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Mitmenschlich mit Ausrufezeichen Kundgebung auf dem Domplatz

Gestern Abend demonstrierten bis zu 4500 Menschen friedlich und harmonisch auf dem Erfurter Domplatz für Toleranz und Weltoffenheit. Das breite Bündnis aus Gewerkschaften, Sozialverbände, Vereinen, Parteien und Religionen, das sich unter dem Motto „Mitmenschlichkeit in Thüringen“ im Oktober zusammengeschlossen hatte, setzte damit ein erstes Ausrufezeichen.

Der 9. November zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Deutschlands. Die Novemberrevolution 1918, der Hitlerputsch 1923, die Reichspogromnacht 1938 und schließlich der Fall der Berliner Mauer 1989. All diese Ereignisse fanden am 9. November statt, der inzwischen als „Schicksalstag der Deutschen“ gilt. Insofern war das Datum, das sich das neugegründete Bündnis „Mitmenschlichkeit in Thüringen“ für die erste gemeinsame Kundgebung gewählt hatte, von tieferer Bedeutung.

Tatsächlich stellt die aktuelle Flüchtlingssituation das Schicksal Deutschlands auf die Probe. Wo geht es hin mit dem Land, das die Asylsuchenden am Bahnhof „Willkommen“ heißt und kurz darauf ihre Unterkunft in Brand setzt? Ist das Boot voll oder schaffen wir das? Begleitet von einem großen Medienecho, erweckten die rechten Demonstrationen von Pegida und AfD zuletzt den Anschein, als seien die Brandstifter und Bootschubser in der Mehrheit – zumindest auf der Straße. Dass dieser Eindruck täuscht, wollte das Mitmenschlichkeit-Bündnis auf dem Erfurter Domplatz unter Beweis stellen und rief zu einer Kundgebung für ein tolerantes und mitmenschliches Thüringen auf.

Ramelow entschlüsselt Höckes Nazi-Rhetorik

 

Dem Aufruf folgten offiziellen Angaben zufolge 7000 bis 8000 Menschen. Crowdcounter schätzten hingegen bis zu 4500 Zuschauer, denen ein buntes Programm aus Redebeiträgen und Musik geboten wurden. Nach einer kurzen Begrüßung durch Sandro Witt, dem stellvertretenden Bezirksleiter des DGB, der die Demonstration angemeldet hatte, folgten solidarische Grußworte in Arabisch, Persisch, Urdisch, Serbisch und Englisch an die Geflüchteten, die zahlreich vor Ort waren. Weitere Redebeiträge von den verschiedenen Vertretern der Religionsgemeinschaften, von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern und palästinensischen Flüchtlingen, eine gemeinsame Stellungnahme von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, sowie verschiedenen Politikern machten deutlich, dass dieses Bündnis eine breiten Masse der Bevölkerung repräsentiert.

Die vier wichtigsten Botschaften des Abends:

„Der 9. November bleibt ein Schicksalstag. 1938 brannten die Synagogen und zehntausende wurden Opfer der Gewalt, aber die Bürger schauten weg. Solidarität fehlte. Damals versagte die deutsche Gesellschaft. 2015 brennen Flüchtlingsunterkünfte, Hassredner verteufeln das Asylrecht und begünstigen Gewalt gegen Flüchtlinge und gegen deren Helfer. Aber unsere Bürger schauen in diesem Jahr nicht weg. Die Flüchtlinge erfahren unsere Solidarität. Zehntausende Bürger helfen. Diesmal versagt unsere Gesellschaft nicht.“ – Reinhard Schramm, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Thüringen

„Salem aleikum – Friede sei mit Ihnen! Dieser islamische Gruß an jeden und überall, der die Geisteshaltung der überwiegenden Mehrheit der Muslime wiedergibt. Es ist diese Botschaft des Friedens, die wir heute in die Welt hinaustragen müssen!“ – Imam Saeed Ahmad Arif

„First of all I would like to thank the german citizens and the german goverment in gerneral and thanks miss Angela Merkel, who treat the syrian people in human way, which is unfortainly much of the goverments worldwide talk about, but not realy care about.“ – Salma Alarja, Geflüchtete                                                                                                  

„Höcke und die, die ihm folgen, schaden Thüringen und seiner Wirtschaft.“ – Stephan Fauth, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Thüringen


„Als sie mich holten, gab es keinen mehr der protestieren konnte.“ 

Nach weiteren Redebeiträgen und einer sehr bewegenden, musikalischen Performance von Mario Krügerke am Klavier und der jungen Sängerin Senta Kober, äußerte sich schließlich auch Ministerpräsident Bodo Ramelow zu Wort, der mit einem mahnenden Zitat von Martin Niemöller begann:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr der protestieren konnte.“ 

Daraufhin entfaltete Ramelow eine Rede, die die Bedeutung des 9. Novembers in der deutschen Geschichte hervorhob und warnte vor Björn Höcke, der in seinen Ansprachen bewusst nationalsozialistische Begrifflichkeiten gebraucht (Siehe Video oben).

Mit einem Appell für Mitmenschlichkeit und Toleranz beendete Ramelow die Redebeiträge. Anschließend bildeten Zuschauer, die weiße Tücher in die Luft hielten, ein viele Meter großes Ausrufezeichen, um ihren Einsatz für Mitmenschlichkeit und Toleranz zu unterstreichen.

 

Text& Video: Andreas Kehrer, Fotos: Armin Kung

 

 

 

 

 

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