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Roller Derby Erfurt

Ende August hieß es bei den Spielerinnen vom Roller Derby Erfurt „Fresh Meat Day“. Das Team suchte Frischfleisch für den noch jungen und aufregenden Sport aus den USA. Außerdem belegten die Roller Girls vor Kurzem den zweiten Platz bei einem Foto-Wettbewerb von „Deine Stimme gegen Nazis“. Viele Gründe für Local Times, den Sport auf Rollschuhen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wer nicht extra einen Flug buchen will, um im Madison Square Garden ein Roller Derby Spiel live zu erleben, hat Glück. Auch Erfurter Frauen haben sich im „Roller Derby Erfurt“ zusammen getan, um gemeinsam zu trainieren und zu spielen. Am Samstag den 30. August war der „Fresh Meat Day“. Neugierige und Interessierte konnten hier auf Tuchfühlung mit dem Sport aus den USA gehen und sich selbst auf die Rollschuhe stellen.

Auf dem Boden der trockengelegten Eishalle war ein kleiner Parkour ausgelegt, der die Besucher kurz nach dem Eingang durch die Geschichte des Rollerderby führte. Ein Stückchen weiter war eine Tafel aufgestellt, die sich mit den Regeln des Sports befasste. Von „Jammer“, „Pack“, „Track“ und anderen Anglizismen war da zu lesen. Zum Glück stand uns Ika „GalaktIKA“ Rede und Antwort und erklärte in einfachen Worten den Spielablauf.

Wie wird Rollerderby gespielt?

Für den unerfahrenen Zuschauer ist das erste Spiel von Roller Derby ein verwirrendes Erlebnis. Es ist ein bisschen so wie der Staffellauf im Leichtathletik, denn das Spielfeld, auch Oval genannt, erinnert an eine zu klein geratene Stadionlaufbahn. Mit Rollschuhen an den Füßen, Helmen auf den Köpfen und zahlreichen Schonern an Knien und Ellenbögen ausgestattet, gehen die Teilnehmerinnen ins Spiel. Von außen betrachtet erkennen die Zuschauer zwei Gruppen auf dem Oval: die zwei „Jammer“ an einer Linie und einige Meter weiter, eine Gruppe aus acht Spielerinnen, die  „Pack“ genannt werden. Mit dem Anpfiff sprinten die beiden Jammer auf das Pack zu und versuchen sich durch den Haufen zu drängeln. Und spätestens hier wird klar: Roller Derby ist eine Vollkontaktsportart.

„Es gibt legale und illegale Blockzonen“ erklärte Ika. „Verboten ist natürlich der Ellenbogen, Unterarm und Hand. Ich darf auch nicht mit den Füßen treten oder Knieschläge verteilen. Kopfnüsse sind auch verboten. Alles andere ist aber erlaubt“, fügte sie grinsend hinzu, stellte mir ihre Hüfte in die Seite und brachte mich aus dem Gleichgewicht. „Außerdem unterscheiden die Referees erlaubte und nicht erlaubte Trefferzonen. Kopf und Hals sind natürlich verboten, ich darf den Gegner aber auch nicht im Rücken oder unterhalb des Knies erwischen.“ Ika erzählte, dass normalerweise 12 Referees gebraucht werden, um alle Spielerinnen jederzeit im Auge behalten zu können. Darum suche der Verein auch männliche Unterstützer, die Spiele pfeifen möchten.

Aber zurück zum Spielablauf: Nachdem die Jammer erstmals durch das Pack durchgebrochen sind, werden die Punkte gezählt. Für jeden überrundeten Gegenspieler holen sie einen Punkt für ihre Mannschaft. Doch die Jammer müssen nicht gegen das gesamte Pack antreten. Jeweils vier Spielerinnen im Pack gehören zur eigenen Mannschaft. Sie räumen dem eigenen Jammer den Weg frei und versuchen die Gegnerinnen zu hindern. Und so entsteht die spannende Dynamik des Spiels. Nie steht es still, immer ist Action.   Video vom Roller Derby Portland

Politischer Lifestyle

Aber Roller Derby ist nicht nur Action auf Rädern, wie uns schnell klar werden sollte. Am Rand der Bahn hatte das Erfurter Team verschiedene Stände aufgebaut. Es gab ein Büfett und einen Stand des Sponsors “Ungezogen”, einem punkigen Laden aus Weimar, der das Team seit einiger Zeit finanziell unterstützt. Außerdem hatten die Roller Girls auch einen sport-politische Workshop zum Thema “A Tender to Gender” (engl. für “Ein Angebot an das soziale Geschlecht”) aufgebaut.  Denn Rollerderby hat auch eine politische Dimension:

Der „Style“ der Roller Girls ist erfrischend eigen. Alle Spielerinnen bekommen einen eigenen Spitznamen, der für sie weltweit einzigartig ist. Im Erfurter Team führte dies zu Wortschöpfungen wie “GrumpyGrump”, “GalaktIKA” oder “April O`Wheel”. Oft tauchen die Farben Violett, Pink oder Lila in Kombination mit Schwarz oder anderen Farben auf. Wer hier sofort Assoziationen zum linken Feminismus hat, ist auf der richtigen Spur.

Nachdem Roller Derby schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, ging es einige Jahrzehnte später an zu vielen konkurrierenden Verbänden und Organisationen zu Grunde. Heute ist Roller Derby geprägt vom Aufschwung der 80er Jahre, der von punkigen Subkulturen wie der Hardcore Szene oder den Riot-Girls geprägt war.

Diesem Comeback ist die politische Färbung des Sports zu verdanken. Von Beginn an sollte klar sein, dass im Roller Derby klassische Frauenbilder durchbrochen werden, Rassisten auf den Rängen nicht geduldet werden und Homo- als auch Transphobie keinen Platz haben. Damit grenzt sich Roller Derby auch von der naiven Vorstellung des „unpolitischen Sports“ ab, der, wie im Falle des Fußballs, ein Türöffner für massiven rechtsextremen Einfluss auf die Fankultur ist. Nicht umsonst nahmen die Mädels aus Erfurt beim Fotowettbewerb von “Deine Stimme gegen Nazis” teil und gewannen prompt den zweiten Platz. “Hinter diesen Idealen stehen alle unsere Mitglieder, auch außerhalb des Sports” erklärte Ika.

Schade nur, dass die Berichterstattung über den in Deutschland noch ziemlich unbekannten Sport bislang einseitig ist, um nicht zu sagen einfältig. „Prügelnde Anarcho-Tussen“, „Mal wieder richtig die Sau raus lassen“, „Nix für Pussys!“ – Dabei hat die Sportart ein großes Potential für Leute, die von den Auswüchsen einer in die Krise geratenen Männlichkeit in den Fußball-Stadion oder anderswo genervt sind. Neben sehr unterhaltsamer „Action“ besitzt Roller Derby hohe politische Ideale und ist nicht zuletzt deswegen, ein Sport, den Local Times weiter für euch verfolgen wird.

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