Mietvertrag ein Kündigungsgrund ist. Ende November wurde uns dann die Kündigung zugestellt.

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Markus Hirche, Vorstandsvorsitzender des Studentenzentrum Engelsburg e.V.

Diese trat am 31. Januar 2016 in Kraft. Die ausstehenden Mieten waren da längst beglichen. Persönliche Gesprächsangebote seitens der Stadt gab es keine, stattdessen trat Hirche an das Amt für Liegenschaften und an das zuständige Dezernat heran – ohne Erfolg. In einem weiteren Gespräch in der letzten Woche  wurde mitgeteilt, dass die Ausschreibung für ein neues Interessensbekundungsverfahren schon erfolgt wäre und nicht mehr zurückgezogen werden könnte. Die Stadtverwaltung stellte Hirche vor vollendete Tatsachen.

Kündigungsgrund: Mieterhöhung

Mit dieser Basta-Politik stellt die Stadtverwaltung Erfurt unter Beweis, dass ihr langjährige, gemeinnützige Verdienste egal sind. Brisant, weil das Studentenzentrum die Engelsburg mit einem kulturell vielfältigem und auf Studenten zugeschnittenem Programm bespielt, ohne dafür eine kommunale Zuschuss-finanzierung zu erhalten. Während andere Vereine und kulturelle Einrichtungen die Stadt zur Kasse bitten, zahlt die Engelsburg sogar Miete. Nicht immer pünktlich, aber regelmäßig.

Die Ausschreibung zum Interessenbekundungsverfahren lässt vermuten, worum es der Stadtverwaltung eigentlich geht. In den Anforderungen, die sie an einen neuen Betreiber stellt, heißt es:

Der neue Mieter/Betreiber

  • duldet die Nutzung der Scheune durch das Studentenwerk Erfurt- Ilmenau
  • arbeitet eng mit den Fachhochschulen/Universität der Landeshauptstadt Erfurt zusammen und organisiert gemeinsame Feste/Veranstaltungen
  • arbeitet eng mit den Vereinen „Förderverein Humanistenstätte Engelsburg e.V.“ sowie „Förderverein Engelsburg – die ALTE(N) e.V.“ zusammen
  • bietet ganzjährig ein abwechslungsreiches und umfangreiches kulturelles und literarisches Angebot an.“

Im Prinzip könnte das die Tätigkeitsbeschreibung des Studentenzentrums Engelsburg e.V. sein. Der einzige signifikante Unterschied zu den aktuellen Betreiberkonditionen ist der Mietpreis. Aktuell zahlt der Verein rund 4200 Euro, künftig sollen es mindesten 5000 Euro sein, was einer Preissteigerung von 20 % entspricht. Mit der Kündigung möchte die Stadtverwaltung eine Mieterhöhung durchpeitschen.

#IchbinEburger

Markus Hirche und der Verein möchten diese Kündigung rechtlich prüfen lassen. Bis zur endgültigen juristischen Klärung möchte er den Betrieb mit seinen 18 Angestellten und 40 Aushilfskräften wie gewohnt weiterführen.

Unser Anwalt ist der Meinung, dass die Kündigung aus verschiedenen Gründen unwirksam ist, auf die ich hier nicht weiter eingehen kann. Insofern werden wir unsere Geschäfte ganz normal weiterführen, denn das sind wir auch unseren Kunden schuldig, mit denen wir schon Verträge abgeschlossen haben.

Hirche möchte weitere Gespräche mit der Stadt führen, um eine Lösung zu finden und eine mögliche Räumungsklage zu vermeiden. Außerdem möchte das Studentenzentrum Engelsburg e.V. eine Bewerbung für das Interessenbekundungsverfahren einreichen, um im Falle einer Niederlage vor Gericht, auf diesem Wege die Eburg weiter betreiben zu dürfen. Hierfür sammelt der Verein nun Unterstützerunterschriften. Die Petition, die sich unter dem #IchbinEburger schnell verbreitete, hat 24 Stunden nach ihrer Veröffentlichung bereits über 700 Unterzeichner gefunden und es sollen noch viele hinzukommen:

Aufbauend auf dem guten Feedback der Petition, werden wir in den kommenden Wochen Veranstaltungen machen, die zeigen sollen, was hier alles geboten wird. Wir wollen die Leute überzeugen, uns zu unterstützen und ein Zeichen zu setzen, dafür, dass die Engelsburg so bleiben darf wie sie ist.

 

Text: Andreas Kehrer, Fotomontage: LTE.

