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Meine Stadt ist zu laut Retronom

„Braucht man denn zum Jung sein unbedingt verdammten Krach? / Dann betreibt doch eure Clubs irgendwo am Rand der Stadt“, heißt es im Song „Meine Stadt ist zu laut“ der Chemnitzer Band Kraftklub. Ein Lied, dass auch viele Erfurter Kulturschaffende singen können. Eine der wenigen verbleibenden soziokulturellen Bastionen in der Erfurter Innenstadt ist das Retronom in der Johnnesstraße 17.

Eine urige Woche liegt hinter Christoph Blankenburg. Der Weimarer Kunststudent stellte bis vor Kurzem in Erfurt aus. Sieben Tage lang konnten die Besucher des „Retronoms“ seine Ausstellung „Rennsteigflimmern“ erleben. Erleben trifft es ganz gut, denn neben einem Film und verschiedenen Fotografien bestand die Ausstellung vor allem aus Performances: „Der Thüringer Wald als Bühne“. Und ehe sie sich versahen, waren die Besucher selbst Teil der Kunst geworden, saßen am Camping Kocher und aßen, konnten selbst Heimatcollagen herstellen und vieles mehr. Kunst zum Anfassen. Christoph freute sich über die positive Resonanz und ist vor allem glücklich überhaupt einen Ausstellungsort für sein extravagantes Kunstprojekt gefunden zu haben.

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Lukas Krause (li.) und Christoph Blankenburg präsentieren die Ausstellung „Rennsteigflimmern“

Sich immer wieder neu erfinden

Möglich gemacht hat das Lukas Krause. Zusammen mit seinem Bruder Markus hat er das „Retronom“ gegründet und übernimmt hier die Funktion des Kurators. „Wir versuchen immer möglichst viele Aspekte unter einen Hut zu bringen“, sagt der 27-Jährige. Kunst sei dann spannend, wenn sie den Leuten mehr Ansatzpunkte und Griffigkeit bietet, wenn sie also nicht nur zum Anschauen ist. Die Ausstellung von Christoph sei in diesem Sinne perfekt gewesen. „Du suchst dir dann einfach den Aspekt raus, der dir an dem Abend am besten gefällt. Das sind dann vielleicht die Bilder an den Wänden, die gute Musik, das Bier an der Bar oder halt einfach die Freunde, die man hier trifft. Es ist ein riesiges kulturelles Geflecht“, erklärt Lukas die Idee hinter dem Kulturort „Retronom“.

Den Brüdern ist es wichtig, den Menschen einen niederschwelligen Zugang zu Kunst zu bieten. Vernissagen und Finissagen sind daher immer kostenlos. Darüber hinaus versuchen sie vielschichtiger, alternativer Kunst einen Platz im Stadtzentrum zu geben, denn das sei in Erfurt noch immer eine Seltenheit, meint Lukas. Bereits zu Beginn des letzten Jahres stellten Lukas und Markus Krause gemeinsam mit dem Verein Snokksen e.V. das Projekt „Farbraum 17a“ auf die Beine. Mit einer symbolischen Wiedereröffnung im März gaben sie ihrem Veranstaltungsraum in der Johannesstraße 17 einen neuen Namen, der der Vielseitigkeit des Konzepts gerecht wird: „Retronom“. Ein Ort, der sich immer wieder neu erfindet.

Zu laut und nicht Hochkultur genug

Dieses sich neu erfinden ist auch nötig, denn das Retronom wird immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Beschwerden sind keine Seltenheit: „Du hast so einen Raum und kannst nicht einmal in der Woche ein bisschen Musik anmachen. Erfurt trocknet aus, wenn da nicht bald etwas passiert“, sagt Lukas kopfschüttelnd und gibt zu bedenken, dass ein gewisser Lautstärkepegel in der Innenstadt nun mal nicht ausbleibe. Es ist ein Phänomen moderner Großstädte: Leute mit Geld ziehen in die Innenstadt, weil sie nah am Geschehen sein wollen. Gleichzeitig verdrängen sie dieses Geschehen, weil es ihnen auf Dauer zu laut ist und Veranstalter mit starken Einschränkungen zu kämpfen haben. Zudem treiben sie die Mieten nach oben. Infolge dessen zieht es die junge, kulturelle Szene in die Außenbezirke.

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Still und gemütlich. Das Retronom am Vormittag.

Eine weitere Sache, die Lukas Krause stört, ist der Umgang der Stadt mit der kulturellen Szene: „Du bekommst als Kulturschaffender kein Geld mehr, okay, aber dann kannst du den Leuten, die das ehrenamtlich machen, nicht sagen, sie sollen sich vom Acker machen.“ Eine Stadt sei darauf angewiesen, dass es solche Projekte gibt. Projekte wie das Retronom, „die auch funktionieren, ohne das die Stadt Unmengen Geld hineinstopft“. Das Theater lässt grüßen. Doch es geht den Machern des Retronoms nicht darum, sich gegen irgendwen aufzulehnen: „Wir werden uns an die Bestimmungen halten, denn es ist keinem damit geholfen, wenn wir hier allen auf der Nase herumtanzen und uns dann alle hassen. Wir wollen hier mit allen gut auskommen.“

Eine Plattform für geiles Zeug

Sich der kulturellen Abwanderung anzuschließen kommt für die Brüder nicht in Frage, auch wenn das heißt, trotz großem Interesse vorerst auf Konzerte zu verzichten. Zunächst geht es darum das Retronom langfristig als zentralen Knotenpunkt für eine breitere Masse zu etablieren. „Für mich war es ein Ansporn, anderen eine Plattform zu bieten, denn ich weiß selber wie das ist. Du machst geiles Zeug, aber es kommt nie mal dazu, dass du es anderen präsentieren kannst“, sagt Lukas. Damit das Retronom diesem Anspruch weiterhin gerecht werden kann,müssen in der Sommerpause noch einige Brandschutzauflagen erfüllen. Noch so ein Lied, von dem alle Kulturtreibende singen können.

Ausstellungen wird es vor der Sommerpause trotzdem noch geben. Am 10. Juni findet im Retronom schon zum zweiten Mal die Ausstellung „Bildflächen“ statt. Ein Projekt, bei dem junge Künstler dazu aufgerufen werden ihre Kunstwerke einzuschicken, um genau wie Christoph Blankenburg die Möglichkeit zu bekommen, diese zu präsentieren, ganz gleich, wie verrückt, extravagant oder ausgefallen sie auch sind.

Text und Fotos: Juliane Kehr, Titelbild mit freundlicher Genehmigung des Retronoms
28.04.2016

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