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Sie hassen. Wir lachen! Erfurt lacht

Seit Frühling letzten Jahres macht in Erfurt eine private Initiative von sechs Frauen auf sich aufmerksam, die sich für Vielfalt, Mitmenschlichkeit und Toleranz einsetzt. Im Kampf gegen Rechts setzen sie auf die vielleicht menschlichste aller Waffen: das Lachen. Zivilcourage 2.0 mit den Frauen von „Erfurt lacht„.

Zivilcourage zeigen: Früher hieß das nicht wegzuschauen, wenn Nazis einen Farbigen, einen Schwulen, einen Punk oder irgendwem, der irgendwie nur im Entferntesten anders ausschaute, in der Straßenbahn herumschubsten. Das hieß sich einzumischen, während die übrigen Fahrgäste so taten, als ginge sie das alles nichts an. Früher war das mal so, damals in den späten 90ern und frühen 0er Jahren.

Gesicht zeigen gegen Rechts

Heute, in den Zeiten von AfD, Pegida und besorgten Bürgern, ist das ein bissen anders. Zivilcourage heißt heute, den fremdenfeindlichen Strömungen unseres Landes immer und überall die Stirn zu bieten, ganz egal ob im Netz, bei Demos oder in der Straßenbahn. Heute hat Zivilcourage längst nicht mehr so viel mit Mut zu tun, wie damals. Inzwischen gibt es ungefährliche Mittel und Wege sich gegen Rechts stark zu machen. Nur eines hat sich bis heute nicht verändert, nämlich dass es noch immer viele Bürgerinnen und Bürger gibt, die so tun, als ob sie das alles nichts angehe.

Das ist ja auch das, was uns immer wieder verzweifeln lässt, wenn wir sehen, wie wenig Menschen – auf gut deutsch gesagt – ihren Arsch hochbekommen und zu sich sagen ‚ich muss da jetzt was unternehmen, ich muss zeigen, dass meine Stadt nicht so ein braunes Nest ist.

Erklärt Jana von Erfurt lacht. Zusammen mit einigen Freundinnen hat sie im Frühjahr 2015, kurz nach den ersten Thügida-Märschen, die Initiative Erfurt lacht ins Leben gerufen, die durch eine Fotoaktion auf sich Aufmerksam machte. Die Frauen besuchten Gegendemonstrationen und baten die Teilnehmer in eine Kamera zu lächeln, um mit ihrem Lachen Gesicht gegen Rechts zu zeigen. Inzwischen sind auf diese Weise über 800 Bilder zustande gekommen und beinahe täglich kommen neue hinzu. Die Aktion verbreitete sich in den Sozialen Netzwerken und fand so großen Anklang, dass viele Menschen ihre eigenen Fotos kurzerhand per Mail (erfurtlacht@mail.de) einschickten.

Die Aktion bietet den Bürgern, die sich vor dem Gebrüll und den Aggressionen bei den Demonstrationen fürchten, eine Möglichkeit Gesicht gegen Rechts zu zeigen, ohne sich damit angreifbar zu machen. Und das Lachen versteht jeder. Damit verbinden Menschen auf der ganzen Welt etwas grundsätzlich Positives.

Sagt Sue, die die Initiative von Anfang an begleitet.

Ein Beispiel für Zivilcourage

Seither hat sich Erfurt lacht zu einem leuchtenden Beispiel für Zivilcourage und privates Engagement gegen Rechts entwickelt. Neben der Fotoaktion, mobilisieren die Frauen für Gegendemonstrationen, halten die Leute via Facebook, Instagram und Twitter in Sachen AfD, Thügida und Co. auf dem Laufenden, schreiben kritische Beiträge über rechte Tendenzen im Land und veranstalteten im November ein großes, buntes Fest auf dem Anger, zu dem einige tausend Besucher kamen.

Angesichts dieser Erfolge ist es umso höher einzuschätzen, dass Erfurt lacht eine private Initiative ist, fernab von Parteien, Politik, Gewerkschaften und öffentlichen Verbänden. Die sechs Frauen investieren ihre Freizeit in den Kampf gegen Rechts und sind damit sogar erfolgreicher als vergleichbare Initiativen. Das parteiübergreifende Bündnis „Mitmenschlich in Thüringen“ etwa, um das es seit der erfolgreichen Demonstration im letzten November ziemlich still geworden ist, erfährt in den Sozialen Netzwerken nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie Erfurt lacht.

Von der Antifa belächelt

Der unkonventionelle und persönliche Stil von Erfurt lacht scheint anzukommen. Während sich andere in politischen Interessenskonflikten verfangen, sind die sechs Frauen davon überzeugt, dass es im Kampf gegen Rechts um die großen Gemeinsamkeiten und nicht um die kleinen Unterschiede geht. Sie werden deswegen auch nicht müde zu betonen, dass sie keinesfalls naive Träumerinnen sind, die glauben die Probleme der Welt weglachen zu können. Erfurt lacht setzt auf andere Protestformen als die meisten antirassistischen Bündnisse. Bei Vernetzungstreffen zu Gegendemonstrationen wurden die Frauen deshalb auch nicht gleich für voll genommen, wie Jana erzählt:

Klar werden wir von denen (die Antifa, Anm. d. Red.) auch mal belächelt, aber das ist uns dann piepegal. Jeder Protest gegen Rechts, der friedlich abläuft, ist für uns ein gelungener Protest. Allerdings müssen wir auch zugeben, dass manche Gegendemonstrationen wirklich finster ausgesehen hätte, ohne die Antifa.

In den letzten Monaten hat sich Erfurt lacht zunehmend mit den Rechtpopulisten um Björn Höcke auseinandergesetzt. „Ich sehe die AfD als Gefährung unserer Demokratie. Sie sind schon so etwas wie Nazis in Nadelstreifen“, sagt Jana, die nach den Demonstrationen häufig noch bis in die Nacht hinein, über den Aussagen Höckes sitzt und einen Bericht für Erfurt lacht schreibt. Darin versucht sie aufzuklären und den Leuten vor Augen zu führen, wie extrem die AfD in ihren fremdenfeindlichen Parolen inzwischen geworden ist.

Weiteres Straßenfest geplant 

Größere Unterstützung im Kampf gegen Rechts wünschen sich die Frauen vom Stadtrat und der Verwaltung:

Wenn wir über Erfurt sprechen, finde ich schon, dass unser OB mal gefragt ist. Da passiert ja so gut wie gar nichts. Stadtpolitisch – Mitmenschlich ist ja ein Thüringen weites Bündnis – würde ich mir da ein bisschen mehr erhoffen. Die wenigen leuchtenden Beispiele wie Rüdiger Bender, der immer da ist, sind da die Ausnahme.

Entmutigen lassen werden sich die Frauen davon aber nicht. Im Gegenteil: Sie planen bereits ein weiteres Straßenfest, dass sie für den 30. April – also ein Tag vor dem 1. Mai –  auf dem Anger angemeldet haben. Bei Musik, Luftballons und einem bunten Programm werden sie dann wieder versuchen, den Menschen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern. ganz nach dem Motto: Sie hassen. Wir lachen!

 

Anm. d. Red.: Jana und Sue wollten ihrer Sicherheit zuliebe nicht mit vollem Namen und Foto portraitiert werden. 

Text: Andreas Kehrer, Foto: Mit freundlicher Genehmigung von "Erfurt lacht".
08.02.2016

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