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Reinhard Kleist in Erfurt Internationaler Tag gegen Rassismus

Reinhard Kleist ist einer der erfolgreichsten Comicbuchautoren Deutschlands. Anlässlich des 21. März‘ – dem internationalen Tag gegen Rassismus – war Kleist in Erfurt zu Gast und stellte seine Graphic Novel „Der Traum von Olympia“ vor. Darin erzählt er die wahre und tragische Geschichte von Samia Yussuf Omar. Mit Local Times sprach er über die Entwicklung der Comic-Literatur und die bewegende Fluchtgeschichte Samias.

Herr Kleist, seit über 20 Jahren zeichnen Sie Comics, Ihre Graphic Novels sind vielfach ausgezeichnet und in verschiedene Sprachen übersetzt worden, sie sind für das Goethe Institut auf internationalen Reisen und zeichnen nebenher für einige große Tageszeitungen. Wie oft werden Sie noch gefragt, ob man vom „Comic malen“ überhaupt leben kann?

(lacht) Andauernd. Das hat sich in den Köpfen festgesetzt, dass es eine brotlose Kunst ist. Viele meiner Kollegen können auch tatsächlich nicht davon leben. Da bin ich in einer sehr glücklichen Situation, dass ich davon hauptsächlich von meinen Comics lebe. Ich hab zwar noch andere Sachen, die ich ab und zu mal mache, aber das wird weniger, weil ich mich auf die Comics konzentrieren möchte, denn Comics zeichnen ist extrem zeitaufwändig.

Sicher werden Sie auch häufig gefragt, was eine Graphic Novel ist. Haben Sie da immer eine Definition parat?

Ja. Graphic Novel ist kein klassisches Comic-Genre, wie Superhelden- oder Abenteuer-Comics. Graphic Novel ist eine Einordnung, eine Guideline sozusagen: Wenn der Stempel auf dem Buch ist, kann man erwarten, dass es eher was für Erwachsene ist, dass es länger ist und meist in schwarz-weiß gehalten. Es geht dann eher in die Richtung Roman. Aber da steht immer das Wort „eher“ davor, es ist also kein Muss, denn die Grenzen sind fließend. Als sich der Begriff Graphic Novel auch auf dem deutschen Markt durchsetzte, stieg die Aufmerksamkeit für den deutschen Comic. Heute berichten große Zeitungen regelmäßig über Comics und betrachten es als normales Medium. Früher dachten alle, Comics sind lustig und für Kinder, aber das sind sie eben nicht.

Die Vorurteile, dass Comics nur aus BANGs, BOOMs und KAWUMMs bestünden, dass sie die Jugend verrohen und von richtigen Büchern abhalten würden, trifft man also noch heute an?

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Keine Superhelden, aber Helden. Reinhard Kleists Protagonisten.

Ab und zu schon, ja. Aber im Grunde genommen ist der Comic in der Hochkultur angekommen und viele Institutionen haben begonnen den Comic für sich zu nutzen. Ich bin sehr viel mit dem Goethe-Institut unterwegs und die haben schnell gemerkt, wie toll man mit Comics die jüngere Generation erreichen kann. Viele Leute sind immer noch sehr verblüfft darüber, wie viele Möglichkeiten es gibt, sich mit dem Comic auszudrücken. Und diesen dreckigen Comic-Underground, in dem viel experimentiert und provoziert wird, den gibt es ja auch heute noch. Die Comic-Szene selbst ist da ein bisschen gespalten, ob das eine jetzt das andere verdrängt. Ich kann nur sagen, für mich ist es eine fantastische Entwicklung, die der deutsche Comic in der letzten Zeit genommen hat.

Interessant am Comic ist ja auch die vielschichtige Erzählstruktur. Die Geschichte besteht aus Einzelbildern, aus der Bildsequenz, aus dem Erzählertext und aus der direkten Rede in den Sprechblasen…

Ja und das macht diese unglaublich vielen Möglichkeiten aus, die es gibt, um im Comic eine Geschichte zu erzählen. Sehr oft wird dem Comic der Vorwurf gemacht, dass da alles vorgegeben wäre, mit den Bilder und mit den Texten. Aber das stimmt nicht. Die Erzählung findet oft auch zwischen den Bildern statt, wo dann der Leser gefragt ist und selbst hineininterpretiert und die Geschichte weiter denken muss. Das sind dann auch die intensivsten Leseerlebnisse.

