Erfurts Imam Abdullah Dündar im Gespräch mit Wolfgang Nossen, dem ehemaligen Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. (2006, Quelle: EID))

Miteinander reden heißt: verstehen

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat den Erfurter Interreligiösen Dialog zum Integrationsprojekt des Monats Februar gekürt. Hier wird das Projekt einmal vorgestellt. 

„Hier bei Radio F.R.E.I. haben sich der Erfurter Imam und der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde zum ersten Mal die Hand gegeben“, erzählt Projektmitarbeiter Roman Pastuschka vom Verein Freies Radio Erfurt. Im Oktober 2006 hatte das Bürgerradio die Vertreter des Islams, des Judentums und der Evangelischen Gemeinde zum Gespräch eingeladen und damit unverhofft den Erfurter Interreligiösen Dialog (E.I.D.) angestoßen. „Die Veranstaltung war ein voller Erfolg, und wir haben festgestellt, wie wichtig dieser erste Dialog für die Anwesenden war. Damals herrschte eine große Unwissenheit zwischen den Religionsgemeinschaften, aber miteinander reden heißt: verstehen“, sagt Pastuschka.

Kinder erkunden religiöse Orte

Seither hat der E.I.D. unter der Schirmherrschaft von Radio F.R.E.I. zahlreiche Veranstaltungen initiiert, die zwischen den Religionen vermitteln oder Aufklärungsarbeit leisten. „Dabei war uns immer wichtig, Kinder und Jugendliche zu erreichen“, erklärt Projektkoordinatorin Marie Baumann, die sich seit einigen Jahren für das Projekt engagiert. Ein schönes Beispiel hierfür ist die in den Ferien angebotene „Fahrradrallye“, bei der die Kinder religiöse und kulturelle Orte der Thüringer Landeshauptstadt mit ihren Fahrrädern erkunden können und Rätsel lösen.

Religionsrallye: Kinder erkunden eine christliche Kirche. Quelle: E.I.D.
Religionsrallye: Kinder erkunden eine christliche Kirche.
Quelle: E.I.D.

Außerdem berichtet der E.I.D. einmal im Monat in einer Radiosendung über das religiöse und kulturelle Leben in Erfurt. Dadurch ergeben sich auch Synergieeffekte. Gemeinsam mit Jugendlichen entstand u.a. ein Audioguide über das jüdische Leben in Erfurt, der für das Radioprogramm als Hörspiel aufgearbeitet wurde. 2011 erhielt der E.I.D. dafür den Mitteldeutschen Medienpreis.

Seit 2012 wird das Projekt mit neuen inhaltlichen Schwerpunkten vom Freistaat Thüringen und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert. Aus dem Interreligiösen Dialog ist inzwischen ein Interkultureller Dialog geworden, der sich zuletzt mit dem Schwerpunkt Migration auseinandersetzte. Demnächst wird der E.I.D. ein Buch zu diesem Thema veröffentlichen, das unter dem Titel „Biographia“ die Geschichten von sieben Erfurter Migranten erzählt. Es sind sieben sehr verschiedene Geschichten, die dem Leser vor Augen führen, dass schubladenartige Kategorien wie „Kriegsflüchtlinge“, „Armutszuwanderer“ oder „Gastarbeiter“ nur unzureichend erklären, warum Menschen ihre Heimat verlassen.

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In der Hörfunkredaktion wird das Buchprojekt „Biographia“ besprochen: (v.li.n.re.) Ingolf Schäfer, Roman Pastuschka, Olga Kolmogorov, Boris Hajdokovic, Ulrike Irrgang, Marie Baumann.

 

Auseinandersetzung mit Migrationserfahrungen
„Ich finde es interessant, dass jeder der Befragten erzählt hat, dass Deutschland ein Wendepunkt in seiner oder ihrer Biografie war. Ich hab das damals genauso erlebt“, sagt Boris Hajdukovic, der aus Kroatien nach Deutschland kam und an „Biographia“ mitgearbeitet hat. Und er fügt hinzu: „Jeder findet hier etwas anderes. Manche finden das große Glück, andere zerbrechen, weil sie keinen Anschluss finden.“

Ausschnitte des Buches wurden schon bei der multimedialen Ausstellungsreihe „Angekommen Fragezeichen“ vorgestellt, die das Buchprojekt begleitete und an verschiedenen Orten in Erfurt zu sehen war. Die Besucher konnten hier Mitschnitte der Interviews anhören, sich dazu Bildergalerien und Zitatwände anschauen und an Diskussionsrunden teilnehmen, bei denen sie die Protagonisten der Geschichten persönlich kennenlernten.

Mitreden und mitgestalten
Eine Protagonistin ist Olga Kolmogorov, die als Spätaussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland kam. „Wir haben als Russlanddeutsche nirgends dazugehört. In Kasachstan waren wir außen vor und hier eigentlich auch. In meinem ersten Jahr in Deutschland war ich sehr naiv. Ich dachte, hier ist alles so schön und so gut organisiert. Aber später habe ich gelernt, dass es – wie in jedem anderen Land – auch hier Probleme gibt“, erzählt sie.

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Olga Kolmogorov erhält ihre persönliche Ausgabe von „Biographia“

 

Heute engagiert sich Olga selbst bei Radio F.R.E.I. und beim E.I.D. In ihrem zweisprachigen Magazin „Interwelle“ beschäftigt sie sich im Radio mit den deutsch-russischen Beziehungen und den Problemen im Alltag von russischen Migranten in Erfurt. Für den E.I.D. leistet sie Übersetzertätigkeiten, führt Interviews und hilft bei der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen. Sie ist die russische gute Seele des E.I.D. „Häufig wird nur über die Migranten gesprochen, aber nicht mit ihnen“, sagt sie, „Hier beim E.I.D. ist das anders, hier kann ich mitreden“.

 

Der Artikel ist erstmals am 19.02.2015 auf http://www.bamf.de erschienen und wurde von Local Times Autor Andreas Kehrer verfasst.

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