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Stadtteiltherapeuten Streetwork in Erfurt

Es gibt Berufe, die sind gut und es gibt Berufe, die sind sogar wichtig. Und dann existieren Stellen, die einfach unersetzlich sind. Einer dieser besonderen Arbeitsplätze ist die Jugendsozialarbeit, besser bekannt als „Streetwork“.  

Es ist Mittwochnachmittag im Rieth. Der Aprilwind pfeift eiskalt durch die Wohnblöcke im Erfurter Norden. Hinter einem der unzählbaren Fenster sitzt Katrin Lange, ihres Zeichens Diplom Erziehungswissenschaftlerin. Sie arbeitet seit zehn Jahren als Streetworkerin in den Problemvierteln der Stadt.  In einer umgebauten P2-Wohnung gegenüber der Vilinius-Passage schlürft sie vorsichtig an ihrem schwarzen Tee. Die Jugendsozialarbeiterin befindet sich im Stadtteiltreff der „Streetwork Nord“. Sie und ihre vier Kollegen arbeiten im Auftrag der Stadt Erfurt für die Belange von Jugendlichen, besonders in den Gebieten des Erfurter Nordens und Südens.

plakat»Die Menschen hier sind genauso gut oder schlecht, wie in wohlhabenden Gebieten. Nur materielle Unterschiede bringen eben eine ganze Verkettung von Problemen mit sich.«, erzählt Katrin Lange. Der gesetzliche Auftrag von Streetworkern ist überraschend klar formuliert. Im deutschen Sozialgesetzbuch heißt es, dass Jugendlichen „im Rahmen der Jugendhilfe sozialpädagogische Hilfen angeboten werden, die ihre schulische und berufliche Ausbildung, Eingliederung in die Arbeitswelt und ihre soziale Integration fördern.“ Streetworker helfen dort, wo entscheidende Übergänge im Leben stattfinden. Einigen Teenagern fehlen die Eltern, die diese kritischen Zeiten in die richtigen Bahnen lenken. Der Weg von der Schule in die  Ausbildung ist solch ein bedeutender Moment. »Es gibt Eltern, die wollen oder können einfach nicht die richtigen Impulse für ihre Kinder setzen. An diesen Stellen helfen wir als«, sie deutet Anführungszeichen an, »„Streetworker“ und stabilisieren diese kritische Phase. Es sind nicht nur Behördengänge, für viele Jugendliche stellen wir über Jahre eine Vertrauensperson dar.«

Das Vertrauen der Kids erarbeiten sich Katrin und ihre Kollegen mit viel Geduld. Sie steuern regelmäßig die Schulhöfe in einem Ford Transporter mit dem unübersehbaren Slogan „STREETWORK“ auf der Motorhaube an. Das Team verteilt je nach Jahreszeit warmen oder gekühlten Tee an die Schüler. „Was machtn‘ ihr so?“ ist oft ein erster Kontakt mit den Kids, der sich zu einer entscheidenden Hilfestellung für ein junges Leben entwickeln kann.  Sie besuchen auch Jugendhäuser oder kooperieren mit sozialen Vereinen in der Stadt. Es kann Monate dauern bis Jugendliche sich nach dem ersten Kennenlernen bei den Streetworkern melden. Selbst dann dauert es einige Zeit bis persönliche Vertrauensverhältnisse entstehen. Die Probleme der jungen Klienten reichen von „Wo kann ich meine Freizeit gestalten?“ bis zu Drogen- oder Missbrauchsfällen. Katrin Lange hält abwehrend die Hände hoch. »Mit der Polizei haben wir wenig am Hut. Klar, wir tauschen uns über größere Entwicklungen in bestimmten Gremien aus. Aber wenn die Kids von Drogen oder von kleineren Straftaten erzählen, würden wir niemals zur Polizei gehen.« Die Jugendsozialarbeit unterliegt einer Art Geheimhaltung. Sie darf bestimmte Delikte ignorieren, um glaubwürdige persönliche Beziehungen aufzubauen. Durch die garantierte Anonymität entstehen Vertrauensverhältnisse, die helfen ein zerrüttetes Leben aufzufangen. SozialarbeiterInnen sind eben echte Stadtteiltherapeuten.

Eines wird an diesem kalten Mittwoch deutlich: Jugendhilfe funktioniert nur, wenn sie über lange Zeit konstant aufrechterhalten, d.h. finanziert wird. »Städte neigen dazu die Arbeitsplätze der Sozialen Arbeit in „guten Zeiten“ zu streichen. Man versteht anscheinend nicht, dass wir über Jahre aufgebaute Kontakte pflegen, die wir nicht nach Belieben an- und ausschalten können. Wenn dann wieder angespannte Zeiten folgen, können wir nicht von heute auf morgen erfolgreich weitermachen.« Streetworker, die über viele Jahre in einer Stadt arbeiten, verwachsen mit ihren Vierteln. Häufig erleben sie in ihrem Berufsleben ganze Geschwisterfolgen. Streicht die Stadtverwaltung eine Stelle der sozialen Arbeit, trennt sie damit nicht nur wichtige menschliche Beziehungen, es kann auch der Gesellschaft teuer zu stehen kommen.

