12023065_1199320773427033_1245266132_n

Kostümiert durch die Stadtgeschichte

Wer aufmerksam durch die Erfurter Altstadt geht, kann sie hier und da entdecken: Kleine Kinder in braunen Franziskanerkutten, Rabbiner- oder Königenkostümen. Mittendrin die Stadtführerin Franziska Bracharz. Humorvoll und spielerisch erzählt sie von barfüßigen Mönchen, fleißigen Krämern und Wassermühlen. Seit 10 Jahren führen Franziska und ihr Team kleine und große Kinder durch die Gassen der Altstadt. Mit Local Times sprach die Initiatorin dieser ganz besonderen Kinderstadtführungen über deren Anfänge, Entdeckungen im Taschenlampenlicht und Erfurt im kulturellen Dornrösschenschlaf.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Führungen für Kinder anzubieten?

Unsere Stadtführungen gibt es jetzt seit 2005. Die Zeit verfliegt! Ich war ja damals schon Mama und habe im Europäischen Kulturzentrum in der Ausstellungsvermittlung gearbeitet. Dabei habe ich gemerkt, dass ich das gut kann und mir das Spaß macht. Und dass es noch nichts für Kinder gab! Also habe ich angefangen, über das Kulturzentrum die Kinderstadtführungen anzubieten. Meine damalige Schwiegermama hat mir dann aus ganz günstig gekauftem, braunen Stoff 30 kleine Franziskaner-Kostüme genäht und dann ging es los. Das war eigentlich alles ein bisschen hingerotzt, es gab keinen Businessplan. Ich habe das alles so gemacht, wie ich dachte. Das mache ich seit 10 Jahren so und das funktioniert ganz gut.

Was macht euch so besonders?

Die Kinderstadtführungen sind frech und bunt! Wir, also meine drei Mitarbeiter und ich, gehen auf die Kinder ein und sind didaktisch speziell geschult. Und was glaube ich ganz wichtig ist: Wir sind authentisch! Kinder merken sofort, wenn das Gefühl echt ist. Dann gewinnt man sie schnell für sich, auch über die Führungen hinaus. Letztes Jahr hatten wir glaube ich über 8.000 Kinder. Die Erfurter Kinder sehe ich zum großen Teil sogar mehrmals. Ich finde das schön, dass mich die Kinder kennen, auch wenn es auf dem Spielplatz manchmal anstrengend ist. (lacht)

12047300_1199320796760364_1255468074_n

Ihr bietet neben den Kostümführungen und anderen Angeboten auch eine Energie-Stadtführung an. Wie ist die zustande gekommen?

Im Energie-Rundgang geht es um die Nutzung von Energie in den letzten 500 Jahren. Diese Führung ist sehr speziell und wird bislang nur zwei oder drei Mal im Jahr gebucht. Es ist ein recht schwieriges Thema für Kinder. Ich habe schon versucht, das mit der Handfigur des „Power-Klauers“ ein bisschen aufzudröseln, aber das Interesse ist noch nicht so da. Als Vorlage habe ich den Energiepfad genutzt, den die Stadtwerke vor einiger Zeit mal entwickelt haben und habe dazu Bilder malen lassen. Wir arbeiten ja bei den Stadtführungen immer mit Bildtafeln.

Welche Führungsangebote werden denn am besten angenommen?

Die Franziskaner sind der Klassiker. Ich denke, wegen der Kostüme. Für Kindergeburtstage werden meistens die Wahrheit oder Lüge-Touren gebucht, aber auch die Taschenlampen-Führungen werden immer beliebter. Diese Führungsformen habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern kenne sie aus anderen Städten. Aber ich wundere mich immer wieder darüber, warum es solche Dinge in Erfurt noch nicht gab. Erfurt steckt da, so habe ich das Gefühl, ein bisschen im Dornrösschenschlaf. Hier dauert alles immer ein bisschen länger, gerade was kulturelle Vermittlungsformen und alternative Dinge betrifft. Da kommt aus Erfurt selten etwas Neues.

Empfindest du das in anderen thüringer Städten anders?

Ich finde, in jedem kleinen Dorfmuseum wird für Kinder und Jugendliche mehr gemacht, als hier in den Museen. Das Stadtmuseum nehme ich da aus, die sind ganz toll aufgestellt und machen immer wieder etwas Neues. Aber bei allen anderen Museen ist das so und das betrifft auch die Stadtführungen. Da sind es eher die kleinen Anbieter, wie Galerien oder kleine Läden, die sich etwas Neues einfallen lassen. Das findet in den großen, institutionellen Einrichtungen nicht so statt!


12047787_1199320766760367_1673039920_nUmso besser, dass es euch gibt! Welche Führungen machst du besonders gerne?

Auf jeden Fall die Wahrheit oder Lüge-Touren! Da kann ich die Kinder veralbern. Das macht mir so einen Spaß! Ich komme aus einer Künstlerfamilie, da ist alles immer lauter und bunter als bei anderen. Das kann ich bei dieser Tour total ausleben, weil man da schauspielern muss. Aber am schönsten sind eigentlich gerade die Taschenlampen-Führungen! Das ist so schön, wenn am Abend die Stadt leer ist und man mit den Kids da herumläuft. Da ist der Blickwinkel ganz anders und die Kinder und ich sehen dann Details, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben.

Ihr bietet auch Führungen für Erwachsene an?

Ja und es wird demnächst auch auf der Internetseite eine eigene Rubrik für Erwachsene geben. Da kommen dann andere Inhalte und auch die Sprache wird dementsprechend angepasst, aber das macht ja trotzdem Spaß, egal wie alt man ist. Am Ende ist es ganz oft so, dass die Erwachsenen den höheren Anspruch mit Zahlen und Fakten gar nicht wollen, sondern etwas erleben wollen.

Ist Geschichte wichtig für Kinder?

Auf jeden Fall! Vor allem finde ich es wichtig, dass man seine Heimat kennt. Deshalb mache ich das auch. Ich möchte, dass die Kinder wissen, was in ihrer Stadt los ist und warum da zum Beispiel zwei und nicht nur eine Kirche auf dem Berg stehen. Geschichte und Kultur öffnen und helfen, das was auf der Welt passiert, in einen Kontext zu setzen. Verstehst du die Welt nicht, kannst du dir keine Meinung bilden und dann kannst du keine Veto einlegen, wenn irgendetwas passiert, was nicht passieren sollte. Das ist für mich eine ganz wichtige Form der Gesellschaftsentwicklung.

Im Oktober findet zum zweiten Mal das Meschugge-Festival statt. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Es gab ja schon Kinderangebote mit jüdischem Kontext. Aber ich wollte mal irgendwas verrücktes dazu machen, was lustiges, weil mir aufgefallen ist, dass das Thema ganz oft negativ beladen ist. Der Großteil der Erwachsenen hat da noch Vorurteile im Kopf. Die Kinder noch nicht, die haben oftmals noch nichts davon gehört. Jugendliche winken meistens ab und wollen darüber nichts hören, weil die das Thema in der Schule immer in Verbindung mit Verfolgung und Mord behandeln. Deshalb wollte ich einfach mal was anderes machen, etwas buntes, dass Positivität rüberbringt!

Haben dich die Kinderstadtführungen jung gehalten?

Ja, klar! Ich bin aber auch von Natur aus ein lustiger Mensch. Ich mag es, zu sprechen, zu erzählen und lustig zu sein.

Vielen Dank für das Interview.

 

Text: Anna Anger, Fotos mit freundlicher Genehmigung von Franziska Bracharz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*