Wie würden Sie ihren Comic-Stil beschreiben?

Meinen Stil beschreibe ich eigentlich immer als stillos. Ich variiere da viel und versuche den Zeichenstil immer der Geschichte unterzuordnen. Aktuell arbeite ich an einem Comic über Nick Cave, für den ich meinen Stil wieder verändert und mich ein bisschen an den 90er Jahren orientiert habe. Ich denke, mein Stil zieht sich nicht gleichbleibend durch alle meine Bücher.

Sie sind anlässlich des 21. März‘, dem internationalen Tag gegen Rassismus, nach Erfurt eingeladen worden und haben hier ihr Buch „Der Traum von Olympia“ in der Mehlhose und vor einigen Schulklassen präsentiert. Was hat Sie dazu bewogen ein Buch über Samia Yussuf Omar zu zeichnen?

coverSamia Yussuf Omar war Olympionikin bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Sie hat für Somalia am 200 Meter-Lauf der Frauen teilgenommen und obwohl sie mit großem Abstand Letzte wurde, hat sie den meisten Applaus bekommen, weil die Menschen mitbekommen haben, dass sie gar keine Chance hatte, es aber trotzdem probierte. Samia konnte damals nur aufgrund eines Sportförderprogramms teilnehmen und nach Peking hat sie sich in den Kopf gesetzt auch 2012 in London wieder anzutreten. Da sie in ihrer vom Bürgerkrieg zerrütteten Heimat nicht trainieren konnte, hat sie die gefahrvolle Reise Richtung Europa angetreten, hat sich in die Hände von Schleppern begeben und ist dann leider ein halbes Jahr vor Beginn der Spiele gestorben. Sie ist im Mittelmeer ertrunken. Diese Geschichte hat mich sehr, sehr bewegt. Samia war ein Mädchen, das alles auf eine Karte gesetzt hat, um ihre Träume zu verwirklichen, aber sie ist mit ihren Träumen an den Grenzen Europas zerschellt.

Sie haben das Buch über Samia im Frühjahr 2015 veröffentlicht, als die Situation der Flüchtlinge noch längst nicht so diskutiert wurde, wie heute. Hat das Buch vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse eine besondere Bedeutung für Sie bekommen?

Absolut, ja. Als ich damit angefangen habe, war dieses Thema eine Randnotiz und man hat es weitestgehend ignoriert. 2012 war ich in Palermo für Recherchezwecke und habe da die Zustände an der Italienischen Küste sehen können und das war erschreckend. Man hat immer darauf vertraut, dass die Grenzen dicht gemacht werden, aber was das tatsächlich bedeutet, für die Leute, die es dann trotzdem versuchen, damit hat man sich nicht beschäftigen wollen. Im Verlauf des letzten Jahres sind wir dann angeblich von Flüchtlingszahlen überrollt worden, was nicht stimmt. Wir wussten seit Jahren, dass die Leute kommen wollen, es hat sich nur keiner damit beschäftigt. Kurz nachdem mein Buch erschienen war, passierte es dann aber und dadurch hat mein Buch natürlich eine erschreckende Aktualität bekommen. Auch wenn Samia Olympionikin war, ist ihre Flucht exemplarisch. So laufen viele dieser Geschichten ab. Mein Buch hat dazu geführt, dass viele Leute ein Gesicht mit den Ereignissen verbinden konnten, denn was wir bei all den Zahlen oft vergessen: Hinter jeder Zahl steckt ein Mensch.

In Erfurt haben Sie das Buch auch an den Erfurter Sportschulen präsentiert und haben dort mit den Schülern über Samia gesprochen. Wie kam das Thema bei den Schülern an?

Sehr gut. Sie waren mucksmäuschenstill, als ich die Geschichte erzählt habe und sie haben interessierte Fragen gestellt. Ich hab ja jetzt schon viele Veranstaltungen an Schulen gehabt und es ist eigentlich immer das gleiche Ergebnis. Der Comic fasziniert, da guckt man gebannt hin und wenn man dann noch mitkriegt, dass es um eine wahre Geschichte geht und dass der, der da vorne erzählt, das alles selbst gezeichnet hat, dann ist das schon was Besonderes. Ich stelle immer wieder fest, dass die Schüler bei dem Thema richtig mitgehen und sehr empathisch darauf reagieren.

Vielen Dank für das Interview

 

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Interview: Andreas Kehrer, Foto mit freundlicher Genehmigung von Reinhard Kleist

 

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