Massigcondome

Safer Sex seit 1929 – Kondome aus Erfurt

Kondom- und Gummiherstellung in vier politischen Systemen. In Erfurt steht die älteste durchgehend produzierende Kondomfabrik Deutschlands. Bereits ab 1929 liefen in der Landeshauptstadt die ersten Gummiwaren vom Band. Local Times war zu Besuch in den heiligen Hallen der Präservative.

Kurz vor der Wirtschaftskrise entstand 1929 die Firma »Gummiwarenfabrik Richter & Käufer« in Erfurt. Auf dem historischen Standort in der Tiergartenstraße dreht sich noch heute alles um die beliebten Verhütungsmittel. Zwischen Mehrfamilienhäusern und einem Netto-Supermarkt versteckt sich die mpt GmbH, die heute zum Kondomhersteller cpr gehört. Manfred Förtsch ist Geschäftsführer einer Firma die bereits 1934 die Kondommarke »Blausiegel« auf den Markt brachte. In der jüngeren Geschichte entstanden in Erfurt zwei weitaus bekanntere Marken: Mondos und Condomi. Förtsch ist selbst ein Teil dieser bewegten Unternehmensgeschichte. 1981 begann er als junger Diplom-Chemiker im VEB-Plastina zu arbeiten.

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Kondome am laufenden Band

Von wegen Gefühlsecht

Das Kombinat Plastina stellte Kondome für den einheimischen und internationalen Markt her. Die DDR erwies sich in Sachen Sexualpolitik als pragmatisch. Bereits ab den 1965 Jahren konnten DDR-Bürger die Pille kostenlos erwerben. Die Einführung von Kondomen galt damals weniger dem Schutz vor Krankheiten, als der Verhütung und der Sexualität. Förtsch betonte, dass Kondome dem Mann mehr Verantwortung im Bett auferlegen sollten, um so Gleichberechtigung in sozialistischen Schlafzimmern herzustellen.

Mit der Pille lag die gesamte Verantwortung der Verhütung bei der Frau. Zu DDR-Zeiten wollte man durch das Kondom auch dem Mann eine gewisse Verantwortung geben.

Auch die weibliche Lust spielte bei der Einführung von Präservativen eine Rolle. Der Sexualforscher und „Vater der DDR-Pille“ Karl-Heinz Mehlan stellte fest, dass durch die Verwendung von Kondomen, die Standhaftigkeit der Männer drastisch erhöht wurde und Frauen ein lustvolleres Liebesspiel ermöglichten. Förtsch fügt hinzu:

Der Sexuaforscher Mehlan hatte in seinen Studien festgestellt, rund 40% Prozent der Frauen kommen nicht zum Orgasmus. Hauptsächlich deswegen, weil der Mann zu früh kommt. Das Kondom war dazu geeignet, die Errektion nach hinten zu verzögern.

DDR-Kondome der Marke Mondo waren nicht halb so „gefühlsecht“, wie sie heute beworben werden. Im Gegenteil, sie zeichneten sich durch eine besonders starke Wanddicke aus.

Innovation aus der Schublade

Die deutsche Wiedervereinigung stellte für das VEB Plastina eine große Herausforderung dar. Westdeutsche Unternehmen drängten auf den ostdeutschen Markt. Die schwerfälligen Kombinate konnten mit den neuen Konsumbedürfnissen kaum mithalten. Die Erfurter Kondomproduktion besaß zwar großes Knowhow in der Herstellung, war aber mit dem Marketing für den kapitalistischen Marktes überfordert.

Marketing und Vertrieb hieß im Kombinat, ein Mitarbeiter saß vorm Telefon und wartete bis es klingelt.

Die Privatisierung von Plastina verlief dennoch erfolgreich. Die westdeutsche Firma »Wilhelm Everts GmbH« kaufte 1990 den Standort. Das Unternehmen produzierte eigentlich Luftballons und erblickte in den Kondomen wohl eine gewisse Verwandtschaft zum eigenen Produkt. Die »Erfurter Everts GmbH« trumpfte mit Innovationen. Während die sozialistischen Planstellen neue Erfindungen von jungen Chemikern eher kritisch beäugten, waren sie in der Markwirtschaft um so erfolgreicher.