Nicht selten helfen die Sozialarbeiter jugendlichen Straftätern die schwierige Phase eines Gerichtsprozesses durchzustehen, der sich über Jahre hinziehen kann. Die Streetworker greifen den Teenagern während dieser Zeit unter die Arme und sorgen dafür, dass der Konflikt mit dem Rechtsstaat nicht zum Beginn einer dauerhaften kriminellen Karriere wird. Oftmals sind sie auch Integrationshelfer und unterstützen junge Menschen mit Migrationshintergrund, sich in ihrer neuen Heimat zurecht zu finden und werden so manchmal sogar zum Türöffner für die Integration ganzer Familien. Die Streetworker federn das fehlende soziale Umfeld ab, das die Migranten in ihrer alten Heimat zurückgelassen haben.

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Stadtteiltreff der „Streetwork Nord“

Auch ökonomische Veränderungen spürt die Jugendsozialarbeit sofort. Der zunehmende Wohnungsmangel und die steigenden Mieten sind für viele Menschen ein lästiges Problem. Die Wohnungssuche in einer Großstadt wie Erfurt dauert länger, so gibt es regelrechte „Castings“, nur um beispielsweise ein kleines WG-Zimmer zu ergattern. Außerdem sind die heutigen Mieten teilweise teuer geworden. Man verkraftet es. Katrin Lange sieht in der Mietproblematik dennoch eine der Zukunftsaufgaben der Sozialen Arbeit. Für einen Jugendlichen, der eine Ausbildung sucht, von den Eltern nicht unterstützt wird und womöglich noch einen Gewalt-, Missbrauchs- oder Drogenhintergrund hat, kann die Wohnungssuche zum existentiellen Problem werden. »Vermieter können sich bei der großen Nachfrage aussuchen, welche Nase ihnen am besten gefällt. Sie schauen sich die Finanzen der Bewerber an und ob sie langfristige, verlässliche Mieter sein könnten. Da fallen unsere Leute meist raus. Ohne die Kowo, die unsere Jugendlichen ab und zu ganz bewusst aufnimmt, hätten die Teenager echte Probleme.« Der Verein „Off Road Kids“ schätzt, dass jährlich bis zu 300 Kinder ab 12 Jahre obdachlos werden. Es existiert keine offizielle Statistik und die Dunkelziffer ist offenbar dramatisch höher.

Erfurt hat sich 2016 den Blues eingefangen. Der fehlende Stadthaushalt drückt auf die Kulturszene, mit der man sich gerne schmückt. Doch auch die soziale Arbeit wird immer wieder in Frage gestellt. Katrin schaut auf den grauen Linoleumboden des Stadtteiltreffs. „Streetwork ist eben eine freiwillige Leistung der Stadt, es ist keine Pflicht.“ Im Jahr 2012 verlor Erfurt bereits eine ganze Stelle in der Jugendsozialarbeit. Doch die Kids vertrauen sich nicht einer beliebigen Stadtangestellten an. Sie verraten nur „ihrer Katrin“ ihre Ängste und Probleme, weil die Jugendlichen sie seit Jahren kennen. Sie arbeitet nicht nur mit ihrem Wissen, sondern auch als Persönlichkeit. Striche man ihre Stelle, so verschwände auch die Arbeit einer Stadtteiltherapeutin für unzählige junge Menschen. Dabei scheint die Jugendsozialarbeit ein unschlagbares Geschäft für eine Gesellschaft zu sein. Ist es ein schlechter Deal, wenn Streetworker den Kids helfen eine Ausbildung zu finden, damit später nicht die Arbeitsagentur zahlen muss? Ist es nicht sinnvoller, sich im Hier und Jetzt um ein junges Mädchen mit Drogenproblemen zu kümmern, anstatt es später der Polizei und den Gerichten zu überlassen? Sollte eine Gesellschaft diese Win-Win Situation ignorieren?

Katrin Lange steht auf dem Balkon ihres Stadtteiltreffs mit seinem rot-verblassten Anstrich. Sie schaut nachdenklich auf das Gewusel an der Straßenbahn-Haltestelle „Vilniuser Straße“. Mit einem Lachen zeigt sie auf die ungewöhnliche Treppe, die von der Brüstung direkt auf den Gehweg führt. „Die Stufen sind nur eine kleine Hilfe, aber sollen zeigen: Für die Straße sind wir immer offen.“

10.05.2015, Text und Fotos: Armin Kung.

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