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Pop Art mit Punk-Attitüde Moritz Götze in Erfurt

In der Galerie Rothamel ist seit gestern Abend eine neue Ausstellung zu bewundern, die den wohl bedeutendsten Vertreter der Deutschen Pop Art zeigt: Moritz Götze. Der gebürtige Hallenser, der zu DDR-Zeiten nur müde belächelt wurde, ist längst eine prägende Figur für die zeitgenössische, deutsche Kunstszene geworden. So gehen beispielsweise die Pop Art Einflüsse, im Werk des Leipziger Kunststars Neo Rauch, auf Götze zurück. Ein durch und durch bemerkenswerter Künstler.

„Die Entscheidung zu rauchen oder nicht zu rauchen, ist für mich gleichbedeutend mit Freiheit“, sagt Moritz Götze aufgebracht und wirbelt eine kunstvoll gestaltete Stange Zigaretten in seinen Händen herum. „Als das Rauchverbot in den Kneipen eingeführt wurde, haben sie die einzige Errungenschaft der 1848 Revolution einfach vom Tisch gewischt. Bis ’48 durfte nämlich nur der Adel auf offener Straße rauchen. So etwas regt mich auf!“ Es ist eine dieser Geschichten, die den bekennenden Nicht-Raucher umtreiben.

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Es gibt 3000 dieser in Zellophan verschweißten Stangen Zigaretten, die mit Götzes Pop Art Motiven verziert sind und den großen Gegensatz zwischen Liebe und Tod darstellen. Auf einer Schachtel, sieht man zwei Menschen, die durch den gemeinsam ausgestoßenen Zigarettenrauch miteinander verbunden sind, auf der nächsten Schachtel, ist ein Eimer randvoll mit blutigen Gebeinen zu sehen. Rauchen: die Freiheit den Tod zu lieben. So oder so ähnlich kann man diese Werk vielleicht interpretieren.

Punk made in DDR

Wer sich mit Moritz Götze beschäftigt, stößt auf eine interessante Biografie. 1964 in Halle an der Saale geboren, wächst er in einer Künstler Familie auf. Der Vater ist einer der wenigen Pop Art Künstler der DDR und steht unter staatlicher Beobachtung, denn Pop Art ist die Kunst des Klassenfeindes. Seine Mutter ist Kunstlehrerin, die sich ständig dem Vorwurf ihrer Kollegen ausgesetzt sieht, bei ihrem eigenen Sohn pädagogisch versagt zu haben. Denn ihr Sohn Moritz ist ein Wildfang, kaum zu bändigen und für die Schule wenig zu begeistern. Er ist ein Autodidakt und kann mit einem festen Lehrplan nichts anfangen. Kaum verwunderlich also, dass sich der heranwachsende Sohn bald einer trotzigen Jugendbewegung anschließt: Moritz wird Punk.

Mit 17 gründet er seine erste Band, die von der Rockmusik bald auf Punk umschwenkt. Unter dem Namen „Größenwahn“ spielen sie zahlreiche Konzerte und werden in der kleinen DDR-Szene schnell bekannt. 1983 zementiert Moritz Götze, seine Bedeutung für die Szene, als er in Halle das erste Punkfestival organisiert. Unter dem harmlosen Titel „evangelischer Jugendabend“ versammelt er hier Bands wie Namenlos, Wutanfall, Restbestand und auch Schleimkeim aus Erfurt. Das Festival wird ein großer Erfolg, bringt Götze aber auch auf die Liste der Staatssicherheit. Ein zweites Festival kommt daher nie zustande.

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Maria Magdalena, nackt und tätowiert.

Anfang und Durchbruch

In seiner Kunst lässt sich die Punk-Attitüde bis heute entdecken, besonders in den Grafiken. Seine künstlerische Arbeit beginnt nämlich, als er für Größenwahn die ersten Plakate gestaltet. Erst im Kartoffeldruckverfahren, später als Siebdruck. In Dresden macht er eine Siebdrucker-Lehre, für die er nur ein paar Monate benötigt. In dieser Zeit beginnt er zu malen und allmählich verdrängt die Kunst die Musik aus seinem Fokus. 1985 entsteht seine erste Künstlermappe, aus Texten, Fotos und Grafiken. 1986 folgen erste Ausstellungen. Von da an geht es Schritt für Schritt voran. Ein eigenes Atelier mit Werkstatt in Halle, Auftragsarbeiten, 1989 sogar eine größere Ausstellung in der Leipziger Moritzbastei.

Die Wende verhilft Götze schließlich zum Durchbruch. Sein Frühwerk ist so ausdrucksstark und überzeugend, dass er 1991 einen Lehrauftrag an Kunsthochschule Burg Giebichenstein erhält. 1992 dann die Ausstellungen bei den Kunstmessen Art Frankfurt und Art Cologne, zusammen mit Neo Rauch – ein riesiger Erfolg. Götze ist zu dieser Zeit so etwas wie der Shootingstar der Kunstszene im wiedervereinigten Deutschland. 1993 folgt eine Ausstellung in Paris, nur ein Jahr später erhält er auch hier eine Gastprofessur.

Auf dem Grund des Sees

Heute ist Götze beinah omnipräsent, nicht zuletzt weil er einen enormen künstlerischen Ausstoß produziert. Ölgemälde, Grafiken, Drucke, Zeichnungen, Emailearbeiten – sein Werk ist vielschichtig und abwechslungsreich. Seine Arbeiten setzen populäre Geschichten mit einem Augenzwinkern in neue, erzählende Bildwelten. In der Galerie Rothamel hängt zum Beispiel eine Emailearbeit, die Maria Magdalena zeigt. Sie wird von sieben Engel getragen, so wie sie 1506 auch Lucas Cranach zeichnete. Bei Götze ist die Heilige aber nicht nur nackt, sondern auch von Kopf bis Fuß tätowiert. Kunstsammler schätzen Götze, weil seine Arbeiten Nachhaltigkeit versprechen. Der Erfurter Galerist Jörk Rothamel, der seit vielen Jahren mit dem Künstler befreundet ist, erzählt:

Moritz denkt langfristig. Jedes Jahr nimmt er ein paar seiner besten Emailearbeiten und fährt mit einem Schlauchbot raus auf den Schliefenberger See. Der ist ziemlich tief und hat auf dem Grund eine dicke Schlickschicht. Da versenkt er ein paar seiner besten Werke in der Hoffnung, dass irgendwann in vielen, vielen Jahrhunderten unsere Nachfahren darauf stoßen.“

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Das Goethe-Regal in der Galerie Rothamel.

Darüber hinaus sind einige seiner Gemälde in Halle versteckt. Bei der Restauration alter Häuser hat er das ein oder andere Bild in den Zwischenwänden deponiert. Irgendwann wird ein ahnungsloser Bauarbeiter beim Abriss einen dann möglicherweise historischen Kunstschatz bergen.

Die Ausstellung in der Galerie Rothamel ist bis zum 19. März zu bestaunen. Unter dem Titel „Cranach, Goethe, Götze“ setzt sich der Hallenser hier mit dem künstlerischen Erbe von Lucas Cranach und dessen Oberurenkel Johann Wolfgang von Goethe (die beiden waren tatsächlich entfernt verwandt) auseinander. Ein Pop Art Künstler mit Punk-Attitüde adaptiert die Werke der Klassik und Renaissance – allein das ist Grund genug, sich das Ganze mal anzuschauen, oder?

 

Text und Fotos: Andreas Kehrer
17.01.2016

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