Anfang der 80er war eine spannende Zeit für einen jungen Chemiker, weil wir viele neue Ideen im Labor entwickelten, die wir aber in der DDR nicht umsetzten durften. Mit der Wende konnten wir diese Schubladen öffnen und vermarkten.

Ein buntes Farbensortiment, neue Aromen oder dermatologische Verträglichkeit verstaubten ungenutzt in den Schubladen des Kombinats. Mit der Wende konnte die Erfurter Firma diese Errungenschaften ausspielen und platzierte sich erfolgreich gegen die Konkurrenz. Die Farb- und Aromenvielfalt, sowie die Hautverträglichkeiten der Ostkondome wurden zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

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Handbetriebene Prüfmaschine für Kondome mit extra-großen Reservoirs. Eine Schichtkraft schaffte zwischen 13000 und 15000 Stück. Respekt.

Condomi in Erfurt 

Die Everts GmbH fügte sich erfolgreich in der neuen Bundesrepublik ein. Doch bei der westdeutschen Luftballonfirma existierten auch Vorbehalte gegenüber der Sexware.

Die Vertriebsmitarbeiter im Westen, die bis dato Luftballons verkauft haben, sollten plötzlich Kondome vertreiben. Das ging gar nicht, es gab große Berührungsängste bei den älteren Angestellten.

Everts verlor das Interesse an Kondomen und 1999 kaufte Condomi den Erfurter Standort auf. Förtsch beschreibt die Zusammenarbeit als gewinnbringend für beide Seiten. Im Westen saß bei Condomi ein junges Team mit frischen Marketing-Ideen, im Osten das industrielle Know-How. Während die Konkurrenz ausschließlich in Asien produzieren ließ, konnte Condomi flexibel und in unterschiedlichen Mengen, Farben und Aromen direkt vor Ort liefern. Was nach Happy End klingen könnte, scheiterte allerdings am Börsengang von Condomi. Das frische Kapital aus dem Aktienmarkt wurde fehlinvestiert und die Expansion führte schlussendlich zur Insolvenz von Condomi.

Nach wechselnden Eigentümern und vielen Entlassungen gehört der Erfurter Standort heute zur deutschen »cpr«, welche in Südamerika zu den Marktführern unter den Kondomfirmen gehört. In Erfurt werden keine Kondome mehr produziert. Aber unter Einsatz von High-Tech wird in Erfurt jedes einzelne von mehreren Hundert Millionen produzierter Kondomen, auf die Dichte geprüft, versiegelt und verpackt. Manfred Förtsch schaut optimistisch in die Zukunft.

Kondome sind und bleiben ein zuverlässiges Verhütungsmittel und der Bedarf ist in den letzten Jahren immer gleich geblieben, wenn nicht sogar gewachsen.

Übrigens, wer sich fragt was aus den DDR-Kondomen »Mondos« geworden ist, sollte LIDL einen Besuch abstatten. Die Kette kaufte die Rechte an »Mondos« Ende der 90er Jahre und auch Erfurt beliefert die Marke noch heute.

 

ak

One thought on “Safer Sex seit 1929 – Kondome aus Erfurt

  1. Serwus,
    ich gehöre zu den Menschen, die früher überhaupt keine Kondome ausstehen konnten. Alleine schon beim Gedanken, dass ich das Gefühl hatte eine Haube anzuziehen, die mir den Spaß nimmt. Allerdings wollte ich meine Gesundheit nicht auf den Spiel setzen, da es immer mehr HIV Neuinfektionen in Europa gibt und griff doch zum Kondom. Damals gabs noch keine große Auswahl an Kondomen wie heute. Besonders gern mag ich die Gefühlsechten, aber auch die gerippten oder genoppten Kondome bereiten mir Spaß. Leider fehlt mir oft die Übersicht aller Kondome, deshalb fand ich eine interessante Internetseite http://kondom-guru.net/ die jeden gesundheitsbewussten Menschen eine ausführliche Beschreibung, sowie unabhängige Bewertungen zu den Kondom liefert. Kein Mensch sollte das Risiko auf die leichte Schultern nehmen, sondern handeln und sich schützen.
    Gruß

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