2 Kommentare zu “Knocking on heavens door Was wird aus der Engelsburg?

  1. Die E-Burg als lebendiges – und nicht nur auf geduldigem Konzeptpapier stehendes!!! – Zentrum einer Kultur der Begegnung von Menschen mit ihren unterschiedlichen Stilen, Traditionen und Herkunftswelten und großen Neugier auf mitmenschliche Welterschließung lebt nicht nur vom Gebäudeensemble mit seiner besonderen Geschichte als Humanistenstätte, sondern von den stabilen Vernetzungen vielfältigster kreativer Köpfe, Initiativen und Institutionen, die es ohne Markus Hirche & seinem engagierten Team nicht gäbe!

    Andere könnten noch so sehr behaupten, in diese Fußstapfen treten zu wollen. Von diesem Team wissen wir, dass Sie tatsächlich die Einnahmen aus der Gastronomie zur Querfinanzierung des reichen kulturellen Angebots nutzen. Und das obwohl qualitativ hochwertige Speißen aus der Region zu Preisen angeboten werden, die auch für studentische Geldbeutel erschwinglich sind.

    Und dazu kommt, dass wir hier nicht nur ein boomendes Zentrum Erfurter Willkommenskultur haben – welches in der aktuellen Situation noch zusätzlich an Bedeutung ob seiner Inklusionsangebote (Cafe International etc. p.p.) gewonnen hat, sondern auch einen Ort an dem verstanden wird, dass Mitmenschlichkeit nur gelebt werden kann, wenn es klare Spielregeln gibt und Rassismus und alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit konsequent die rote Karte gezeigt bekommen.

    Ich habe selbst mit großer Bewunderung für die Zivilcourage einer Mitarbeiterin erlebt, die drei bullige Nazis sofort abkassierte und aufforderte, umgehend das Lokal zu verlassen. Chapeau!

    Auch die beispielhaft nachhaltige Ausbildung von Mitarbeiter_innen – die eine Ausbildung zur Verantwortungsübernahme ist und einen besonderen Standard des fairen Umgangs miteinander in der Gastronomie setzt gehört mit zu dem, was den besonderen Flair und Geist dieses Ortes ausmacht.

    Durch „Abkupfern“ ganzer Passagen der Selbstdarstellung auf der Eburg-Homepage für das nun im Amtsblatt veröffentlichte Interessenbekundungsverfahren der Stadtverwaltung wird man die notwendige Kontinuität nicht absichern! Wie so oft kommt es auch hier auf die handelnden Personen an!

  2. Nicht nur Besucher und Gäste die die E-Burg und seine Ausrichtung schon seit Jahren und Jahrzehnten kennen sondern auch Studenten und Gäste die diese Einrichtung bisher nur wenige Male besucht haben wissen, dass der oben stehende Artikel von Herrn Bender absolut richtig ist und es keinen nur annähernd vergleichbaren Betreiber oder Verein geben kann der mit seinem Engagement diese Vielfalt, dieses Ambiente und dieses bunte Miteinander so unterstreichen und entwickeln kann wie Marcus Hirche und sein Team. Eben weil sie seit Anbeginn dabei sind und sich hier überdurchschnittlich stark einbringen konnten sie die Burg zu einem Stück Kulturgut entwickeln.

    Ich selber kenne die E-Burg und Marcus seit Mitte der 90er Jahre. Viele meiner Freunde und ich waren damals noch Burgmitglieder und es gab ein fixes Dienstgeld pro Abend. Es war verschwindend gering. Aber keiner von uns war dort um Geld zu verdienen. Wir hatten Verantwortung für unseren Bereich und eine wahnsinnig tolle Zeit.
    Für mich ist es großartig zu sehen was diese Menschen seit dem aus der E-Burg gemacht haben und wie sie ihre Ideen und diese Einrichtung weiterentwickeln konnten. Nämlich in genau das was Herr Bender schreibt, eine Begegnungsstätte für alle möglichen Menschen und Kulturen. Man kann sehen das die Einnahmen in verschiedene Projekte und Veranstaltungen investiert werden die es früher in diesem Maße noch nicht gegeben hat. Und man weis auch dass das nicht immer einfach gewesen sein kann.
    Für mich ist die Burg mit Ihren jetzigen Betreibern, die so einen schweren Weg beschritten haben um es soweit zu bringen, eine Institution in Erfurt die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist und in jedem Fall so und in dieser Form erhalten werden muss.

    Ich kann die Stadt hier einfach nicht verstehen und bin zutiefst traurig das deren Entscheidungsträger hier eiskalt vorgehen, die Menschen vor vollendetet Tatsachen stellen und das die Verdienste, von denen auch die Stadt Erfurt profitiert, allem Anschein nach nicht gewürdigt werden. Ich hoffe inständig das die verhärteten Fronten aufgeweicht werden können und es hier zu einer Einigung gelangt deren Früchte eine noch viele Jahre andauernde Zusammenarbeit zwischen der Stadt Erfurt und dem Verein Engelsburg e.V. sein werden.

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